Erfurter Vertreter kehrt enttäuscht aus Berlin zurück

  • Erfurter Vertreter bei Zukunftsdebatte kehrte enttäuscht aus Berlin zurück. Foto: Radio Frei Erfurter Vertreter bei Zukunftsdebatte kehrte enttäuscht aus Berlin zurück. Foto: Radio Frei
Wie auf einem Kindergeburtstag sei er sich vorgekommen, als die 15- bis 33-Jährigen in großer Runde zusammensaßen: Mit dem Anschlagen einer Klangschale seien sie zum Öffnen der Augen aufgefordert worden nach einer geglückten Zeitreise.
Erfurt/Berlin. Überholte Theaterpädagogik nennt Johannes Smettan das. Wenn anschließend über das Schulsystem diskutiert wurde, beschränkte sich dies auf die Frage, ob das Abitur nach 12 oder 13 Jahren erreicht werden solle. Die von Smettan ins Gespräch gebrachte Vision, dass 2050 keine klassischen Schulsysteme mehr existieren werden, stattdessen "Bildung on demand" also Bildung nach Anforderung wurde mit der Gegenfrage der Moderatorin "Ist das realistisch?" ausgebremst. Geradezu absurd findet das Johannes Smettan in einem Forum, wo doch Visionen gefragt waren.

85 junge Männer und Frauen aus ganz Deutschland haben mehr als vier Wochen lang zunächst online, dann in Berlin darüber diskutiert, wie die Gesellschaft der Zukunft 2050 aussehen wird. Einer von ihnen war Johannes Smettan, Kulturarbeiter aus Erfurt. "Ich habe schon einige Zukunftskongresse mitgemacht, keiner war aber so schlecht organisiert wie dieser", sagt Smettan.

Mit großen Erwartungen war der Erfurt-Gesandte er zum abschließenden dreitägigen Workshop des Rates für nachhaltige Entwicklung in die Bundeshauptstadt gereist und kehrte desillusioniert schon nach anderthalb Tagen zurück. Sein Hauptkritikpunkt: Obwohl es um Visionen ging, wurde die Diskussion nicht ergebnisoffen geführt, sei nicht jede Idee und Vorstellung willkommen gewesen, wenn sie nicht ins Gesamtpaket gepasst habe.

Ein Redebeitrag, welche Probleme es nach dem Jahr 2050 im Kapitalismus zu überwinden gilt, gespickt mit Zitaten aus der wenig linksextrem-verdächtigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, passte der Veranstaltung wohl ebenso wenig ins Konzept: Auf den Stellwänden im Foyer, auf denen die Inhalte des Workshops gesammelt wurden, fand dieser Gedanke keinen Platz wohl um die Veranstaltung nicht ins falsche Licht zu rücken, vermutet Johannes Smettan.

Und am Rande des Workshops, bei dem der Diskussion über Nachhaltigkeit des Konsums ein breites Feld eingeräumt wurde, gab es am Buffet Puddingschälchen mit frischen Erdbeeren. Auf seine Frage, wo denn um diese Jahreszeit im Brandenburger Raum Erdbeeren zu ernten seien, fand sich keine Antwort...

Smettan, der selbst schon Zukunftsforen organisiert hat, reiste ab, wie auch eine handvoll weiterer Teilnehmer. Sie hätten für sich beschlossen, sich nicht vorführen zu lassen als vermeintliches Musterbeispiel für eine gelungene Bürgerteilhabe an Entscheidungsprozessen.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie und -politik berät, lobt indes den Workshop in höchsten Tönen: "Es hat mich beeindruckt, wie Sie in diesem Prozess übereinstimmende Linien gefunden und ihren Optimismus darüber zum Ausdruck gebracht haben, dass Ihre Visionen erreichbar sind", sagt Angelika Zahrnt den Teilnehmern des Workshops.

