Die Akte Wilhelmsthal: Historisches Erbe Thüringens verrottet
Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach steht weiterhin kurz vor dem Verfall. Die Sanierung des historischen Erbes geriet ins Stocken und das, obwohl die prächtige Stuckdecke im Tlemannsaal derzeit akut einsturzgefährdet ist. Rosig sind die Aussichten für dieses Barockjuwel nicht.
Wilhelmsthal. "Denkmalschutz und Denkmalpflege haben große Bedeutung. (...) Das große Engagement des Freistaats für die Erhaltung der vielfältigen Denkmallandschaft werden wir fortsetzen." So definierte Christine Lieberknecht (CDU) in ihrer ersten Regierungserklärung am 19. November 2009 eines ihrer markanten Ziele. Fast zeitgleich wurde Schloss Wilhelmsthal aus dem Bestand des Thüringer Liegenschaftsmanagements (Thülima) an die landeseigene Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten übertragen, wechselte also aus der Hand des Finanz- in die des Kulturministers. Das Schicksal dieses Barockjuwels erwächst nun zum Lackmustest für die Glaubwürdigkeit Lieberknechts. Nach zwei Jahren lautet die nüchterne Bilanz: Gut sieht das nicht aus.Die bislang aus Bundesmitteln des Konjunkturprogramms II finanzierte Sanierung des Anwesens ist jetzt ins Stocken geraten. Der mit Leib und Seele engagierte Stiftungsdirektor Professor Helmut-Eberhard Paulus, der sich nach der Aufgabe in Wilhelmsthal wahrlich nicht gesehnt hat, rennt gegen eine Mauer der Ignoranz und Indolenz. Da wird beteuert und versichert, beschönigt und hingehalten. Bei Bedarf auch gelogen. Verwickelt in diese Affäre sind das Kultur- und das Finanzministerium, für einige Zeit nach der Wende trug auch das Sozialministerium die Verantwortung.Aber der Reihe nach: Ist Wilhelmsthal überhaupt derart bedeutend? Ab 1710 ließ Johann Wilhelm, Herzog von Sachsen-Weimar, durch seinen Oberbaumeister Johann Mützel in dem wildromantischen Talkessel unweit von Eisenach erste pavillonartige Gebäude errichten. Als Vorbild für dieses Barockensemble diente offensichtlich das Lustschloss Marly-le-Roi Ludwigs XIV. von Frankreich: Die bedachtsam gegliederte Architektur sollte der Erholung jenseits der Hofetikette dienen. Markantes Gebäude im Schnittpunkt zweier Sichtachsen war damals das Corps de Logis mit einem prächtigen, bis heute erhaltenen Festsaal: kostbare Stuckdecken, intarsierte Fußböden, delikate Wandmalereien.
Einzigartiger Telemannsaal
Johann Wilhelm frönte in Schloss und Park ebenso wie seine Nachfolger, die noch bis 1910 emsig an-, um- und weiterbauten, diversen Lustbarkeiten, etwa der Jagd und den Musen. Zwar ist das Laboratorium für alchemistische Experimente nicht erhalten, aber man weiß zuverlässig, dass im Saal musiziert wurde. Der Eisenacher Konzert- und spätere Kapellmeister Georg Philipp Telemann ist dort aufgetreten.
Seine wachsende Prominenz mag die Idee befördert haben, für die nächste Bauphase einen Saalbau mit ovalem Konzertsaal einzuplanen. 1714 wurde er eingeweiht. Die famose Stuckdecke zeigt mythologische Jagdmotive, auf die Telemann in einer Kantate Bezug nimmt. Es ist die letzte erhaltene Uraufführungsstätte von Serenaden aus seiner Feder, wie Experten der Telemann-Gesellschaft, Magdeburg, wissen. Deren Vizepräsident Wolfgang Hobohm schwärmt, was die barocke Akustik angehe, kenne er nur noch in Russland einen vergleichbaren Saal. - Wenn man es ernst meint mit dieser kulturhistorischen Pretiose in Thüringen, wäre ein transdisziplinäres Forschungsprojekt dringlich.
