Erfolgsschriftsteller schickt Elfjährigen auf eine illustre Schiffsreise
Porträt
Im Roman "Katzentisch" muss der elfjährige Junge Mynah sein exotisches Kindheitsparadies zurücklassen. Foto: dapd
Mit seinem Roman Der englische Patient wurde US-Autor Michael Ondaatje berühmt. Katzentisch heißt sein neuer Roman.
Um Mitternacht verlässt die "Oronsay" den Hafen von Colombo in Ceylon, heute Sri Lanka. Für den elfjährigen Michael, der an Bord Mynah gerufen wird, ist es die erste große Reise, die ihn im Jahre 1954 zu seiner in England lebenden Mutter führt. Das Schiff, das im Zweiten Weltkrieg Truppen transportierte, ist ein Luxusliner, die dreiwöchige Reise aber keine Kreuzfahrt. Der Schriftsteller Michael Ondaatje, Jahrgang 1943 und weltweit bekannt geworden durch seinen Bestseller "Der englische Patient", war so alt wie die Hauptfigur in seinem neuen Roman "Katzentisch", als er die Ozeanfahrt von Ceylon nach England antrat. Acht Jahre später, 1962, ging er nach Kanada. Seine komplizierte Herkunftsgeschichte mit singhalesisch-tamilisch-niederländischen Wurzeln hat er in seinem Roman "Es liegt in der Familie" beleuchtet. An die über 50 Jahre zurückliegende Schiffsreise kann sich Ondaatje kaum noch erinnern, doch sie war prägend für sein zukünftiges Leben. Abrupt wurde der Junge aus seinem exotischen Kindheitsparadies gerissen, wie Mynah, der an Bord der "Oronsay" (es hat mehrere Schiffe mit diesem Namen gegeben) aufregende Begegnungen mit der Erwachsenenwelt durchlebt. Die ihn begleitende Tante Flavia logiert in der Ersten Klasse. Mynah muss im Speisesaal weitab vom Kapitän Platz nehmen, am "Katzentisch", wo sich eine illustre Gesellschaft einfindet. Zu ihr gehört Mr. Mazappa, ein Jazzpianist, der Abend für Abend in der Bordkapelle auftritt, den Dreivierteltakt erklärt und erotische Schlüpfrigkeiten auf Lager hat. Larry Daniel, ein Botaniker, betreut im Laderaum des Schiffs einen Garten voller Heil- und Giftpflanzen, und die merkwürdige Miss Lasqueti trägt in ihrer Jackentasche Tauben umher. Ein Dieb ist am Werk, am frühen Morgen fährt ein australisches Mädchen Rollschuh, und nachts wird heimlich ein mutmaßlicher Mörder in Handschellen an Deck geführt. Des weiteren gibt es noch eine Akrobatentruppe und Mynahs Cousine Emily. Die Kinder gehen auf Entdeckungstour in die Unterwelt des Schiffes, denn sie haben rasch erkannt, dass sie hier eine ihnen bisher unbekannte Freiheit ausleben dürfen. Mynah beobachtet die Erwachsenen ganz genau und belauscht ihre Gespräche, die er in einem Schulheft festhält.
Was zuerst wie eine Abenteuergeschichte nach Joseph Conrad anmutet, verrätselt sich in geheimnisvollen, dramatischen Vorgängen und vibriert in den Träumen und neuen Wahrnehmungen der Hauptfiguren. Mynah erfährt: "Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten." Ondaatje wechselt die Erzählperspektive, geht vom Kind zum erwachsenen Michael, dem Schriftsteller, der Jahrzehnte später seine Cousine Emily zum ersten Mal besucht. Doch der Rausch der Kindheit ist längst vorüber, und das Leben bleibt merkwürdig blass. Dafür findet Emily die Worte: "Wir wurden alle erwachsen, bevor wir erwachsen waren." In der Nachbemerkung zum Roman schreibt Ondaatje, dass es sich bei seinem Buch um "ein Werk der Fiktion" handelt, "obwohl der Roman sich hin und wieder des Kolorits und der Örtlichkeiten von Lebenserinnerungen und Autobiographie bedient". "Katzentisch" wird ein gern gelesenes Buch werden. Es ist nicht so stark wie "Der englische Patient", aber mit vielen klugen, zauberhaften Sätzen, in denen sich der Leser wieder findet. So sagt Mynah: "Manchmal finden wir unser wahres, ganz und gar uns gehörendes Ich in der Jugend. Dann erkennen wir etwas in uns, was anfangs winzig ist und in das wir hineinwachsen werden." Michael Ondaatje: "Katzentisch". Roman. Aus d. Engl. v. Melanie Waltz. Hanser. 304 S., 19,90 Euro