Gleich mehrere Zukunftsprojekte liegen in Gera auf Eis
Porträt
Auftanken an einer Solarzapfsäule. In Gera geht das seit 1994. Auch wenn seit gestern klar ist, dass die Stadt nicht zu den Nutznießern der Bundesförderung für Elektromobilität gehört, will sie an deren Einführung festhalten. Klar ist nur noch nicht, wie sie die Idee ohne Zuschüsse umsetzen kann. Foto: Uwe Meinhold/dapd
Nach der Geraer Wirtschaftstagung wurden drei Projekte von der Stadt vorgelegt. Diese liegen seit gestern allesamt auf Eis und Gera hofft weiterhin auf Fördermittel.
Gera. An der billigsten Tankstelle Geras werden sich wohl auch in nächster Zeit keine Warteschlangen bilden. Deutschlands erste Solar-Tankstelle in Lusan hat mangels Elektroautos in der Stadt kaum Nutzer. Gestern hat die Bundesregierung die vier Fördermittel-Empfänger für die "Schaufenster Elektromobilität" bekannt gegeben. Die Bewerber-Region Mitteldeutschland mit Thüringen und Sachsen-Anhalt ist nicht dabei.
Am 1. April 2011 unterzeichneten Andreas Krey, Geschäftsführer der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen, Wirtschaftsminister Matthias Machnig und Geras Oberbürgermeister Dr. Norbert Vornehm (von links) die Erklärung "Perspektiven für Gera" verwirklicht ist ein Jahr danach nichts. Foto: Archiv/Angelika Munteanu
Damit liegt auch die Einführung der E-Mobilität in der Stadt Gera, die sich ein Stück vom großen Förderkuchen des Bundes erhofft hatte, auf Eis. Kurz vor Bewerbungsschluss hatte sich Gera dem mitteldeutschen Förderantrag angeschlossen. Der Plan: Der Fuhrpark im sogenannten Konzern Stadt, der 13 Unternehmen mit städtischer Beteiligung umfasst, sollte neu strukturiert werden. Von den 110 Pkw der Unternehmen sollten 30 gegen Elektroautos mit hochprozentigem Bundeszuschuss getauscht werden. Noch als Vision wurde die Idee vom Car-Sharing gehandelt: Dass außerhalb der Geschäftszeiten der Normalbürger per Fahrschein die Elektroautos der Stadt mit nutzen kann. Das "Flottenmanagement Gera" und die Einführung der Elektromobilität in der Stadt sollten von der Berufsakademie (BA) Gera wissenschaftlich begleitet, Nutzerverhalten und Akzeptanz bei verschiedenen Zielgruppen erforscht werden. Aber ohne Förderung für Mitteldeutschland gibt es nicht einmal die angedachten 150 000 Euro Projektanteil für die BA. Die Elektromobilität ist das jüngste von drei Projekten, die Gera nach der 1. Geraer Wirtschaftstagung am 1. April 2011 auf den Tisch des Thüringer Wirtschaftsministers gelegt hat.
Gesundheitsnetzwerk wartet auf Anschub
Matthias Machnig
(SPD) hatte der Stadt zugesichert, sie bei der Entwicklung zu einem Leuchtturm der Wirtschaft zu unterstützen wenn Gera geeignete Vorhaben vorlegt. Bereits wenige Wochen nach der Wirtschaftstagung wurde im SRH-Waldklinikum "Integra 55+" als Netzwerk für die Gesundheitswirtschaft aus der Taufe gehoben. Unternehmer der Branche warten seitdem, dass es endlich losgeht. Allerdings war im vorigen Herbst schon klar: Förderung aus dem Wirtschaftsministerium gibt es dafür nicht. Nicht innovativ genug und für eine Dienstleistungsgesellschaft sei Machnigs Technologieförderung nicht die passende, hatte Ende Oktober 2011 die städtische Wirtschaftsförderin Andrea Hortig als Nachricht aus Erfurt dem Wirtschaftsausschuss des Geraer Stadtrates überbracht. Seitdem liegt "Integra 55+", mit dem das Klinikum die Kräfte der Branche in der Region bündeln und sogar mit Gesundheitstourismus gestandene, gesundheitsbewusste Patienten-Jahrgänge in die Region holen wollte, in der Schublade. Dr. Uwe Leder sieht als Geschäftsführer des SRH-Waldklinikums weiterhin Chancen für das Netzwerk.
