Wann sie ihren Vater wiedersehen, kann Natalia Chichua ihren Töchtern Ana-Maria (2) und Ekatarina (10 Monate) nicht sagen. Die Georgierin muss für alle stark sein. Foto: Lydia Werner
Es war noch ein neues, aber doch schon so vertrautes Gefühl für Ana-Maria, vom Papa ins Bett gebracht zu werden. Die Zweijährige kennt das erst seit wenigen Monaten und muss schon wieder darauf verzichten. Die kleine Familie hat ihre Wurzeln in Batumi in Georgien und erst seit Februar in Erfurt gemeinsam leben können. Jetzt wurde sie völlig gesetzeskonform auseinandergerissen.
Erfurt. Der Asylbewerber Vakhtang Abramishvili wurde am 22. Juni im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge nach Polen abgeschoben, weil er über das Nachbarland nach Deutschland kam. Ana-Maria fragt ihre Mama Natalia Chichua jeden Abend nach dem Papa. Die 32-Jährige erfuhr erst eine Woche später mit Hilfe ihres Rechtsanwalts, wo sich ihr Mann überhaupt aufhält. Um sich beim Erzählen nicht zu verhaspeln, hat die junge Frau sich Stichpunkte gemacht. Immer wieder muss sie tief Luft holen, manchmal gegen die Tränen kämpfen. Die plötzliche Trennung nach ein paar Monaten Familienglücks tut zu weh. Und sie macht sich große Sorgen um ihren Mann, der sich psychisch auch vorher schon mit den Umständen schwertat. Seit 1999 versuchte Natalia Chichua mit ihren Eltern aus Georgien auszureisen. Sie haben jüdische Wurzeln, bekamen im April 2006 den positiven Bescheid. Drei Monate später heiratete sie ihren damaligen Freund ohne Aussichten, dass dieser mit nach Deutschland darf. Im April 2007 verließ sie Georgien. Ohne ihren Mann und im fünften Monat schwanger. Zwar war das Geld knapp, doch das wenige Monate alte Baby stellte sie dem Papa bei einer Reise nach Batumi vor. Kurz nach der Geburt der zweiten Tochter im September 2009 versuchte es ihr Mann auf eigene Faust. Er kam über Polen, reiste nach Deutschland ein und stellte am selben Tag Asylantrag. Als jüdischer Kontingentflüchtling darf sie unbefristet bleiben, ihr Mann muss den Ausgang seines Verfahrens abwarten. Zunächst kam die junge Familie jedoch noch nicht zusammen. Der 30-jährige Jurist und Programmierer musste in Dortmund bleiben, bis es seiner Frau mit Hilfe des Rechtsanwalts gelang, dass er die weitere Entscheidung in Erfurt abwarten durfte. Seit Februar können sie so etwas wie ein normales Familienleben führen.
Mit dem Anruf einer Wohnungsgesellschaft fing der 22. Juni an. Es gebe ein Problem mit dem Briefkasten, hörte der junge Vater, der die Wohnung malern wollte, darum hatten alle bei den Großeltern übernachtet. Er spricht gut Deutsch und wollte die Sache gleich klären. Erwartet wurde er von der Polizei. Seine Familie sah er nicht wieder, konnte nur telefonieren. Seitdem kämpft und hofft seine Frau, die sich in Deutschland warmherzig aufgenommen und eigentlich rundum wohl fühlte. "Da scheint einiges schiefgelaufen zu sein", schätzt Karl Kopp von "Pro Asyl" ein. Einer gerade wiedervereinigten Familie auf unbestimmte Zeit den Vater zu entreißen, hält er für einen engherzigen Vollzug europäischen Rechts. "Man hätte der Familie viel Leid ersparen und dennoch gesetzeskonform handeln können, wenn das Bundesamt sich aus humantären Gründen entschieden hätte, über das Asylverfahren des Mannes in Deutschland zu entscheiden", sagt er. Die Fakten sind dem Bundesamt bekannt. Stattdessen folge eine vermutlich lange Zeit der Trennung und der Ungewissheit. "Pro Asyl" will den Fall verfolgen. Auch die Unterstützung der Caritas ist gewiss. "Ein so krasser Fall war uns bislang noch nicht bekannt", sagt Sandra Jesse von der Migrationsberatung der Caritas in Erfurt. Den Behörden grollt Natalia Chichua nicht. "Sie machen nur ihre Arbeit", sagt sie verzweifelt und hofft, dass sich die Menschlichkeit dennoch durchsetzt, wenn die Richter entscheiden. Ihr Gottvertrauen hat sie nicht verloren. Doch wird ihr Mann nach Georgien abgeschoben, wird ihre Zukunft auch dort liegen. Wie schlecht diese auch immer sein mag.