8000 Gläubige bei der Heiligenstädter Palmsonntagsprozession
Porträt
Sechs überlebensgroße Leidensbilder trugen die Träger durch die Heiligenstädter Innenstadt. Fotos: Eckhard Jüngel
Trotz der kühlen Witterung, aber bei immer wieder einsetzendem Sonnenschein nahmen an der großen Leidensprozession am Palmsonntag durch die Innenstadt Heiligenstadts etwa 8000 Gläubige teil. Das ist die geschätzte Zahl derer, die bei der Abschlussandacht in der Lindenallee dabei waren.
Heiligenstadt. Und in etwa ebenso viele Menschen, die zum Teil von weither angereist waren, verfolgten die Prozession mit den sechs überlebensgroßen Bildern Abendmahl, Ölberg, Verspottung, Kreuzigung, Pieta und Heiliges Grab von den Straßenrändern aus.
Weil die Straße Obere Altstadt derzeit wegen der großen Baumaßnahmen auf dem ehemaligen Brauhausgelände gesperrt ist, hatte die Prozession diesmal im Bereich Heimenstein-Felgentor-Fuchswinkel-Lindenallee Aufstellung genommen. Ansonsten wie immer ging es durch die Wilhelm- und die Göttinger Straße und die Lindenallee. Am Prozessionszug nahmen auch kleine Kinder auf den Schultern ihrer Väter teil und Babys in Kinderwagen, und Menschen mit Gehhilfen ebenso wie Rollstuhlfahrer. Viele hielten "Palmzweige", an einen Stock gebunden, in Händen. Mit dabei waren neben zahlreichen katholischen Priestern, Diakonen und Ordensleuten in geistlicher Kleidung in nunmehr gewohnter Weise evangelische Geistliche, darunter Superintendent Andreas Piontek. Und dem Heiligen Grab folgten wieder Grabesritter. Der Zug war so lang, dass während des Einbiegens des Abendmahls in die Lindenallee die vorletzte Station erst am Marktplatz in der Wilhelmstraße war. Der neue Propst und Kommissarius Hartmut Gremler ging in seiner Predigt auf die Redewendungen "aufs Kreuz gelegt" und "festgenagelt" ein, die heute noch genauso zutreffend seien wie damals im Jahr 30 nach Christus, als Jesus durch die Kreuzigung hingerichtet wurde. Aufs Kreuz gelegt werde man heute beispielsweise durch Geschäftsleute, Vertreter oder Autoverkäufer, und dann bekommen man das Gefühl der ohnmächtigen Wut.
Und dieses "Aufs Kreuz legen" gelte inzwischen "nicht mal nur als Kavaliersdelikt, sondern ist gesellschaftsfähig, ist übliche Geschäftspraxis", so der Propst. "Festgenagelt" werde man, wenn man nach dem Buchstaben und nicht nach dem Sinn beim Wort genommen werde, wenn der Andere einem eine unglückliche Formulierung weiterhin vorhält, auch wenn man sie anschließend zurecht gerückt hat. Aber lange bevor es zur "Kreuzigung" komme - zu Rücksichtslosigkeit, Kriegen, blutigen Ausschreitungen, Menschenrechtsverletzungen, Folter und Vergewaltigungen - habe schon eine Entscheidung begonnen: für die Liebe und damit für Gott oder gegen die Liebe und damit gegen Gott, so Propst Gremler. Leider gebe es auch manche Lieblosigkeit unter dem Deckmäntelchen der Gottesliebe, berichtete Gremler von einem rücksichtslos agierenden Geschäftsmann, der aber als guter Christ gelte. Dieser sei aber nicht aus dem Eichsfeld, beugte Gremler Verdächtigungen vor. Wer ein "vorbildlicher Christ" sei, aber andere aufs Kreuz lege, habe nicht verstanden, worum es Jesus gegangen sei. Der Propst dankte ausdrücklich allen, die durch ihr Engagement diese Prozession ermöglichten, mit der wieder tausende Christen ein Zeugnis des Glaubens ablegten "für uns selber und für die Welt". Er zählte die Gruppen und Institutionen auf und meinte, diejenigen, die das nicht hören könnten, seien wohl am wenigsten bereit, einen der Dienste zu übernehmen. Vor allem würden jedes Jahr wieder neue Ordner gesucht. Die anschließende Kollekte war für das Heiligenstädter Kinder- und Jugendheim St. Josef bestimmt.
8000 Gläubige bei der Heiligenstädter Palmsonntagsprozession
Kommentare
03.04.12 - 08:15
Niels Dettenbach
...da ist Herrn Gremler doch ganz offensichtlich entgangen, das Betrug - insbesondere der von Verbrauchern durch "Gedschäftsleute" in Deutschland eine Straftat darstellt und üblicherweise auch geahndet wird bzw. überhaupt ahndungsfähig ist - auch wenn das im katholischen Eichsfeld so mancher irdische Gesetze für unwichtig hält. Was Herr Gremler da lapidar als "Lieblosigkeiten" aus seiner Kirche darstellt, waren wie sind faktisch die größten Verbrechen, die schlimmsten menschlichen Umtriebe der Geschichte, die uns die Religion - insbesondere das Christentum - gebracht hat - dad das nun gerade die bösen Unternehmer gewesen sein sollen, passt zwar ins aktuelle Gutmenschendbild so manch kindlichen Gemütes, ist bekanntlich bereits faktisch falsch. Kirche soll bitte erst einmal im Rechtsstaat wie der Demokratie ankommen, bevor man meint - über sein eigenes Wertesystem hinaus - der ganzen Gesellschaft moralische Vorschriften bereiten zu müssen.