"Wenn es jemand fördern will, dann machen wir weiter", sagt Leder. Jetzt habe das Klinikum aber erst einmal mit dem Neubau, der bis Jahresende fertig sein soll, voll auf zu tun. Danach könne das Konzept noch einmal aus der Schublade geholt werden. "Aber eine Anschub-Finanzierung, von der die Koordinierung des Netzwerkes bezahlt werden kann, ist nötig", sagt Leder. Als drittes Projekt für einen künftigen Wirtschaftsleuchtturm Gera hatte die Stadt die Idee von einem Robotik-Institut ins Wirtschaftsministerium getragen. Großen Anklang fand sie dort damit nicht. Der ins Gespräch gebrachte wissenschaftliche Partner Technische Universität Ilmenau hat eigene Pläne, Gera liegt der TU selbst im kleinen Thüringen recht weit entfernt und eine fachliche Basis, auf der solch ein Institut aufbauen könnte, muss in Gera erst geschaffen werden. Von 18 interessierten Geraer Unternehmen spricht man im Rathaus, der Wirtschaftsausschuss zählt weniger.
Robotik-Institut bleibt vorerst ein Traum
Auch die Berufsakademie, auf die Gera als fachlichen Partner setzt, sieht sich an ihren Grenzen. "Grundsätzlich besteht Einigkeit darüber, dass die Schaffung eines Instituts für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Gera wünschenswert wäre", sagt BA-Direktor Prof. Dr. Utecht. Für dessen offizielle Anbindung an den Studienbereich Technik der BA Gera müsse die Studienakademie jedoch erst in eine Duale Hochschule umgewandelt sein. Nach dem geltenden Thüringer Berufsakademiegesetz hat sie bislang keinen originären Forschungsauftrag. Die BA strebe die Umwandlung zur Dualen Hochschule an. Noch fehlt es aber am entsprechenden Hochschulrecht in Thüringen und an den Finanzen. Dafür sieht Utecht bestenfalls mittelfristig eine Lösung.
Gleich mehrere Zukunftsprojekte liegen in Gera auf Eis
Kommentare
05.04.12 - 14:31
Beobachter
Ja, Hermsdorf hat nur das HITK, aber damit eine Forschungseinrichtung mehr als Gera...Aber liegt es vielleicht nicht sogar daran, dass die Geraer Politik eine Art von falschen Stolz zeigt? Immerhin hatte Gera einst über 20000 Einwohner mehr als Jena, Bezirksstadt und war dementsprechend erhaben über Jena. Mittlerweile spielt Jena aber in einer ganz anderen Liga und Gera kann sich nur retten, indem es versucht, in diesem Sog mitzuschwimmen. Welche Alternative bleibt denn? Aus eigener Kraft schafft Gera eine Kehrtwende mit Sicherheit nicht und die Metropolregion Leipzig liegt zu weit entfernt. Eine S-Bahn Mittelthüringen((Eisenach)-Erfurt-Gera-(Altenburg)) auf der vielgenutzten MDV wäre meiner Meinung nach ein erster Schritt für das Zusammenwachsen der 4 wichtigsten Thüringer Städte. Altenburg macht's vor und wird in den nächsten Jahren an das Leipziger S-Bahn-Netz angeschlossen. Das hat sicherlich imense politische Arbeit gekostet, denn Raumplanung über Landesgrenzen hinweg ist ein großer Kraftakt. Leider hat sich keiner der OB-Kandidaten in den 4 Städten diesem Thema angenommen, deshalb müsste der zukünftige Geraer OB (vllt. gemeinsam mit dem neuen Landrat des SHK) den ersten Schritt gehen, denn der Region östlich von Jena müsste besonders daran gelegen sein, nicht abgehängt zu werden...
