Maestro Thielemann wird Weimarer Ehrendoktor

  • Gibt sich die Ehre, in Weimar zu dirigieren: Christian Thielemann spielt zu Liszts Geburtstag. Foto: afp Gibt sich die Ehre, in Weimar zu dirigieren: Christian Thielemann spielt zu Liszts Geburtstag. Foto: afp
Es mag eine erfreuliche Episode in seinem Heldenleben sein, die akademischen Würden in der Strauss- und Wagner-Stadt Weimar entgegenzunehmen.
Weimar. Man betrachtet ihn - und er sich - als den legitimen Nachfolger Herbert von Karajans. Eine mystische Aura des Genialischen, die gewisse Neigung zu autokratischem Verhalten und der schwerlich verkennbare Drang zu deutschtümelnder Programmatik verbindet ihn mit jenem, als dessen Assistent er schon als 19-Jähriger von sich reden machte. Nur hat er - im Unterschied zum Ritter Karajan - seine ganz großen Lebensziele (noch) nicht erreicht. Die Ehrendoktorwürde, welche ihm nun die ehrwürdige Hochschule für Musik "Franz Liszt" zu Weimar verleiht, mag er womöglich nur als obligates Aperçu seines Ruhmes betrachten.

Christian Thielemann (52) strebt gerade mal wieder zu neuen Ufern. Soeben hat er die künstlerische Leitung des von seinem musikalischen Ziehvater gegründeten Salzburger Osterfestivals übernommen, er pausiert dieses Jahr zwar in Bayreuth, wo er zuletzt mit großem Erfolg Wagners "Ring" dirigierte, musiziert aber bei den Festspielen in Salzburg Strauss' "Frau ohne Schatten" mit den Wiener Philharmonikern. 2012 übernimmt er als Chef das laut Kritikervotum weltbeste Orchester, die Staatskapelle Dresden. Auch dort wird er mit Vorliebe das Strauss-Erbe pflegen.

Denn Thielemanns Repertoire scheint - im Unterschied zu dem Karajans - relativ eingeschränkt. Neben Beethoven und Brahms bevorzugt er die klangmächtige Spätromantik altdeutscher Provenienz, er schwang sich sogar zum Propheten Hans Pfitzners auf, dessen schwerblütige "Eichendorff-Kantate" er mustergültig auf Schallplatte bannte. Eine ebenso glühende wie sicher berechnende Liebe hegt er zu Wagner und Strauss. Insofern passt die Ehrung in Weimar, wo beide Tonschöpfer biografische Spuren hinterließen, vorzüglich ins Bild.

Unbill in Berlin wie in München

Als Künstler wirkt Thielemann wie ein Frühvollendeter und gleichermaßen Gescheiterter. 1988 wurde er als jüngster deutscher Generalmusikdirektor nach Nürnberg berufen und wechselte 1997 auf die Chefstelle der Deutschen Oper Berlin. Allzu gern hätte er - wie seinerzeit Karajan - parallel dazu die Philharmoniker übernommen. Diese jedoch entschieden sich für Simon Rattle, und Thielemann kehrte seiner Vaterstadt den Rücken im Groll, um ersatzweise Chef in München zu werden. Auch die dortigen Philharmoniker verlässt er nun im Unfrieden, nachdem man ihm zur angebotenen Vertragsverlängerung das Recht, ganz allein über Gastdirigenten und deren Programme zu befinden, verweigerte. Der Gedanke, ein anderer könnte seinem hochrühmlichen Beethoven-Zyklus eine divergierende Lesart entgegenstellen, war dem Maestro assoluto schier unerträglich.

Dass Joachim Kaiser, der Münchner Doyen der deutschen Musikkritik, Thielemann einen "Preußen, wie Gott ihn schuf" hieß, mag man noch als Freundlichkeit interpretieren. Doch geht ihm der Ruf eines Anachronisten voraus, der gegen Sympathien von rechtskonservativer Seite offenkundig keinerlei Einwände hegt. So irritierte er beim jüngsten Berlin-Gastspiel mit politisch anrüchigen Strauss-Kompositionen, der "Festmusik der Stadt Wien" und dem "Festlichen Präludium" - Werke deren Aufführungsgeschichte braune Flecken aufweist.

Die Weimarer muss all dies nicht weiter stören. Sie ehren mit Thielemann einen Global Player, der unbeirrt seinen Weg geht, für seine "besonderen Verdienste um die Musik des 19. Jahrhunderts". Franz Liszt indes findet sich bislang nicht in seiner Diskografie. Allerdings bedankt Christian Thielemann sich, indem er in der Klassikstadt just an Liszts Geburtstag ein Festkonzert dirigiert. "Les Préludes" stehen auch auf dem Programm. 


Wolfgang Hirsch / 22.06.11 / TLZ
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Kommentare
20.07.11 - 17:06
Herbert von Karajan
Thielemann wird natürlich überschätzt. Er dirigiert so, wie die CDU heute gern noch Politik machen würde, wenn sie nicht von einer opportunistischen Dr. Merkel geleitet werden würde. Besonders krass aber fällt auf, dass die HfM den bisherigen Standard ihrer "Ehrendocs" mit Thielemanns Auszeichnung ziemlich absenkt. Wer würde unseren Herrn Germanen in einem Atemzug mit Kagel, Zehetmair, C. Wolff, Gülke und Alfred Brendel nennen wollen?
30.06.11 - 10:05
Wolfgang Hirsch
Wie schön, dass Herr Thielemann noch Fans hat!
25.06.11 - 17:58
hans pfitzner
so ein schlechter Artikel. traurig
 
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