Kunsthaus Erfurt zeigt junge Fotografie und Videos

  • Observieren wir uns schon gegenseitig? Kamera-Arrangement des Künstlers Benedikt Braun. Observieren wir uns schon gegenseitig? Kamera-Arrangement des Künstlers Benedikt Braun.
Tradition hat es fürwahr - das bunte, frische Talente-Potpourri, welches sich derzeit unter dem Ausstellungstitel Focus I im Kunsthaus Erfurt präsentiert.
Erfurt. Dort erzählen große und kleine Schmuckstücke neuer Fotografie und Videokunst von der impressiven Kraft fünf junger Künstler.


Eines der Nachwuchstalente ist Nina Röder, die in ihrer Foto-Arbeit "Determination" mittels konzeptueller Bildinszenierung scheinbar ein Schaukastentheater im immer gleichen Raumkubus "begrenzt". Nicolas Oxen eruierte einmal: "Damit sichtbar wird, was uns bestimmt, brauchen wir Bilder - etwas, das Distanz schafft zwischen uns und dem, was wir sind." Er begründete damit inhärent die Zielstellung der Fotografien Röders, die auf Raumtheorien Oskar Schlemmers fußen. Der Fokus liegt darin auf der determinierten Bewegung der menschlichen Protagonisten, deren Freiheit durch Fototapeten, Mobiliar und Fadengeflechte beschränkt wird.


Während hier die Bilder bis in die letzten Pixel konstruiert sind, erscheint Robert Seidels Projektion fast zufällig fragil. In nahezu mikroskopischer Nahsicht sorgen hier filigrane Geflechte mit hohem technischem Aufwand für eine ganzheitliche Raumdominanz. Ganz menschlich wirkt daneben auch eine, mit "Guilty" betitelte Auswahl von großformatigen Porträtfotografien Ji Hyun Kwons, die in berückender Überlebensgröße und unverfälschter Verletzbarkeit von den ganz persönlichen Schuldgefühlen der Abgelichteten und ihrem Mut, sich ihrer Schwäche in der Öffentlichkeit zu stellen, erzählen.

Das Damaskus der Einheimischen


Daneben zeigen neun Fotografien Johannes Heinkes den Orient aus einer vollkommen neuen Perspektive: Die Bilder sind verschwommen, nur undeutlich sind Umrisse von Menschen, Häusern und Lampen erkennbar. Um die syrische Stadt Damaskus nicht nur als der Tourist, der er zu dieser Zeit war, sondern auch aus der Perspektive einer einheimischen Frau zu erleben und erleben zu lassen, fotografierte er durch den zugleich beschränkenden wie schützenden Gesichtsschleier hindurch und offenbart uns damit mehr Authentizität als jede Kunstfotografie.


Benedikt Braun dagegen, setzt sich in seinen Arbeiten mit Geld auseinander. Indem er sich mit amputierter Extremität und Fleischerschürze großformatig darstellt, inszenierte er das Sprichwort "Lieber arm dran, als Arm ab", während er sich in Videoloops als Selbstvermarkter und Centverteiler versucht, um die Mühsal des Geldverdienens an Hand zufällig vorbeilaufender Passanten zu demonstrieren, die das Kleingeld vom Boden sammeln. Daneben trägt er der Ausstellung mit rotierenden Kameraattrappen Rechnung und würzt ein ganz besonders prekäres Anliegen des Kunsthauses mit einem, an erregte Manneskraft erinnernden hölzernen Behälter.


Und der bittet trotz zahlreicher Drohungen von außen im Zuge der deutschlandweiten Kunstaktion "Deutschland schafft es ab" als Sinnbild für die sprichwörtliche deutsche Eiche um den Einwurf von Exemplaren des Thilo Sarrazinschen Buches "Deutschland schafft sich ab". Ein klares Statement für die Toleranz.


Kunsthaus Erfurt, bis 4. Mai, Di-Fr 12-18 Uhr


Luise Schendel / 02.04.12 / TLZ
Z81C42K120206
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