Interview mit Rapper Sido über seinen Film "Blutzbrüdaz"

  • Möchte nicht ständig auf der Straße angesprochen werden: Rapper und Filmschauspieler Sido in Berlin. Foto: dapd Möchte nicht ständig auf der Straße angesprochen werden: Rapper und Filmschauspieler Sido in Berlin. Foto: dapd
Er ist schon bemerkenswert, der Werdegang von Paul Würdig. Vor mehr als zehn Jahren noch hat der Rapper vor kleinem Publikum präpubertäre Rap-Texte voller Fäkalvokabular vorgetragen, heute ist er aus den Feuilletons nicht mehr wegzudenken.
Als er 2004 mit seiner Maske, dem Song "Mein Block" und seinem einstigen Label Aggro Berlin die deutsche HipHop-Szene revolutionierte, war nicht abzusehen, auf welche Bilderbuchkarriere Sido einmal zurückblicken würde. Heute ist er erfolgreicher Geschäftsmann, gern gesehener Gast in Talkshows und nicht mehr nur als Musiker, sondern auch als Schauspieler erfolgreich. Sein erster Film "Blutzbrüdaz" läuft seit Donnerstag in den Kinos.

Es scheint hierzulande nicht ganz einfach zu sein, einen authentischen Film mit HipHop-Bezug zu machen - zumindest sind in der jüngsten Vergangenheit einige Leute daran gescheitert. Sie haben es hinbekommen. Woran liegt das?

Wenn Sie damit "Zeiten ändern dich" von Bushido meinen: Das ist in meinen Augen kein HipHop-Film, damit tut man dem Film unrecht. Das ist eine verfilmte Biografie ...

... über einen HipHopper.

Ja, o.k. - über einen HipHopper. Aber nehmen Sie als Vergleich doch mal "Notorious" über die New Yorker Rap-Legende Biggie Smalls: Der Film ist auch kein HipHop-Musikfilm wie "Blutzbrüdaz".

Bleiben wir mal in Deutschland. Sowohl "Zeiten ändern dich" als auch "Homies" mit Jimi Blue Ochsenknecht sind Filme über Rapper, genau wie "Blutzbrüdaz". Ihr Film funktioniert aber - im Gegensatz zu den anderen beiden.

In "Die Zeiten ändern dich" geht es aber nicht in erster Linie um HipHop, sondern um Bushido. Und um mal zu verdeutlichen, wie schwierig es ist, einen solchen Film zu drehen: Erst die 16. Drehbuchfassung war so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Eine entscheidende Wendung hat die Arbeit am Drehbuch genommen, als Fatih Akin mit seiner Produktionsfirma Corazón und Regisseur Özgür Yildrim mit im Boot waren. Da ist der Film erst lebendig geworden.

Worin lag die größte Schwierigkeit, die Inhalte im Film authentisch rüberzubringen?

Die lag vermutlich darin, zum einen den HipHop-Aspekt nachvollziehbar zu thematisieren und zum anderen die "normalen" Spielfilmkriterien zu erfüllen. Es hat wirklich lange gedauert, bis wir die richtige Balance gefunden haben und auf allen Seiten Zufriedenheit geherrscht hat. Die Struktur des Films hat uns mit Abstand am meisten Kopfzerbrechen bereitet, denn wir wollten einerseits viel Musik drin haben, andererseits wollten wir aber auch eine Geschichte mit glaubhaften Charakteren erzählen.

Sie haben kürzlich ein Album mit Bushido veröffentlicht. Haben Sie sich über Ihre Ausflüge zum Film ausgetauscht?

Ja, haben wir. Während ich die Arbeit an meinem Film aber sehr spannend fand, war es für Bushido eine total anstrengende Erfahrung. Der wird nie wieder einen Film drehen.

Sie legen Wert darauf, dass "Blutzbrüdaz" nicht autobiografisch ist. Wer Ihren Werdegang kennt, weiß jedoch, dass der Film auch viel Wahres beinhaltet. War es wichtig, sich nah an Ihren eigenen Erfahrungen zu orientieren, damit das Ganze authentisch bleibt?

Natürlich. Wir wissen eben, wovon wir sprechen, und genau das lässt den Film so ehrlich erscheinen. Die Geschichte ist zwar teilweise erfunden, aber die Darstellung dieser Zeit und ihrer Protagonisten ist es nicht - das macht den Unterschied aus.

Glauben Sie, der Film kann Leuten, die mit HipHop nichts am Hut haben, diese Kultur näherbringen?

Das glaube ich nicht nur, das weiß ich sogar. Wir haben nämlich ein Testscreening des Films in Frankfurt gemacht, zu dem 300 Leute eingeladen waren - auch Leute, die mit HipHop nichts zu tun haben. Die mussten danach anonym bewerten, wie sie den Film fanden, und mehr als die Hälfte fand den sehr gut. Und der Haupttenor bei den Kommentaren war: "Eigentlich habe ich mit HipHop nichts am Hut, aber nach Sehen dieses Films finde ich HipHop sehr sympathisch und kaufe mir mal eine Sido-CD." Der Film wirft also ein gutes Licht auf HipHop, und das ist natürlich eine gute Sache.

Wenn Sie sich heute zwischen Geld und Ruhm entscheiden müssten, was würden Sie wählen?

Wenn ich trotzdem meine Musik machen könnte und Platten verkaufen würde, würde ich meinen Ruhm sofort weggeben. Es wäre toll, auf der Straße nicht mehr erkannt zu werden und keine Autogramme geben zu müssen.

Ich meine mit Ruhm aber weniger die Popularität, sondern vielmehr die Anerkennung.

Ach so! Anerkennung möchte ich natürlich haben, aber die bekomme ich ja dadurch, dass viele Leute meine CDs kaufen - Anerkennung macht sich also automatisch auch im Portemonnaie bemerkbar.

Kommt es manchmal vor, dass Sie sich die Maske zurückwünschen, mit der Sie einst bekannt geworden sind, um nicht mehr überall von den Leuten erkannt zu werden?

Wir haben für das Musikvideo zum Filmstart tatsächlich überlegt, ob wir die Maske wieder zurückholen sollen, aber wir haben uns dagegen entschieden. Die Maske habe ich erfolgreich begraben, die ist kein Teil mehr von mir. Das hätte keinen Sinn gemacht. Ich brauche sie nicht mehr. Trotzdem könnte ich darauf verzichten, ständig von Leuten angequatscht zu werden.

Wo ist es denn am unangenehmsten?

Am schlimmsten ist es im Flugzeug, wenn alle ankommen und ich nicht weg kann. Absturz, Alta!


Daniel Schieferdecker / 31.12.11 / TLZ
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