"Before I die..." - Lebenswünsche auf schwarzer Wand in Erfurt

  • Wünsch Dir was: Bis Freitag steht die Tafel vor der Klanggerüst-Villa in der Magdeburger Allee 175. Danach soll sie an einem anderen Ort in der Stadt aufgestellt werden. Foto: Burkhard Gruess Wünsch Dir was: Bis Freitag steht die Tafel vor der Klanggerüst-Villa in der Magdeburger Allee 175. Danach soll sie an einem anderen Ort in der Stadt aufgestellt werden. Foto: Burkhard Gruess
Bevor ich sterbe, möchte ich ... Ja, was eigentlich? - Einen Marathon laufen? Mit Haien tauchen? Durch Indien reisen? Mit den eigenen Kindern Fußball spielen? Die Zugspitze erklimmen? In der Bibliothek übernachten? Balance finden? Lachen? Lieben?
Erfurt. Bevor ich sterbe, möchte ich... Diesen Satz gilt es zu vervollständigen, von Dienstag bis Freitag, 31. August, auf dem Gelände des Klanggerüsts in der Magdeburger Allee 175. Dort steht die "Before I die"-Wand, ein Projekt der amerikanischen Künstlerin und Stadtplanerin Candy Chang. Die Idee dazu kam ihr, als ein Mensch starb, der ihr nahe stand. "Was ist uns eigentlich wichtig?", fragte sie damals und verwandelte ein leer stehenden Haus in New Orleans in eine riesige schwarze Tafel; Kreide legte sie daneben. "Bevor ich sterbe ...", gab sie vor. Die Leerstelle füllten Nachbarn und Passanten mit ihren Hoffnungen, ihren Träumen und Wünschen. Öffentlich, doch anonym. Die schwarze Wand färbte sich bunt, mit großen Zielen, überirdischen Phantasien, ganz intimen Hilferufen.

Bevor ich sterbe, möchte ich ... Mandoline lernen. Eine Meerjungfrau werden. Ein Solarauto fahren. Ich selbst sein. - Am nächsten Tag war kaum noch Platz, Candy Chang baute weitere Wände an und dachte: Was wünschen Menschen in anderen Städten, in anderen Ländern?

Seit Dienstag steht eine schwarze Tafel in der Nähe des Ilversgehofener Platzes. Aufgebaut haben sie am Wochenende Burkhard Gruess, Florian Ortloff und tatkräftige Freunde. Der Berater im Gesundheitsmanagement und der Student lasen von Changs Projekt und erzählten in der Erfurter Kulturdirektion davon. Die Künstlerin hat kein Patent - sie sammelt Bilder von möglichst vielen Wunsch-Tafeln aus aller Welt. Sie gibt Tipps für geeignete Materialien, stellt den Schriftzug bereit. Nur Holz, Farbe und Kreide müssen bezahlt werden. Die Kulturdirektion stellte den Kontakt her zu Uta Fischer vom Bürgerbeirat Ilversgehofen, der Verein Klanggerüst freut sich über die Tafel vor der Tür.

Nach einigen Tagen soll sie weitergetragen werden und ein Jahr lang in der Magdeburger Allee stehen, das wünschen die Initiatoren. Verhandlungen mit dem Bauherrn einer Baustelle nahe der Lutherkirche laufen. "Die Magdeburger Allee ist der perfekter Ort für die Wand", sagt Burkhard Gruess. "Sie soll nicht in der Altstadt stehen und überwiegend von Touristen vollgeschrieben werden. Sie soll für die Erfurter sein."

Nach New Orleans wurden Wünsche schon in New York, San Francisco, Beirut und Amsterdam niedergeschrieben. Kleine und große, egoistische und utopische. Seit Dienstag also auch in Erfurt. Ein öffentlicher Raum zum Nachdenken soll diese besondere Wand sein. Eine Momentaufnahme der Dinge, die der Nachbarschaft etwas bedeuten. Für alle Passanten zu lesen, bis zum Griff zum Schwamm, der Platz schafft für Mehr, oder bis zum nächsten Regen, der die Wünsche davon spült - zumindest von der Tafel.


Martin Moll / 27.08.12 / TLZ
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