05.04.12 - 09:42
Felix Kaiser
Welche wissenschaftlichen Einrichtungen außer dem HITK gibt es denn in Hermsdorf noch? Mit Jena hat das HITK nix zu tun, untersteht soweit ich weiß dem Frauenhofer in Dresden. In der Vermarktung von Gewerbeflächen hat man sich zusammengeschlossen, ja... aber die "Kernindustrie" hat sich Hermsdorf selbst geschaffen bzw. entstand auch aus bereits vorhandenen Wirtschaftszweigen. Ist ja in Gera zum Teil auch so, nur dass es sich aufgrund der Größe Geras in der Stadt verliert. Ich finde den Vergleich unpassend! Eher sollte man vergleichen, wie Gera mit seinem Umland zusammenarbeitet und ja, da gab es Versäumnisse im großen Stil. Einen zaghaften Versuch gab es mit dem Standort Großenstein, der aber auf Eis liegt und von dem eine Frau Landrätin auch nicht besonders begeistert war, Gera könnte ja auch profitieren. Nun schafft sich Gera seine neuen Flächen wieder selbst im Stadtgebiet, siehe Cretzschwitz.
04.04.12 - 21:28
Beobachter
Selbst das kleine Hermsdorf( 8500 EW) hat mehr Industrie und Wissenschaft zu bieten als die (noch) größte Mittelstadt Deutschlands. Das liegt aber vor allem daran, dass die Verantwortlichen seit 20 Jahren gezielt mit den Jenaer Hochschulen und Unternehmen zusammen arbeiten, was man hier in Gera nicht behaupten kann. Mittlerweile scheint der Zug aber fast abgefahren zu sein, auch wenn die Stadt mittlerweile eine noch so schöne Infrastruktur und Silhouette hat.
04.04.12 - 19:31
Felix Kaiser
Wer sich für das Projekt Elektromobilität interessierte war heute beim GVB sehr gut aufgehoben, da wurde das angemeldete Projekt auch noch einmal im Detail vorgestellt. Warum es überzeugte und von der Jury mit unter die besten 5 gewählt wurde war schnell klar. Von den 5 sollten die ersten drei gefördert werden. Die Region Mitteldeutschland fiel auf Platz 5. Auf Platz 4 fiel zufälligerweise die Region mit dem Wahlkreis von Peter Ramsauer (CSU), für die eigentlich gar keine Förderung vorgesehen war, aber dann doch noch durchgeboxt wurde, so wie es heute hieß. Gegessen scheint die Sache noch nicht ganz, da es doch sehr fragwürdig ist, warum nun doch noch die vierte Region gefördert wird und die fünfte dennoch nicht und so ein nicht gefördertes großes Loch in mitten von Deutschland entsteht, gerade in Regionen, die repräsentativ sind für ganz Deutschland und sogar Europa und die Förderung gut vertragen können. Wie förderbedürftig Bayern ist wissen wir denke ich alle. Aber wer CDU wählt, wählt eben indirekt CSU mit! Ohne Worte!
04.04.12 - 13:27
Burkhard Schirmer
Glaubt Frau Munteanu denn, dass Neuansiedlungen und innovative, geförderte Projekte mit einem Fingerschnipsen zu bekommen sind? Dass sind dicke Bretter und das zeigt sich auch an den Beispielen, die deshalb noch lange nicht gestorben sind. Man kann froh über einen OB sein, der immer wieder neue Ideen zulässt oder selbst entwickelt. Ohne diese Arbeit wird gar nichts. Kritische Berichterstattung ist völlig in Ordnung, aber konstruktiv sollte sie auch sein. Das vermisse ich bei Frau Munteanu leider sehr oft.
04.04.12 - 10:19
Felix Kaiser
Drei geplatzte Ideen, Zeit für die nächsten würde ich sagen! Aber auch wieder neue Steine im Weg für eine bessere Zukunft. Das Land selbst hatte vor längerem schon festgestellt, dass in Gera für ein Oberzentrum die Gebiete Wissenschaft und Forschung stark unterentwickelt sind. Trotzdem werden alle Kräfte auf das beengte Jena konzentriert und die räumliche Nähe zu Gera konsequent ignoriert. Dass für Ilmenau Gera zu weit ist, das ist ja noch nachvollziehbar. Das Land muss mehr Interesse daran zeigen Gera weiter zu entwickeln, mit SRH und BA gibt es hier leicht weiter zu entwickelnde Eckpfeiler. Die Ansiedlung eines privaten Institutes wäre ein absoluter aber nicht zu beeinflussender Glücksfaktor. Alles andere wird auf Landes- und Bundesebene gesteuert.