Nordhausens Bürgermeisterin bei Gedenkfeier von Rechten attackiert

  • Das Gedenken an die Bombardierung 1945 versuchten Dienstag die Rechten für sich zu instrumentalisieren. OB Barbara Rinke (SPD) zeigte Zivilcourage und wollte das Gebinde NPD-Kreischef Roy Elbert (unten links) zurückgeben. Es kam zur Handgreiflichkeit, die Polizei nahm Elbert vorläufig fest. Foto: Roland Obst Das Gedenken an die Bombardierung 1945 versuchten Dienstag die Rechten für sich zu instrumentalisieren. OB Barbara Rinke (SPD) zeigte Zivilcourage und wollte das Gebinde NPD-Kreischef Roy Elbert (unten links) zurückgeben. Es kam zur Handgreiflichkeit, die Polizei nahm Elbert vorläufig fest. Foto: Roland Obst
Der rechtsextreme Stadtrat wurde Dienstag vorübergehend inhaftiert. Vieler Bürger sind entsetzt vom Verhalten der NPD-Politiker auf der Gedenkfeier.
Nordhausen. Es sind stille Momente an der Gedenkstele vorm Rathaus, da Rose um Rose niedergelegt wird: von Vertretern der Stadt und des Kreises, der demokratischen Parteien, Institutionen wie dem Theater - vor allem aber von vielen Bürgern. Deutlich mehr als in manch vergangenem Jahr.

Weiße Rosen, meinte Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) kurz zuvor, seien Symbol, um Zeugnis abzulegen für "Menschlichkeit, Mitgefühl, aber auch für Courage und Mut, allem und allen entgegenzutreten, die die Würde der Toten durch ihre Anwesenheit beschmutzen".

Gemeint sind etwa zwei Dutzend schwarz gekleidete Personen aus dem Umfeld der NPD. Einige von ihnen versuchen mit niedergelegten roten Rosen zu provozieren - das Volk reagiert mit Pfiffen, manche spannen bunte Regenschirme auf.

"Wir schirmen uns vor den Nazis ab", erklärt Annika (22), die nicht zulassen will, "dass das Gedenken an die Bombardierung so ausgelegt wird, dass es in die braune Geschichtsschreibung passt". Auch das Fotografieren eines Rechtsextremen schüchtert sie nicht ein.

NPD-ler und "freie Kameraden" tragen an die Stele ein Gebinde. "Haut ab!"-Rufe erschallen, viele klatschen sich ihren Protest von der Seele. Sylvia Schulze sagt, hier dabeizusein sei "mittlerweile wichtig, um zu bekunden, dass die Rechten keine Überhand bekommen".

Rinke will den Kranz dem NPD-Kreischef Roy Elbert - wie zuvor angekündigt - zurückgeben, sie sieht die Würde der Toten, die Würde der Veranstaltung in Gefahr. Sie nimmt in Kauf, massiv von den Rechten bedrängt zu werden.

Die Polizei muss eingreifen, nimmt Elbert vorläufig fest. Der respektvolle Applaus der Masse ist der Stadtchefin sicher. "Schämt Euch!", rufen manche. Es ist gelebte Zivilcourage.

Rinke verharrt kurz still, gibt sich aber nur wenige Schrecksekunden. Dann berichtet sie via Mikrofon von der NPD-Ankündigung, sie solle sich "in Acht nehmen, dass ihr Auto nicht in Flammen aufgeht".

Während der Hitler-Diktatur kostete dieser Mut manchem Aufrechten das Leben, auch in Nordhausen.

Die Oberbürgermeisterin lenkt in ihrer Rede den Blick auf Louis Schierholz, der seinen jüdischen Freunden half, das Gepäck zum Auswandererschiff zu transportieren, der sie zur Abreise begleitete - 1938 verhaftet wurde und an den Folgen der KZ-Haft starb.

In München lehnte sich die "Weiße Rose" um die Geschwister Scholl gegen die Hitler-Diktatur auf.

