Annäherung zweier Marienfiguren: Die Tänzerin Etoile Chaville (l.) und Sopranistin Marie Luise Werneburg kommunizieren angeregt - auf unterschiedlichen Sprachebenen. Foto: Joachim Blobel
Aufreizend, vieldeutig: Mit einem außergewöhnlich spannenden Uraufführungsprojekt haben die Leipziger Choreografin Heike Hennig und ihr Ensemble im Verein mit Wolfgang Katschners Berliner Lautten Compagney das Publikum der Hallenser Händelfestspiele begeistert.
Halle. "Maria XXX" knüpft bei der barocken Marienverehrung an und schlägt den abenteuerlichen Bogen zur Pornoindustrie der Gegenwart. Maria, die Heilige, die Hure. Hennigs sehr ernsthaftes Experiment erforscht ein abendländisches, in den kulturellen Gedächtnisrinden zementiertes Frauenbild samt dessen Rezeption. Eine Engelsstimme, aus Händels "Resurrezione", verkündigt den Anbeginn, gemahnt an den Sündenfall der Menschen und ihre Erlösung durch Christi Tod. Zum irisierend schwerelosen Gesang des Counters Yosemeh Adjei windet sich ein Tänzer auf der leeren Bühne, er rafft sich auf, torkelt als führungslose Gliederpuppe, sinkt wieder zu Boden. Und nach Kräften hält Adjei mit; ein intimes, simultanes Duett entspinnt sich im sphärischen Irgendwo, beäugt nur von einer bis nah an die Unkenntlichkeitsgrenze aufgepixelten Bildikone der heiligen Theresa Gian Lorenzo Berninis. Dann sendet DJane CFM gesampelte Geräusche und Rhythmen aus dem digitalen Nirwana, rezitiert Verse aus Rilkes "Marienleben". Gleich zur ersten Ensembleszene laden die Leipziger Tänzer die Instrumentalisten der Compagney ein auf die Bühne, und man dehnt sich in ritualhaften Übungen zur gemeinsamen Kuschelparty. All dies steht zunächst unter dem Esoterikverdacht, einen raumgreifenden Pendelschlag zwischen religiöser Inbrunst und postmodernem Hokuspokus zu versuchen. Spirituelle Dünung
Heike Hennig hat eine ungemein eigene, bis ins Detail schwer nachzuvollziehende, zeitgenössische Tanzsprache entwickelt, die HipHop- und Breakdance-Elemente einbezieht. Aber gerade diese kultürlich eruptive, dennoch in ihren Bewegungsabläufen äußerst abgezirkelte Körperlichkeit korrespondiert mit den - für heutige Hörer nicht minder leicht nachvollziehbaren - barocken Affekten auf vollkommen organische Weise. Schier unmöglich ist es, nicht zumindest in deren spiritueller Dünung innerlich mitzuschwingen. So erleben die Zuschauer einen betörenden Schleiertanz, sehen das Ensemble in kollektiver Wollust versinken und bestaunen die artistische Ekstase eines Solisten. Es ist ein Wechselspiel von Verzückung und Andacht, getragen von der Exzellenz der Lautten Compagney und der drei Sängersolisten, dem faszinierenden Adjei, dem etwas schwerfälligen Daniel Ochoa (Bass) und der glockenhellen Sopranistin Marie Luise Werneburg, bei diesem Händel-Pasticcio. Durchaus darf man aufgeben zu sinnieren, ob gerade die heilige Mutter Gottes oder doch eher die Sünderin Maria Magdalena gemeint ist. Ohnedies wissen nicht allein Kunsthistoriker, dass sich in der religiösen Marienverehrung subkutan auch ein erotisches Moment kristallisiert. Alles, auch ein großes, graues Tuch, das im zweiten Teil die Bühne bedeckt, zeugt mehrdeutige Assoziationen: Es wird wie das symbolische Netz eines Seelenfischers ausgeworfen, dann gerefft wie ein Segel und dient schließlich einer Tänzerin als Burka, in der sie vom Kollektiv eingefangen und wie in einer Prozession auf den Schultern davongetragen wird. Den Schlusschor stimmen alle Akteure - inklusive der Tänzer - gemeinsam an. "Maria, Hoffnung und Heil." Verstört, betört löst sich das Publikum aus der Faszination und applaudiert voll Überschwang dieser die Genre- und Zeitgrenzen überbrückenden Serenata di danza. Prädikat: magisch.