Ein Hit für Reiseveranstalter: Wagners "Tannhäuser" tut im Palas der Wartburg fruchtbare Wirkung als Evergreen und Kassenschlager. Foto: Norman Meißner
Beim Spielplan für die nächste Saison in Meiningen geht Ansgar Haag auf Nummer Sicher. Das gibt der Intendant des Südthüringischen Staatstheaters auch frank und frei zu.
Meiningen. Denn nach langer, umbaubedingter Schließzeit muss er erst wieder ein Repertoire fürs Große Haus aufbauen. So steht neben Wagners "Tristan" viel Publikumswirksames - leichte Kost zumal - 2012/13 auf dem Programm. Der Vorhang hebt sich zum Saisonstart (21./23.9.) indes zunächst für eine exotische Ausgrabung: "Abai" von Achmet Kujanowitsch Schubanow sei die kasachische Nationaloper, erklärt Haag, der das Stück auch selbst inszenieren will. Auf die Idee des südthüringisch-zentralasiatischen Kulturaustauschs sei er durch seine Gastinszenierung von Wagners "Tannhäuser" 2010 in Almaty gekommen, und natürlich hat er den immer noch jungen Meininger Alt-GMD Alan Buribayev gebeten, die musikalische Leitung zu übernehmen. Haag: "Der muss doch wissen, wie seine Musik aus Kasachstan geht." Die Komposition des Schostakowitsch-Schülers Schubanow sei "recht tonal" angelegt und die Geschichte so etwas wie "Romeo und Julia" in der Steppe - mit sozialistischen Vorzeichen. Man darf gespannt sein, wie das hiesige Publikum darauf reagiert. Außerdem stehen den Meiningern Neuproduktionen von Mozarts "Zauberflöte" (23./25. 11.), Vincenzo Bellinis Belcanto-Meisterwerk "Die Puritaner" (5./7.7.13) und Karl Millöckers Operette "Der Bettelstudent" (10./12.5.13) ins Haus. Einen Akzent setzt Haag, der Meininger Tradition entsprechend, auf das Wagner-Jahr 2013. Als Höhepunkt hat er die Premiere von "Tristan und Isolde" (1./10.3. 13) programmiert, bei der es ein Wiederhören mit "Rienzi" Andreas Schager und dem ehemaligen Ensemble-Mitglied Hans-Georg Priese geben wird, die in der männlichen Titelpartie alternieren. Die musikalische Leitung liegt in Händen von GMD Philippe Bach. Außerdem hält Haag die frühe Wagner-Oper "Das Liebesverbot" sowie den "Tannhäuser" - am Originalschauplatz auf der Wartburg - weiter im Spielplan. "Der Tannhäuser verkauft sich wie verrückt", gesteht der Intendant, der naturgemäß auf touristischen Zuspruch angewiesen ist. Nicht zuletzt deshalb beharrt er auch auf der "Liebesverbot"-Ausgrabung, denn "die Reisebürosysteme greifen erst im zweiten Jahr".
Die Affäre um Cosima Wagner
Eröffnet wird das Meininger Wagner-Jahr allerdings im Schauspiel: mit der Uraufführung von Reinhard Baumgarts "Wahnfried - Bilder einer Ehe" (11./13.1.13). Das bereits verfilmte Stück des 2003 verstorbenen Literaturwissenschaftlers und Kritikers Baumgart behandelt die pikante Familiengeschichte Wagners, wie der alternde Komponist dem Star-Dirigenten Hans von Bülow die Ehefrau Cosima, Liszts Tochter, ausspannte. Von Bülow wirkte von 1880 bis 1885 am Theater Meiningen und war ein glühender Verfechter der Musik Wagners. Auch mit den übrigen Premieren im Sprechtheater sind Ansgar Haag und sein Ensemble überwiegend im 20./21. Jahrhundert unterwegs. Gleich zwei Stücke von Juli Zeh - "Der Kaktus" (6.12.) und "Spieltrieb" (21.3.13) - stehen bevor. "Gerechtes Geld" (9.2.13) von Michael Crowley und "Bezahlt wird nicht" (27.9.) von Dario Fo spielen auf die Euro-Krise an, während gefällige Unterhaltung mit Michael Endes "Wunschpunsch" (29.11.), Lewandowskis "Heute weder Hamlet" (16.2. 13), Peter Shaffers "Amadeus" (4.4.13) und "Loriots dramatischen Werken" (13.4.13) selbige vergessen lassen können. Die klassischen Positionen besetzen Ibsens "Volksfeind" (12./14.10.) und Shakespeares "Hamlet" (7./9.6.13), letzterer in einer Inszenierung von Haag selbst. Zwei Frauenporträts von Chris Pichler, "Romy Schneider" (27.10.) und "Ich - Marilyn" (30.12.), runden das Angebot ab. Eine Lanze bricht Ansgar Haag für das Eisenacher Ballett, das, wie er sagt, in Meiningen sehr willkommen ist. "Alle Vorstellungen von ,Schwanensee' waren restlos ausverkauft", freut er sich - und legt deshalb einen weihnachtlichen "Nussknacker" (14./16.12.) sowie im Frühjahr die jetzt in Eisenach produzierte Plucis-Lesart von Strawinskys "Sacre du printemps" (28.3.13) nach. In einer dritten Ballett-Produktion, "Tanz-Thür" (17.1.13), dürfen sich zudem junge Choreografen erproben. - Wenn es denn hilft, das Eisenacher Haus zu retten. Dort fungiert Haag ebenfalls als Intendant und musste am Dienstag zerknirscht zur Kenntnis nehmen, dass eine Entscheidung, ob das Land den städtischen Anteil von zwei Millionen Euro vorerst schultert, abermals vertagt worden ist.