Fernsehabend im Gewölbekeller
6. Januar 2012 07:28
Eigentlich trifft sich das Thüringer Kabinett erst in der kommenden Woche zur ersten offiziellen Sitzung. Doch wann hat schon mal ein bundesdeutsches Staatsoberhaupt zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF Nachhilfe in Sachen Hausbaudarlehen, Pressefreiheit und modernes Büßertum gegeben.
Diese Breite der Lektionen wollten sich offenbar auch die heimischen Ressortchefs nicht entgehen lassen. Die üblichen schlecht informierten Kreise berichten von einer sich im Gewölbekeller der Staatskanzlei versammelten Ministerriege, die Mittwochabend den Auftritt von Bundespräsident Christian Wulff gemeinsam verfolgte. Eine Fiktion - ohne Folgen.
In der ersten Reihe vor dem überdimensionierten Flachbildschirm saßen demnach Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) und ihr Stellvertreter Christoph Matschie (SPD), die bei leicht gedimmtem Licht immer wieder die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Manch kurzsichtiger Augenzeuge fühlte sich dabei an seine ersten Kinobesuche im Teenageralter erinnert.
Hinter der Chefin soll Peter Zimmermann Platz genommen haben, mit einem weißen Blatt Papier auf den Knien. Was der Regierungssprecher darauf mit blauer Tinte schwungvoll notierte, wusste zunächst niemand. Der TLZ wurde jedoch ein sehr verwaschenes Schreiben zugespielt, auf dem die Anrede "Sehr geehrter, lieber Herr Wulff" und in der Betreffzeile "Bewerbung auf die Stelle des Sprechers des Bundespräsidenten" zu erahnen sind.
Der Amtsinhaber kämpfte im TV indes weiter um seine Würde und das schwarz-rote Ministerialduo Jörg Geibert (Innen) und Holger Poppenhäger (Justiz) mit unhandlich dicken Aktenordnern. Unklar blieb, ob die beiden Volljuristen ihre privaten Hypothekenunterlagen einer Sonderprüfung unterzogen oder sich auf die nächste Landtagssitzung vorbereiteten.
Auch Finanzminister Wolfgang Voß (CDU), so hieß es, habe glänzende Augen bekommen, als Wulff den Zinssatz für seinen Geldmarktkredit erwähnte, und sofort eine Notiz angelegt ("bei BW-Bank wg. Sonderkonditionen nachfragen").
Europaministerin Marion Walsmann (CDU) und Sozialministerin Heike Taubert (SPD) sollen derweil in einen Dialog über die Vorzüge von Doppelverdienerhaushalten vertieft gewesen sein. Während Landwirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) im Selbstgespräch über die Immobilienpreise in Burgwedel und Nordhausen sinnierte.
Zu dieser Zeit hatte Bauminister Christian Carius (CDU) längst die Lust an den Wulffschen Ausführungen verloren und hörte seine Mailbox ab, auf der er irgendwas von "Rubikon" zu verstehen glaubte, was er sogleich zu googeln begann.
Lediglich Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) kommentierte gewohnt markig ("Anfänger", "Dilettant", "den Berater würde ich feuern") und simste seinem Kumpel Sigmar Gabriel die Bitte, ihn möglichst schnell für "Bellevue" ins Gespräch zu bringen...