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Kollisionsgefahr auf Gehwegen

Nie zuvor hat sich die Welt so rasch geändert. Eine Atmosphäre aus Hektik und Stress hat von uns Besitz ergriffen. An den Aktienmärkten werden in Sekundenschnelle Geldmassen bewegt, von denen ein Bruchteil ausreichen würde, um den Thüringer Haushalt zu sanieren. Sehr zum Verdruss von Finanzminister Wolfgang Voß (CDU) werden die Summen aber anderweitig leider dringender gebraucht. Und wenn’s dumm läuft (und nur noch wenige zweifeln daran), kommt die Akropolis die Thüringer am Ende weit teurer als Domberg, Nationaltheater und Wartburg zusammen.

 

Doch vor lauter Unsicherheit und Beschleunigung nehmen Körper und Geist immer mehr Schaden. Und niemand scheint sich ernsthaft darum zu scheren. Dachten wir zumindest. Bis uns die Petition von Karl-Friedrich Lentze in die Hände fiel. Der Berliner − Lesern dieser Kolumne mit Sicherheit längst ein Begriff − ist zumindest die physische Unversehrtheit der Menschen ein ernstes Anliegen. Deshalb fordert er in den bundesdeutschen Innenstädten, sofern dies mit der jeweiligen baulichen Situation vereinbar ist, "mindestens zweispurige Gehwege", die durch eine durchbrochene Mittellinie unterteilt sind. Damit könnten Zusammenstöße aufeinanderzueilender Bürger und nicht zuletzt "Verletzungen menschlicher Frontpartien" elegant vermieden werden. Auch an die Straßenverkehrsordnung angelehnte Vorschläge für ein Regelwerk liefert der für seine skurrilen Eingaben bekannte Aktionskünstler gleich mit. Und lässt selbst Spezialfälle nicht außen vor: "Im Interesse eines möglichst ungestörten Verkehrsflusses sind Demos nur auf mindestens vierspurigen Gehwegen, bei Inanspruchnahme einer Spur zugelassen." Alles in allem ist Lentze überzeugt, damit die Fortbewegung auf den bundesdeutschen Trottoirs sicherer zu machen.

 

Wer nun meint, dieses doch mehr als absonderliche Begehren des Hauptstädters sei sogleich im Mülleimer der Thüringer Landtagsverwaltung gelandet, liegt falsch. Ein freistaatlicher Regierungsdirektor (Name der Redaktion bekannt), den wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes vorsichtshalber "Herr Eisenstab" nennen, scheint sich geradezu gefreut zu haben, seiner Fantasie endlich einmal freien Lauf lassen zu können und antwortet wie folgt: Im Zuge der europäischen Harmonisierung sehe sich der Petitionsausschuss dem nicht vollständig gelösten Problem gegenüber, "wie dieses Regelwerk auf internationalen Flughäfen mit einem unüberschaubaren Passagieraufkommen (wie zum Beispiel Erfurt-Weimar) verwirklicht werden könnte". Angesichts der vielen Touristen und Geschäftsreisenden aus Ländern mit Linksverkehr müssten möglicherweise zusätzlich blinkende Piktogramme, Lichtzeichenanlagen und farblich markierte Verkehrsinseln installiert werden. "Dass die (Leucht)Farben, die in Räumen benutzt würden, einer besonders strengen Gesundheitsverträglichkeitsprüfung unterzogen werden müssten, dürfte unstrittig sein", so Eisenstab. Auch dürfe eine zumindest überschlägige Kostenberechnung natürlich nicht fehlen.

 

Aus all diesen Gründen stellt der zuständige Landtagsausschuss "trotz dankbarer Anerkennung" der Sorge um die körperliche Integrität der Mitmenschen das Vorhaben Lentzes vorerst zurück - und überlegt nun, wie diesem Anliegen anders entsprochen werden könnte, bis "eine europäische Lösung für dieses Problem gefunden wird".

 

Aus unserer Sicht hat dieser an Kreativität kaum zu überbietende Einsatz eines Thüringer Beamten einen wertvollen Beitrag zur Entschleunigung der Umwelt geleistet und zudem unter Beweis gestellt, dass Staatsdiener - entgegen gängiger Klischees - durchaus humorvoll sein können...


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Elmar Otto

Porträt Elmar Otto

Landesredakteur Elmar Otto beleuchtet in seinem Weblog die Hintergründe des parlamentarischen Betriebs im Thüringer Landtag. 1968 in Dortmund geboren, fühlt er vor allem der politischen Klasse in Thüringen auf den Zahn. "Dass an der Redewendung, Feind, Todfeind, Parteifreund' etwas dran ist, konnte ich dabei häufig hautnah erleben", sagt Elmar Otto. Er ist seit Anfang 2000 in der Landeshauptstadt tätig.