Einblick in die Stasi-Akten des Künstlers Kurt W. Streubel
Porträt
Auch Kurt W. Streubel war ein Thüringer Künstler, der nicht ins DDR-Bild passt. Archiv-Foto.
Kurt W. Streubel (1921-2002) ist zu DDR-Zeiten einer der widerspenstigen, unbequemen und unverstandenen Künstlern gewesen. Nach Studien 1946 in Weimar hatte er lange Zeit in Gotha gelebt. Nun wird mit einem literarisch-musikalisch-grafischer Abend nicht nur seine Kunst ins Blickfeld gerückt, sondern auch, wie die Stasi hinter ihm her war.
Erfurt/Gotha/Weimar. Mit diesem Aspekt hat sich Hildigund Neubert
, die Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, befasst.Streubel hatte sich den expressionistischen Formen verschrieben und war damit im Verband Bildender Künstler über lange Jahre nicht erwünscht gewesen, was dazu führte, dass es ihm sowohl an öffentlichen Aufträgen als auch an der Beschaffung von Materialien mangelte. Der Mann, der sich als Kunstphilosoph verstand, wurde für "einige junge Wilde in den 1970er Jahren zu ihrem kunstphilosophischen Lehrer", sagt Neubert. Dies und vor allem auch eine am 4. Mai 1976 veranstaltete Ausstellung in Privaträumen des Suhler Komponisten und Dirigenten Siegfried Geißler machte den Künstler offenbar so verdächtig, dass die Stasi jahrelang Spitzel auf ihn ansetzte. Ein Mathematik-Professor, Mitglied der Leopoldina Halle, hatte bei der Privatschau, zu der 60 Interessierte aus dem weiten Umfeld kamen, Streubels Werk eine "hohe Haltung und Ausdruckskraft, eine Kunst, die dem sozialistischen Realismus nicht innewohnt" attestiert, wie ein IM festhielt.Die Operative Personenkontrolle (OPK) wurde 1977 eröffnet - mit dem unterstellten Verdacht auf Untergrundtätigkeit. Streubel war auch im Visier der Stasi-Aktion "Bestätigung 76" im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Doch Streubels Haltung blieb hier unklar. Die OPK wurde 1981 archiviert - zu diesem Zeitpunkt war Streubel doch noch in den Künstlerverband gelangt.Neubert fand beim Blick in die Akten heraus, dass die IM dem "Redeschwall" Streubels häufig nicht gewachsen waren. So werden denkwürdige Äußerungen zusammengetragen wie jene, dass Streubel eine negative Auffassung zur sozialistischen Kunst- und Kulturpolitik, insbesondere zum sozialistischen Realismus in der Malerei habe. "Er wäre als surrealistischer Maler berufen, dem zur Zeit vorherrschenden materialistischen Terror entgegenzutreten", heißt es dort. Und IM "Journal", eine enge Mitarbeiterin Geißlers in der Suhler Philharmonie, berichtet, Streubels Kunstauffassung sei in den 1920er Jahren "stecken geblieben. Diese bourgeoise Kunsttheorie" habe "zwangsläufig immer in die Sackgasse führen müssen..., die Sackgasse des Antikommunismus." Streubel sei einerseits "ein leidenschaftlicher Hasser des Faschismus", auf der anderen Seite lege er seine Bilder so an, "dass sie eben nur ... von einer geistigen Elite verstanden werden sollen", so die Einschätzungen, die von Kleingeist und Ignoranz zeugen.
Das MfS stand, so die Einschätzung Neuberts, der Künstlerpersönlichkeit und der Bewertung seines Schaffens ziemlich hilflos gegenüber: "Seine surrealistische Malerei der Gegenwart lässt weder eine positive noch eine negative Aussage für den Betrachter zu", steht in den Akten. Als Grund für die Bespitzelung sieht sie das Unverständnis für Streubels Schaffen: "Dass sie etwas nicht verstanden haben, war ihnen unerträglich", erklärt sie. Neubert schätzt die Beobachtungen als "relativ aufwendig" ein. Mit der Anerkennung, die Streubel schließlich durch die Aufnahme in den Künstlerverband doch noch erfuhr, habe er auch eine gewisse Zurückhaltung gezeigt, schließt Neubert aus den Stasi-Akten und spricht von "Disziplinierung durch Umarmung". Es sei allerdings nicht davon auszugehen, dass sich Streubel in besonderer Weise angebiedert habe, stellt sie klar. Neubert ist selbst angetan von Streubels Werk, würdigt seine Farbkompositionen, die Formensprache... - und freut sich besonders darauf, dass bei der Veranstaltung auch Originale aus dem Angermuseum gezeigt werden können.Geißler, einst SED-Mitglied und eigensinniger Kopf, der zwölf Jahre von der MfS im Operativen Vorgang "Antipode" beobachtet worden war, war Streubels Freund und Mäzen. Geißler war es auch, der - nach dem Austritt aus der SED im September 1989 - zu einem der führenden Köpfe der Revolution in Suhl und später zum ersten Alterspräsidenten des Landtags wurde. Geißler, Jahrgang 1929, hat sich jetzt für die Würdigung Streubels in Erfurt stark gemacht. Er präsentiert Texte und projiziert Bilder Streubels, Rudolf Hild bietet eigenen Kompositionen zu Streubels Texten.Donnerstag, 29. März, 19.30 Uhr, Kulturforum Haus Dacheröden in Erfurt, Anger 37, Eintritt frei