Zar Alexander war gerne zu Gast
Aber nimmt man es wirklich wichtig mit Wilhelmsthal? Dass Goethe und Liszt und Hebbel, ja sogar der russische Zar Alexander dort zu Gast waren: Wen kümmert's? Dass kein Geringerer als Hermann von Pückler-Muskau den Landschaftspark konzipierte: Na und? Von einer kulturtouristischen Vermarktung ist die in relativer Nähe der Wartburg und Schloss Altensteins gelegene Anlage ohnedies noch weit entfernt.Nach 1945 nutzten die DDR-Organe das Relikt aus feudalistischer Zeit als Kinderheim. Im Telemann(speise)saal durften die Kleinen mit Tassen und Tellern klappern, der nachträgliche Küchenanbau wurde inzwischen wieder abgerissen. So fiel das barocke Schlösschen zur politischen Wende auch zunächst dem Sozialministerium in die Hände, das es bis 1993 seinem sozialistisch verfremdeten Bestimmungszweck überließ. Danach wurde das Schloss leergezogen und an ein benachbartes Berufsbildungszentrum vermietet. Was in den Jahren nach 1990 in den Bauunterhalt investiert wurde, lässt sich heute schwerlich eruieren.Erst mit dem 1. April 2001 tritt das Finanzministerium in das traurige Spiel ein. So ein Schloss stellt ja irgendeinen materiellen Wert dar; folglich wurde die Thülima beauftragt, es zu verhökern. Aber in welchem Zustand? Man muss davon ausgehen, dass die Liegenschaftsbehörde - und dies vielleicht gar zu Recht - nur das Allernötigste an Mitteln hineinsteckte.
Er mauert: Die Haushaltskonsilidierung ist Finanzminister Wolfgang Voß wichtiger. Foto: Peter Michaelis
Zwischen 2001 und 2008 seien 328 300 Euro für Erhaltungs- und Sicherungsmaßnahmen geflossen, lässt Finanzminister Wolfgang Voß (CDU) auf Nachfrage mitteilen. Das Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr habe für alle Maßnahmen in Abstimmung mit den Denkmalbehörden Sorge getragen. Ob keiner genau hinsehen wollte? Längst war Wilhelmsthal vom barocken Juwel und herrlichen Zeugnis thüringischer Residenzkultur zur allseits ungeliebten Altlast verkommen.
Voß sitzt jetzt am längeren Hebel
Sich diese Bürde aufzuladen, hat naturgemäß kein Investor sich bereitgefunden. Also schlug man die halbe Ruine der Schlösserstiftung zu, kanalisierte Bundesmittel dorthin und versprach als Morgengabe zudem zwei Millionen Euro aus dem Landesetat. Wolfgang Voß - auf Kosten des Kabinettskollegen Christoph Matschie (SPD) - ist einer eklen Sorge ledig und verweigert weitere Auskünfte. Er sei ja nicht mehr zuständig. Und Matschie? Tja, schlecht verhandelt, kichert es aus dem Finanzministerium, Matschie läuft jetzt den zwei Millionen Euro hinterher. Die sollen ja fließen - nur wann, das hat ihm keiner gesagt. Erst einmal hat die Haushaltskonsolidierung Priorität.
Der Zustand ist längst nicht stabil
Und so sind wir wieder bei Helmut-Eberhard Paulus, dem Direktor der Schlösser-Stiftung. Dank der Bundesmittel wurde die einsturzgefährdete Decke im Telemannsaal in letzter Minute gerettet, die Schwammsanierung indes ist nicht abgeschlossen. Im Corps de Logis wurde der vom Holzbock zerfressene Dachstuhl abgetragen; bis zum Frühjahr soll es ein neues Dach geben. Weite Teile des Fachwerks musste man austauschen oder, wie es im Expertenjargon heißt, anschuhen. Zwar befinden sich weder der Telemannsaal noch das Corps de Logis in einem stabilen Zustand, doch gilt ab Frühjahr auf unbestimmte Zeit Baustopp. Denn die Schlösserstiftung hat kein Geld mehr.Diese Not werden Holzfäule und Hausschwamm dem Freistaat gewiss großzügig verzinsen. Wann je hätte ein Pilz behördliche Anweisungen respektiert? Wäre der promovierte Volkswirt Voß ein kluger Kaufmann, würde er eine Teilmarge der ausstehenden zwei Millionen Euro für 2012 anweisen. Aber einem Kollegen mit rotem Parteibuch helfen? Ginge das wirklich nach konservativem Politikverständnis?2012 soll Wilhelmsthal Spielort der Telemanntage sein. Man muss den Besuch internationaler Gäste befürchten. Sie werden dann erkennen, was Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht unter "großer Bedeutung" der Denkmalpflege versteht. Zumal sie als Schirmherrin des Festivals gerne fungiert.