Peinlich, beschämend: Kopfschütteln über Hartz-IV-Debatte in Region Greiz
Porträt
Hartz-IV-Betroffene der Greizer Region sind entrüstet über das wochenlange Hickhack um die Änderung der Regelsätze Es ist einfach nur peinlich, sagt Martina Kutschera kopfschüttelnd, die Vorsitzende des Arbeitslosenselbsthilfevereins Greiz
Hartz-IV-Betroffene der Greizer Region sind entrüstet über das wochenlange Hickhack um die Änderung der Regelsätze Es ist einfach nur peinlich, sagt Martina Kutschera kopfschüttelnd. Die Vorsitzende des Arbeitslosenselbsthilfevereins Greiz und fünf weitere Vereinsmitglieder betreuen 370 Mandanten.
Greiz. Kutschera weiß aus erster Hand, wie sich Hartz-IV-Empfänger angesichts solcher Diskussionen fühlen. Nicht zuletzt, weil sie selbst seit 2005 auf Stütze angewiesen ist. Trotz unzähliger Bewerbungen hat Kutschera keine Arbeit gefunden, deshalb steckt sie all ihre Energie in die Tätigkeit im Verein. Am meisten ärgern sie die Vorurteile über Hartz-IV-Empfänger. Die tagsüber mit der Bierflasche in Parks rumhängen oder bis mittags im Bett liegen, sind nicht repräsentativ, findet sie. Die meisten wollen endlich wieder arbeiten, sagt Kutschera. Der Vorwurf der Faulheit ist Dagmar Hoppe nicht fremd. Die Cossengrünerin ist seit 2004 zu Hause, hat ihre Arbeit durch Krankheit verloren. Einen neuen Job hat die Textilfacharbeiterin nicht finden können. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn über fünf oder acht Euro diskutiert wird, sagt die 48-Jährige. Als Hartz-IV-Empfänger fühlt sie sich gebrandmarkt. Bei ehemaligen Arbeitskollegen war ich abgeschrieben, erzählt sie. Als die selbst von Arbeitslosigkeit betroffen waren, suchten sie plötzlich wieder Kontakt zu ihr. Es kann schnell gehen, dass man in Hartz IV rutscht, weiß Martina Kutschera. Zufrieden mit dem Zustand seien die wenigsten. Fünf Euro mehr, die im Gespräch sind, sieht sie lediglich als Aufhebung der Nullrunde vor einem Jahr. Zudem kritisiert sie, dass zu wenig etwa darüber geredet wird, warum Kinder bis zur Vollendung des sechsten Lebensjahres nur 60 Prozent der Regelleistungen bekommen.
Dass es gerade mit Kindern schwer ist, wenn man auf Hartz IV angewiesen ist, weiß Silvia Peuker. Seit vier Jahren ist die Greizerin auf Stütze angewiesen. Sie bedauert, dass sie ihren beiden Kindern nur selten Wünsche erfüllen kann. Auf einen Kinobesuch etwa muss sie lange sparen. Wenn Peuker das Geld hat, kann es passieren, dass der Film, den die Kinder sehen wollten, nicht mehr läuft. Grauenvoll findet sie es deshalb, wenn um ein paar Euro gefeilscht wird, verweist auf die Lebenshaltungskosten, die steigen. Hinzu kommt, dass sich Peuker von den Mitarbeitern des Jobcenters, früher Arge, nicht ausreichend informiert fühlt. Das hat Andrea Jarling schon oft gehört. Die Rechtsanwältin ist im Arbeitslosenselbsthilfeverein Mitglied, aller 14 Tage informiert sie hier über den Stand bei Hartz IV, gibt Tipps zum Formular-Ausfüllen oder zur bevorstehenden Gesetzesänderung. So rät sie, Anträge jetzt zu stellen, damit im Gesetz festgelegte Leistungen rückwirkend gezahlt werden. Jarling will informieren, weil sie weiß, wie unsicher Hartz-IV-Empfänger oft sind, weil sie kaum informiert sind. Obwohl Sozialgerichte seit Hartz IV von einer Klageflut überrollt werden, würden viele noch immer den Weg zum Anwalt aus Angst vor den Kosten scheuen, so Jarling. Zur Hartz-IV-Debatte findet die Anwältin übrigens klare Worte: Es ist beschämend für unser eigentlich reiches Land.