Deutsche wollen weniger Wachstum und kontrollierte Märkte

  • Nach der großen Krise wünscht sich die Mehrheit der Deutschen eine gerechtere und nachhaltigere Wirtschaftsordnung. Foto: ddp Nach der großen Krise wünscht sich die Mehrheit der Deutschen eine gerechtere und nachhaltigere Wirtschaftsordnung. Foto: ddp
Fast 90 Prozent der Deutschen verlangen laut einer Umfrage eine neue, gerechtere und nachhaltigere Wirtschaftsordnung. Die Skepsis gegenüber dem freien Markt ist hoch.
Erfurt/Gütersloh. Kaum standen die Ergebnisse der Studie am gestrigen Morgen auf diversen Nachrichtenportalen im Internet, hatten die Computer des Unternehmens Google die passenden Werbebanner daneben platziert. "Die Linke im Bundestag: Die Finanzkrise zeigt die Grenzen des Kapitalismus" lautete der Text einer, natürlich von den Sozialisten bezahlten, Anzeige.

Vor einem Monat hatte die Bertelsmann-Stiftung vom Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid 1001 volljährige Frauen und Männer zu den grundlegenden Dingen des Lebens befragen lassen. Dabei kam nicht nur die erwartbare Einsicht heraus, dass für die allermeisten Gesundheit (80 Prozent) wichtiger ist als Geld (12 Prozent). Sondern auch dies: "Fast 90 Prozent fordern eine neue Wirtschaftsordnung, in der der Umweltschutz einen höheren Stellenwert hat als bisher und die den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft anstrebt."

So steht es in der Mitteilung der Stiftung, die von einem der größten nationalen Konzerne bezahlt wird, der antikapitalistischer Tendenzen eher unverdächtig ist. Flankiert wird die Aussage durch die Mitteilung, dass nur 28 Prozent der Deutschen auf die sogenannten Selbstheilungskräfte des Marktes vertrauten, in den neuen Ländern seien es nur 22 Prozent. Quelle persönlicher Lebensqualität ist für 80 Prozent die Gesundheit, für 72 Prozent eine intakte Familie und Partnerschaft sowie für 66 Prozent ein selbstbestimmtes Leben. Dazu erklärt eine 3-Viertel-Mehrheit dass für sie wachsender materieller Wohlstand weniger wichtig ist als der Schutz der Umwelt - wobei 93 Prozent natürlich Wachstum generell immer noch für wichtig oder sogar sehr wichtig halten.

Für Markus Lang von der Universität Jena sind die Antworten das Ergebnis eines langfristigen Wertewandels und einer kurzfristigen Reaktion auf die jüngste Abfolge von Finanzkrisen und Naturkatastrophen. Die These von den Grenzen des Wachstum sei zwar alt, habe sich aber jetzt erst in der Gesellschaft durchgesetzt, sagte der Politikwissenschaftler, der sich vor allem mit Politischer Theorie beschäftigt. Gleichwohl interpretiere er die Ergebnisse keinesfalls als generell antikapitalistisch oder systemfeindlich: "Die Menschen wenden sich nur gegen die Pervertierung des Kapitalismus, bei der der Profit privatisiert, das Risiko aber vergesellschaftet wird."

Ganz ähnlich formuliert es auch Christine Lieberknecht . Die Zahlen bestätigten nur, was man schon seit längerem wisse, nämlich dass die Finanz- und Wirtschaftskrise Vertrauen zerstört habe, sagte die CDU-Ministerpräsidentin. Inzwischen gehöre es auch in der Politik zum Allgemeingut, dass die Märkte stärker kontrolliert werden müssten. Insofern seien die Antworten nicht systemkritisch, sondern in jeder Hinsicht vernünftig.

Die grüne Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt formuliert es ähnlich: "Das Ergebnis besagt, wir sind ein kluges Volk und wir sind auch bereit, Einschränkungen hinzunehmen." Der Trend sei keine Absage an die soziale Marktwirtschaft, sondern Ausdruck einer besseren Weiterentwicklung in Richtung einer "öko-sozialen Marktwirtschaft".

Laut Lang zeigt die Studie sowieso, dass die gängigen Indikatoren, mit denen derzeit Fortschritt gemessen werde, nicht mehr zeitgemäß seien. "Die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt geben nur noch bedingt Auskunft darüber, wie weit eine Gesellschaft entwickelt ist", sagte er. Seit Langem werde versucht, Instrumente zu finden, mit denen man so etwas wie "das nationale Glück" messen könne. Denn auch dies, sagt der Wissenschaftler, lasse sich ganz offensichtlich mit Geld nicht kaufen.


Martin Debes / 20.08.10 / TA
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