Matthias Schweighöfer überzeugt nicht in "Russendisko"

  • Christian Friedel als Andrej, Friedrich Mücke als Mischa und Matthias Schweighöfer als Wladimir Kaminer, der das Buch "Russendisko" schrieb. Foto: dapd Christian Friedel als Andrej, Friedrich Mücke als Mischa und Matthias Schweighöfer als Wladimir Kaminer, der das Buch "Russendisko" schrieb. Foto: dapd
Der Kinofilm "Russendisko" nach dem Buch von Wladimir Kaminer ist eine recht nostalgische Veranstaltung. Und ist trotz Matthias Schweighöfer nur von begrenztem Unterhaltungswert.
Erfurt. Der dicke Volkspolizist stempelt den drei Russen das Visum für drei Monate in den Pass. "Genießen Sie die letzten Wochen der Deutschen Demokratischen Republik", sagt er mit heiterem Sarkasmus. Und es klingt wie "Genießen Sie die Anarchie. Die Demokratie wird furchtbar".

"Du bist der lustige Typ", sagt Olga zu dem Jungen. "Bist du auch manchmal ernsthaft?" Der Junge ist Wladimir Kaminer. Gewiss, er wird auch manchmal ernsthaft sein - wenn es niemand sieht. Doch berühmt wurde der russische Immigrant wegen seiner unernsten Lässigkeit, wegen seiner entspannten Art, vom russischen Dasein im deutschen Land zu erzählen. Kaminer ist kein bedeutender Autor, aber ein unterhaltsamer; einer, der Verhältnisse beschreiben kann, der clever und mit vielerlei Talenten an seinem Status als Berliner Kult-Russe gearbeitet hat.

Und die von ihm erfundene "Russendisko" war ein Berliner Kult-Ort, hier war es, wo die Multi-Kulti-Welt noch in Ordnung war. Heute ist die anarchische Fröhlichkeit jener Zeit, da das Land eine richtige DDR nicht mehr und eine richtige BRD noch nicht war, eine Erinnerung der Abteilung Nostalgie. "Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit", heißt es in Brechts "Im Dickicht der Städte". Und deshalb wohl bewegen sich Film und Literatur gern im Dickicht der Nostalgie.

Oliver Ziegenbalg ist hier nicht nur der Autor, sondern debütiert zugleich als Regisseur seines eigenen Drehbuchs. Und daran wurde Jahre gebastelt. Das ist begreiflich, denn Kaminers Buch , eine lose Sammlung impressionistischer Szenen, ist schwer in eine filmische Dramaturgie zu zwingen, weil es keine durchgängige Story erzählt und seine Geschichte eigentlich die Summe seiner Anekdoten ist.

Als wüssten sie nicht, was sie erzählen sollen

Und genau das ist das Problem des Filmes: Es ist, als wüssten sie nicht recht, was sie erzählen sollen. Die drei Russen in Berlin verheddern sich gleichsam im Dickicht der Dramaturgie. Eine filmische Themensammlung: eine Scheinheirat für das Bleiberecht, die vietnamesische Zigarettenmafia, ein verhexter Russenjunge, der den deutschen Ärzten nicht traut, ein Russe, der lernt, was Mazze sind, damit er als Jude hier bleiben kann. "Früher wollten alle Juden nur Russen sein, heute wollen alle Russen Juden sein" sagt der Rabbi.

Das ist zum Teil nicht ohne Witz, nur: Es sind eben nur Witze, gespielte Witze.

Die drei Jungen geben Geld aus, das sie nicht haben, sie werden, mit Recht, von den Vietnamesen verprügelt und von den Mädels geliebt, und wenn sie nichts haben, dann ist es auch kein Problem. Aber das tatsächliche Alles-geht-Lebensgefühl junger Leute in jener Zeit kann der Film nicht erzählen, weder als Buch noch als Inszenierung, auch Berlin wirkt seltsam ausgedacht. Das Milieu der Immigranten, ein eigenes soziales Biotop, kommt vor als heitere Ansammlung schwarzer Hexenmeister und lustiger prügelnder Vietnamesen. Und wenn Wladimir und Olga über ihre Narben scherzen, die zurückblieben von der russischen Pockenimpfung, dann belegt das viel Detailkenntnis.

Aber im Eigentlichen bewegen sich die Jungens durch Berlin als erlebten sie die kindlichen Abenteuer in Bamsdorf: Sie spielen nicht, als ignorierten sie unbekümmert die Risiken des Lebens, sie spielen, als wüssten sie nichts von diesen Risiken. So schwebt und webt hier nicht einmal der Charme der Anarchie, denn Anarchie ist eine Haltung, und so etwas kann hier niemand spielen.

Und gleich gar nicht der, sozusagen, Hauptrusse. Der ist am unrussischsten von allen. Matthias Schweighöfer als Ich-Erzähler Wladimir Kaminer ist einfach ein netter Junge. Wenn er Zigaretten raucht und Wodka trinkt dann wirkt das immer als wolle er rufen: Schaut, ich bin ein Russe. Nirgendwo kann Schweighöfer, der die Rolle glattbügelt im Weichzeichner, das Subversive, das Potenzial der Figur zeigen, nirgendwo erzählen, dass dieser Junge später etwas zu erzählen hat. Und nirgendwo gelingt die Balance von handelnder Figur und selbstironischem Erzähler.

Aber der russische Radio-Doktor, der ist gut. Doch das Beste ist die Musik in dieser Disko. Supper gutt.

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Henryk Goldberg / 01.04.12 / TA
Z88C3UH590192
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Kommentare
31.03.12 - 12:28
Online-Redaktion
@ rain: Die Überschrift ist etwas unglücklich gestaltet. Wir werden sie jetzt umformulieren. Vielen Dank für den Hinweis!
31.03.12 - 11:53
rain
Der Hauptdarsteller "brilliert" in einem Film, dessen Rezension faktisch einen Verriss darstellt. Seltsame Logik.
 
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