Farbenspiel aus Schwarz, Rot und Weiß: Horst Peter Meyer stellt seinen Graphiken Texte zur Seite, die sich dann gegenseitig beeinflussen und etwa der Dichtung eine neue Aussage entlocken. Foto: Luise Schendel
"Fluchtmuster": Das Jenaer Romantikhaus zeigt Arbeiten des Weimarer Künstlers Horst Peter Meyer.
Jena. Ganz gleich, ob er die Arbeiten Christoph MartinWielands oder Sarah Kirschs unter die Lupe nimmt - der Weimarer Künstler Horst Peter Meyer bewegt sich ebenso zielsicher wie virtuos zwischen den literarischen Werken verschiedener Epochen. Mit detektivischer Klarsicht, kritischem Blick und purer Lust am geschriebenen Wort verarbeitet er das Gelesene so geschickt und folgenschwer in seinen graphischen, zeichnerischen und collagierten Flacharbeiten, dass Klaus Schwarz, seines Zeichens Leiter des Jenaer Romantikerhauses, einer hauseigenen Schau einfach nicht widerstehen konnte. Dass er diese Wirkung auch gerne bei den Kunst- und Literaturdurstigen sehen würde, die das ihm anvertraute Literaturmuseum tagtäglich erkunden, ist ein offenes Geheimnis. Mit 93 ausgestellten Arbeiten Meyers dürfte dies in der aktuellen Ausstellung "Fluchtmuster" nicht schwerfallen. Denn dort folgern sich aus dessen intensiver Auseinandersetzung mit der Geschichte Versatzwerke, deren Anziehungskraft im suggestiven Farbenspiel aus Schwarz, Weiß und Rot kulminiert. Texte werden Graphiken zur Seite gestellt, ergänzen und verdrehen sie, bis die Dichtung ihre neue, eine neo-romantische Aussage offenbart. Und die ist, wie Meyer erklärt, keinem Schema zuzuordnen, verläuft je nach Tagesform zum Sehnsuchtsmoment hin oder besitzt ganz bewusst die flüchtige Treffsicherheit einer Einkaufsliste. Dabei wird klar, dass seine Arbeiten eine Paralleldimension skulpieren, die über teils überlappende Bildebenen hinweg die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit ad absurdum führen, Korrespondenzen aufdecken oder Dialoge zerschlagen.
Es ist ein geradezu transzendentes und meditatives Spiel, dessen sich der Weimarer bedient, um mit großem, scheinbar flüchtigem Pinselduktus und fast skizzenhafter Geometrisierung Emotionen und Gedanken zu verzerrten Masken und unruhigen Leibergeflechten zu abstrahieren. Auf diese Weise setzt sich Meyer nicht nur zeichnerisch mit den Märchen E.T.A. Hoffmanns wie "Meister Floh" auseinander, sondern bedient sich auch der Radierung, um in seiner kleinen Arbeit "Ich folge frei dem Fluge meiner Phantasie" jenem zuvor genannten Romantiker sowie seinem eigenen kürzlich verstorbenen Dackel ein Denkmal zu errichten. Arkadien galt nicht nur den historischen Literaten als verloren, möchte man im Angesicht von Meyers Werken meinen, doch die Sehnsucht bleibt hier wie dort eine Triebfeder. Und zwar jene, die gleichsam Antworten auf Identität und Vergangenheitsbewältigung in Folge der DDR-Zeit anhand von über 400 Blättern Pentimenti sucht, auf welchen Wieland-Zitate auf Illustrationen und Sätze aus der Stasi-Akte des Weimarer Künstlers stoßen. "Welcher Donner gibt mir Stimme?", fragte einst Friedrich Gottlieb Klopstock - und Horst Peter Meyers stumme Antwort lässt es uns erahnen. Bis 8.7., Di-So 10-17 Uhr, Eröffnung: Samstag, 15 Uhr