Amüsante Gedanken Über den Dilettantismus im ACC Weimar

  • Ästhetik und Wissenschaft finden zur Symbiose in der Installation "Ein Eimer voller Teilchen", die Hagen Betzwieser gemeinsam mit einer Chemikerin aufgebaut hat. Foto: Maik Schuck Ästhetik und Wissenschaft finden zur Symbiose in der Installation "Ein Eimer voller Teilchen", die Hagen Betzwieser gemeinsam mit einer Chemikerin aufgebaut hat. Foto: Maik Schuck
Ein lustvoller Reigen der Unprofessionalität offenbart sich in den Ausstellungsräumen am Weimarer Burgplatz: Wieder ergreifen die Laien, Autodidakten und Dilettanten Besitz von der ACC Galerie!
Weimar. Wir erinnern uns: Das Unfertige, Liebhaberische, keineswegs Professionelle war ebendort vor einigen Monaten schon einmal verbindendes Element für eine Ausstellung gewesen. Unter dem Titel "Film Script Manual Walking Tour" hatten sich Künstler des ACC-Stipendiatenprogramms und Weimarer Mediengestalter ganz unfachmännisch zum Unwissen bekannt und daraus ihre neuen Projekte entwickelt.

Die neue, von Frank Motz kuratierte Ausstellung am Burgplatz ist nun noch programmatischer mit "Über den Dilettantismus" überschrieben. Spitzbübisch lächelnd schmückt sie sich dabei mit dem Titel jener Schrift, in der Goethe und Schiller 1799 den künstlerischen Nichtprofi kurzerhand mit einem Pfuscher gleichsetzten.

Doch es gibt gar keinen Grund, derart über die Arbeiten der 19 renommierten und Nachwuchskünstler herzuziehen. In gewisser Weise sind sie alle kreuzverrückt, hanebüchen und ziemlich gaga - und durchpusten folglich das Besucherhirn mit einer frischen Brise an Innovationen und der ein oder anderen Kinderei. Wer sich traut, den eigenen Ernst kurzzeitig an den Nagel zu hängen und um die Ecke zu denken, wird sich hier gut amüsieren.

Da gibt es etwa die Installation von Hagen Betzwieser, die er zusammen mit einer Jenaer Chemikerin erarbeitet hat. In "Ein Eimer voller Teilchen" baumeln Teilchenmodelle von der Decke, die Betzwieser zunächst nur aus ästhetischen Gesichtspunkten zusammengesetzt hatte: Gehört nicht noch eine rote Kugel in das schwarze Cluster? Die Wissenschaftlerin allerdings formte aus dieser Zufallskunst realistische chemische Verbindungen, von denen eine sogar hochgiftig wäre.

Betzwieser seinerseits ist begeistert von den technischen Zeichnungen Karl-Hans Jahnkes, die an Jules Verne und den Steam-Punk-Kosmos erinnern. Der schizophrene Künstler, der Ende der 1980er Jahre starb, hatte sich selbst in die Psychiatrie einweisen lassen und fertigte dort einen Großteil seiner futuristischen Maschinen und Gerätschaften, von denen zumindest ein Teil erwiesenermaßen heute funktionieren würde.

Wahnwitzig und kryptischer wirken da die Projektpläne von Paul Etienne Lincoln - doch auch sie sollen funktionieren. Der Videokünstler Ian Bourn wiederum hat in den abgeblätterten Farbresten der Scheuerleiste seiner Küche eine Landschaft entdeckt und sich selbst dabei gefilmt, wie er sie aus seinem Geist auf der Leinwand versucht entstehen zu lassen. Der Franzose Thomas Tudoux preist Effizienz und Hyperaktivität als oberstes Moralgebot unserer Tage und versammelt dazu in einer Zeichnung eine Schar antiker, geflügelter Figuren. Unter ihnen wirbt ein Textband in Latein für Effizienz - ein Energy-Drink habe hier Pate gestanden, erklärt der Künstler.

Bis 12. August, 12-18 Uhr, Sa/So bis 20 Uhr; Eröffnung heute, 20 Uhr, im Beisein vieler Künstler


Franziska Nössig / 01.06.12 / TLZ
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