Öffentliche Warner, also "wahre deutsche Patrioten" wie sie brauche es auch heute, sagt Rinke mit Blick auf die vergangenen Neonazi-Morde: "Viele Menschen in Deutschland, die Polizei, die Behörden, sie haben zu lange gewartet. Am Ende waren neun Menschen tot. Die Täter des Nationalsozialistischen Untergrunds waren bekennende Rechtsradikale.

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Kristin Müller / 04.04.12 / TA
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Kommentare
04.04.12 - 10:05
RGL-NDH
Eine super Inzenierung der Frau OB Rinke von der SPD. Einfach mal einen Gedenkkranz von einer Gedenksteele entfernen. Im Gesetzbuch läuft so etwas unter Störung der Totenruhe und Störung des öffentlichen Friedens. Ich wollte ja auch erst an der Veranstaltung teilnehmen, doch das Polizeiaufgebot war mir zu happig. Wenn an anderer Stelle ein Polizist von Nöten gewesen wäre, dann hätte man bestimmt umsonst gewartet. Aber für die NPD macht man ja schon mal eine Ausnahme und da wird ein Gehbehindertes Staatratsmitglied unter Einsatz von Gewalt einkassiert. Ganz besonders sind mir bei dieser Aktion, die werten Polizeibeamten vor und hinter Herrn Elbert aufgefallen, welche Ihm einer gleich das Gesicht zugehalten und der Andere die Hände festgehalten hat. So stellt man sich keinen normalen Polizeieinsatz vor, aber Roy Elbert hatte noch Glück, dass sich bei dem Gerangel nicht wieder ein Schuss aus der Dienstwaffe,( Heckler und Koch P10) gelöst hat. Ist ja schon mehr als einmal im Polizeibezirk NDH vorgekommen.
04.04.12 - 09:49
Bernd Müller
Schon komisch, da gibt es eine NSDAP die ganz Europa und einschließlich Deutschland ins Elend geführt hat und die "Nachfolger" heucheln jetzt etwas von Gedenken der Opfer. Ihr seid einfach durchschaut, akzeptiert das. Und wenn die Rechten sich auf ihre Grudnrechte berufen, warum kommen aus euren Reihen Mörder oder auch einfache Kriminelle, lebt doch erstmal deutsche Tugenden vor, wie Ehrlichkeit, Fleiß, Achtung, Sauberkeit usw. . Leute die eine Diktatur errichten wollen brauchen sich jetzt nicht auf rechte berufen !
04.04.12 - 08:33
karsten
Auch ich finde das Handeln der Frau Rinke für nicht demokratisch! Mit welchem Recht entnimmt sie das Gesteck? [Anmerkung der Redaktion: Rechtes Gedankengut entfernt] Zieht es strafrechtliche Kosequenzen nach sich, was Frau Rinke tat? Rechtlich war es auf jeden Fall nicht!
04.04.12 - 07:29
Sergej Raschkow
Pluralistische Gesellschaft vs. Linke Meinungsdiktatur? Frau Rinkes teilvermummte Fusstruppen die mit herumschreien und fuchteln diese Gedenkveranstaltung schon längst gestört hatten, haben das Andenken an die Opfer mindestens genauso entweiht. [Anmerkung der Redaktion: Rechtes Gedankengut entfernt] Ganz besonders wenig Verständnis habe ich für die anwesenden Studenten aus aller Winde, die absolut keine Ahnung haben, welche Zerstörung, welches Leid und welche Narben Nordhausen davon trug, denn zum Glück sind die Krater längst verfüllt und die Baulücken größtenteils geschlossen.
04.04.12 - 07:09
M. Roßmann
Ich bin überhaupt kein Fan der NPD oder rechtsgerichteter Strömungen generell (auch extermer linker nicht), aber was berechtigt eine Bürgermeisterin, während einer offiziellen und öffentlichen Veranstaltung, die nicht nur für ausgewählte Gäste zugänglich ist, die wie auch immer gemeinten Beileidsbekundungen [Anmerkung der Redaktion: Rechtes Gedankengut entfernt.]
 
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