Zu Papier gebracht wurden schließlich Ergebnisse mit Blick auf 2050 zu den Themen Energie (alle Kernkraftwerke sind abgeschaltet), Wirtschaft (alle Unternehmen betreiben ihr Geschäft ökologisch und sozial), Bildung (barrierefrei erreichbar, niemand wird benachteiligt) und Internationale Beziehungen (es gibt eine Weltverfassung und internationale Gerichte) ohne Erfurter Beteiligung.


Frank Karmeyer / 31.03.11 / TLZ
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Kommentare
06.04.11 - 01:05
Nelli R.
Fehlende Visionen sind kein Berliner Problem. Ich hatte letztes Jahr für ein paar Sekunden ein mehrseitiges Papier in der Hand, erarbeitet vom Kollegium der Ganztagsschule am Roten Berg. Es beschrieb, wie mir vorher mitgeteilt wurde, die zwischen Traum und Realität klaffende Lücke bei der alltäglichen Arbeit und sollte helfen, flächendeckende Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Stellvertretende hat es mir aus der Hand gerissen mit der Bemerkung, dass es keine Relevanz habe. Sie war ein paar Tage vorher diesbezüglich im Schulamt geimpft worden. In Berlin sollte ja auch alles an Neuerungen auf freiwilliger Basis eingeführt werden. Inzwischen regiert der Rot-Rote Senat bis in die Details auch bei den Freien Trägern hinein. Im Ergebnis warten in Berlin Kinder, die aus Thüringen oder Bayern an eine Berliner staatliche Schule wechseln ein halbes bis ein Jahr, bis der Stoff ran ist. Wenn Thüringen seine Spitzenpositionen in einzelnen Bereichen erhalten und ausbauen will (Forschung und Entwicklung - neue Technologien - brauchen kluge Köpfe), dann dürfen Kritik und Erfahrungen der Praktiker nicht von profilierungsgeilen Schulamtsmitarbeitern unter den Tisch gekehrt werden. Für mich hätte Priorität: Kleinere Klassen in Problembezirken - dann ergibt sich ein effektiverer und offenerer Unterricht fast von selbst. 7 Tische kann ich irgendwo zusammenschieben, 12 nicht. Vielleicht hat die SPD in Hamburg unter anderem so gut abgeschnitten, weil vor der Wahl per Volksentscheid ein 10-jähriger Schulfrieden beschlossen war.
02.04.11 - 04:09
WAS?
Bildung <on demand> gibt es selbstverständlich in ausreichendem Maße. Der Grundtenor ist allerdings ein anderer: DER EIGENE KOPF! Was nützt es, wenn "Professor Google" alles Mögliche ausspuckt, jedoch der Ereignishorizont der allermeisten Anwender nicht darüber hinaus reicht. Smartphones, was für eine Hilfe! <ironie> Man macht sich auch in keinster Art und Weise lächerlich, wenn man für jeglichen trivialen Mist den Handapparat zückt, um anschließend, schlau blickend, im Grunde NICHTS zu sagen hat. </ironie> Kurzum: Traurig! Auswendiglernen kannten wir auch schon früher(tm), jedoch ist es immer schon so gewesen, dass für das Erlernte das nötige (!) Hintergrundverständnis vorhanden sein musste. Nur Nachplappern können führt, zwangsläufig, direkt zum Dipl. Putzjob. Und tatsächlich: Menschen betraten den Erdtrabanten!
01.04.11 - 16:22
buxus
>bildung on demand< gibt es über telekolleg und viele angebote www. heute schon - für die, die es nicht anders können oder brauchen. wenn es 2050 so aussehen soll, dass jeder zu bildende vor einem technischen kasten zuhause hockt, dann ist das eher eine erschreckende vision.
31.03.11 - 08:55
retrosurfer
Hier werden Chancen vertan und Fortschritt und Entwicklung blockiert. Nicht, dass mich das wundern würde, man braucht sich nur die Liste der Mitglieder dieses Rates anzusehen. Man muss schon Optimist und reichlich naiv sein um zu glauben, dass so ein Konglomerat aus Wirtschafts- und Kirchenvertretern tatsächlich an Visionen interessiert wäre... Wenigstens hatte der Vertreter den Mut, diese Farce abzubrechen und offen darüber zu berichten.
 
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