Howard Carpendale, Castingshows und Jugendwahn
20. Oktober 2011 10:02
Howard Carpendale (hier auf der Bühne der Erfurter Messehalle / Foto: Marcus Scheidel) ist an diesem Tag ziemlich genervt. Ich erreiche ihn am Telefon zum vereinbarten Telefoninterview, stehe aber garnicht auf der Liste, die er von seiner Veranstaltungsagentur bekommen hat. Seit kurz nach 10 Uhr habe er am Telefon nur Durcheinander, müsse seit einer halben Stunde schon eigentlich ganz woanders sein. "Du meine Fresse" schimpft er am Hörer, wir könnten das Interview doch auch am nächsten Tag machen, schlägt er vor. Sonst ist er wie immer nett, höflich. Und wir machen unser Gespräch dann doch sofort. Und dann gleich die nächste Panne, aber von der weiß er bis heute überhaupt nicht. Denn ich frage den Künstler, ob er denn überhaupt keine Angst habe, an einem närrischen Datum wie dem 11.11. in der Karnevalshochburg Erfurt auf die Bühne zu gehen. Dabei findet das Erfurter Konzert schon am 6. November in der Erfurter Messehalle statt, die Zuordnung der Daten in meiner E-Mail ist unübersichtlich, ich hätte doch besser zur offiziellen Pressemitteilung des Veranstalters greifen sollen, Die ist übersichtlich, das Datum eindeutig: 6. November Erfurter Messehalle, 11.11. Auftritt in Chemnitz. Ob die ehemalige Karl-Marx-Stadt auch sowas wie eine närrische Hochburg ist, weiß ich nicht...
Egal. Howie fragt mich, ob das in Erfurt so verrückt wie in Köln ist, da kann ich ihn beruhigen. Aber im Karneval ist in Erfurt halt wirklich eine Menge los, auch schon am 11.11.. Aber er müsse doch überhaupt keine Angst haben, denn seine eingefleischten Fans würden auch an einem 11.11. in die Messehalle kommen. "Und ich werde mich nicht karnevalistisch geben" betont der Entertainer und Sänger geradedurch. Und dann geht es um die Tournee, um seine Konzerte und das neue Album "Das alles bin ich". Er ist jetzt 65 und hat damit überhaupt kein Problem: "Ich finde es schade, dass wir in einer Zeit des Jugendwahns leben. In der Werbung sind die Menschen meist nur relevant bis 49. Ich glaube, die sind bescheuert. Aber gut. Ich fühle micht eigentlich recht wohl und blicke zurück auf ein sehr schönes Leben. Und ich hoffe noch auf ein paar kleine Dinge, die dann vielleicht auch Highlights in meinem Leben sind"..
"Das alles bin ich" titelt Howie in seinem jüngsten Album, da will ich doch wissen, wie er sich selbst sieht: "Ein Mensch ohne wahsinnige Extreme.Ich habe ein paar Macken. Ich spiele gerne Golf mit meinen Freunden und ich zocke mit denen auch, vielleicht manchmal ein bisschen mehr, als ich das tun sollte. Das ist nur ein Spaß, den wir da machen. Aber im Prinzipo bin ich für einen aus dieser Branche eigentlich relativ pragmatisch und normal geblieben. Ich glaube nicht, dass ich exzentrisch oder ausgeflippt bin. Ich habe meine Form, auszuflippen. Aber die Vernunft ist schon immer ein wichtiges Gebot für mich gewesen".
Wir sprechen dann über seine Musik, das er doch damals, als er nach Deutschland kam, gleich in die Unterhaltungs-Schublade Schlager gesteckt wurde. Und es gab ja auch mal sehr seichte Titel wie etwa "Das schöne Mädchen auf Seite eins".. Der Song wurde ein Hit, Howie glänzte damit sogar beim Deutschen Schlagerfestival, wurde mit 24 ein Star, verdiente eine Menge Geld, konnte sich was leisten. Etwa einen protzigen Ford Mustang. Er lief damals auch wie "ein bunter Papagei" durch die Gegend und auf die Bühne. Es war ja auch Flower-Power angesagt. Verdammt lang ist das her. Howard Carpendale hat dann aber sehr bald die Regie über seine Songs und deren Inhalt übernommen, es hatte nämlich auch plötzlich Rückschläge gegeben. Zu der Musik, die er seit 15 oder 20 Jahren macht, beknnt sich der Künstler ausdrücklich. Und mit der Schlager-Schublade könne er eigentlich nichts anfangen. Er wisse bis heute nicht genau, was eigentlich ein Schlager ist: "wohl eine eingängige Melodie mit deutschem Text"... Anerde Interpreten haben ein Problem damit, wenn sie als Schlagersänger bezeichnet werden, Howie vielleicht auch? Nicht wirklich. Er verweist auf die Jahrzhente, die er nun schon erfolgreich Musik macht, seine Konzerte, die nicht eine Aneinanderreihung von ein paar Hits sind, sondern dramaturgisch organisiert und durchgestylet. Und deshalb will er sich auch nicht mit Interpreten vergleichen, die mal eben mit ein paar Stimmungskrachern Erfolge auf der Bühne feiern dürfen.
Ich gehe auf die Songs seines aktuellen Albums ein. Aus einige Lieder höre ich sowas wie Schuldgefühle. Ob er solche habe, will ich wissen?"Nein, habe ich nicht", so die klare Antwort von Howard Carpendale (Foto rechts: dapd/Patrick Sinkel).. Er - so Howie - sei aber einfach erwachsener geworden. Und damit im Alter wohl auch nachdenklicher, interpretiere ich seine Einlassung. Ob er denn mehr Sänger oder Entertainer sei, will ich wissen. "Ich fühle mich mehr als Sportler, der zufällig singt.Ich komme vom Sport her, das war immer mein großer Traum, und ich sehe michauch heute ähnlich wie ein Sportler...." In Sachen Sport will Howard nicht auf Golf reduziert werden. Er, der eigentlich einst nach Europa kam, um eine Profikarriere als Kricketspieler in Großbritannien zu starten, was aber nicht klappte, ist auch besonders ein erklärter Rugby-Fan. Fußball mag er dagegen nicht wirklich heftig.
Und wann soll Schluss sein mit der Bühne? Eigentlich war der Abschied ja schon 2003 angesagt. Die Rückkehr ins Rampenlicht später ein Riesenerfolg. Howie geht auf die Welle von Casting-Shows ein: "Es gibt viel zu viel davon Das hat unserer Branche geschadet, ihr eine gewisse Verzauberung genommen....". Jedenfalls hat er noch richtig Spaß, ins Scheinwerferlicht der Bühne zu treten: "Ich spüre nach wie vor eine große Lust, auf die Bühne und auf Tournee zu gehen". "Lust auf mehr" (ein Titel aus 1998) sei immer sein Lebensmotto gewesen: "Das Leben ist eine Waagschale, da gibt es Höhen und Tiefen. Ich habe beides sehr genau kennengelernt. Ich glaube nicht, das es viele Menschen schaffen, über Jahrzehnte nur die schönen Seiten zu leben. Die Frage ist, wie geht man auch mit den Schattenseiten des lebens um. Und die waren für mich genauso wichtig wie die schönen Seiten"... Sehr wahr! Danke, Howie, für das Gespräch. Die Pannen mit Terminkalender und Karneval sind vergessen. Die Fans freuen sich auf das Konzert am 6. November in der Erfurter Messehalle. Tickets gibt es übrigens in den Pressehäusern. Und das neue Album "Das alles bin ich" in den Läden. Es ist wirklich gut gemacht, ich empfehle es gerne. Viel Spaß damit...