Bachwochen: Delian-Quartett mit hoch intensiven Polyphonien

Bei ihrem Bachwochen-Gastspiel am Sonntag im mäßig besuchten Musikgymnasium Schloss Belvedere entfaltete das "delian::quartett" eine verdichtet polyphone, voluminöse Intensität, so dass mitunter ein Kammerorchester zu spielen schien.
Weimar. Den Stalin-Preis erster Klasse erhielt Schostakowitschs g-Moll-Quintett im Jahr seiner Uraufführung, 1940, ein Jahr vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion. Hört man daraus das zentrale, feurig vorpreschende Scherzo in der atemberaubenden Interpretation des "delian::quartetts", wird unmittelbar vorstellbar, was die Russen auf der Schwelle zum Kriegseintritt daran so faszinierte: der in die Extreme der Musik gegossene Zeitgeist. Bei ihrem Bachwochen-Gastspiel am Sonntag im mäßig besuchten Musikgymnasium Schloss Belvedere entfalteten die Quartettisten eine derartig verdichtet polyphone, voluminöse Intensität, dass mitunter ein Kammerorchester zu spielen schien.

Mit irrwitzigen Diskant-Figurationen fiel das Klavier ein in diesen wilden Ritt, mit glasklarem Anschlag und souveräner Einbettung in die delian-Ideen gespielt von Fabio Bidini. Kurzfristig für Anatol Ugorski eingesprungen, den ein familiärer Trauerfall hinderte, vermochte Bidini den dynamischen Ambitus des "delian::quartetts" vom zarten pianissimo bis zum eruptiven fortissimo mitzutragen. Sicherlich hätte ein Ugorski sich dem Quintett noch grenzgängiger, abgründiger genähert, doch für gerade einmal zwei Tage intensiver Proben ließ Bidini bis hin zum tänzerischen Schlusssatz keine Wünsche offen.

Schon Schostakowitschs 6. Streichquartett vor der Pause war ein Genuss: Primarius Adrian Pinzaru als kristalliner Saitenstreichler, Andreas Moscho als agiler Adjutant an der 2. Violine, Aida Carmen Soanea mit zupackend-singendem Ton auf der Viola und Cellist Romain Garioud mit Vehemenz und Tragweite zeigten konzentrierte, mitreißende "musica da camera" - nahezu in Vollendung. Für die so stimmige wie intelligente Kopplung mit drei Contrapuncti aus Bachs "Kunst der Fuge", vibratolos und transparent geboten, für die mutige Programmgestaltung, für ihr zwischen himmlischer Ruhe und brennender Ekstase schwankendem Spiel erhielt das Quartett mit Fug und Recht stehende Ovationen.


Jan Kreyßig / 02.04.12 / TLZ
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