Der Paritätische: 1,1 Mio. für Demenzkranke sind zu wenig
Porträt
Rolf Höfert meint, dass ein Plus von 2,15 Euro pro Tag pro Demenzkranker nicht ausreicht. Foto: Peter Michaelis
Rolf Höfert ist in seinem Urteil eindeutig: Klassenziel nicht erreicht. Der Vorsitzende des Paritätischen in Thüringen ist einer der anerkanntesten Pflege-Experten in Deutschland und sitzt auch in zahlreichen Gremien auf Bundesebene. Was Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) jetzt vorgelegt hat, reicht für Höfert bei weitem nicht aus.
Erfurt. Er hat einmal den Taschenrechner angeworfen und durchkalkuliert, was die 1,1 Milliarden Euro mehr für Demenzkranke - auf den ersten Blick erscheint das viel - in Wirklichkeit konkret bedeutet. Und er kommt auf erschreckende Ergebnisse. Denn pro Demenzkranken bedeutet das genau ein Plus von 2,15 Euro pro Tag, 64 Euro im Monat oder gut 700 Euro im Jahr.Nach Höferts Einschätzung muss mehr Geld in die Hand genommen werden, um die Pflegesituation in Deutschland dramtisch zu verbessern. Mindestens vier Milliarden sind dafür notwendig, schätzt er."Die Leidensfähigkeit der Menschen auf diesem Gebiet ist offenbar stark ausgeprägt", sagt Höfert. Er rechnet vor: Es gibt etwa 1,4 Millionen Demente in Deutschland. Wenn er auf jeden Kranken zehn Betroffene rechnet - Partner, Kinder, Nachbarn, Ehrenamtliche -, dann kommt er auf eine Summe von 14 Millionen Menschen, die von dem Problemfall Pflege in Deutschland betroffen sind.
"Ganzheitliche Betreuung"
"Das sind 14 Millionen Menschen, die unter der gegenwärtigen Situation leiden. Da wundert es mich fast schon, dass der soziale Friede in Deutschland noch hält", so Höfert. Höfert möchte statt irgendwelcher Nachbesserungen einmal die Grundsatzfrage diskutiert haben: "Was ist der Gesellschaft die Versorgung von Alten, Kranken und Behinderten wert?" Seiner Einschätzung nach verschließen die Politiker die Augen vor den Problemen. Denn die Fakten seien ihnen zur Genüge bekannt. Bereits im Januar 2009 habe der Pflegebeirat einen Bericht vorgelegt, in dem die Pflegebedürftigkeit neu definiert worden sei. "Dabei geht es um die ganzheitliche Betreuung eines Menschen." Getan hat sich seither allerdings nichts.Große Skepsis bringt Höfert auch dem "Pflege-Riester" entgegen. Viele Menschen in Deutschland könnten sich diese freiwillige Versicherung überhaupt nicht leisten. "Es gibt ein hohes Potenzial von Armutsbedrohten und an der Armutsgrenze lebenden Menschen", unterstrich Höfert. Hier sei vielmehr die Solidargemeinschaft gefordert. "Eine steuerfinanzierte Lösung oder eine Bürgerversicherung gehören deshalb auf die Agenda", unterstreicht er.