Romeos Lamento rührte zu Tränen

  • Junge Liebe ohne Zukunft: In Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" singen Kim Sheehan (Giuletta, l.) und Marie-Luise Dreßen (Romeo) die Hauptrollen. Foto: Stephan Walzl Junge Liebe ohne Zukunft: In Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" singen Kim Sheehan (Giuletta, l.) und Marie-Luise Dreßen (Romeo) die Hauptrollen. Foto: Stephan Walzl
Vincenzo Bellinis Oper I Capuleti e i Montecchi feierte in halbszenischer Form in Gera Premiere.
Gera. Zu den heikelsten Opernpartituren, die deutsche Stadttheater sich zumuten können, gehören jene des selten gespielten Sizilianers Vincenzo Bellini. Sofern jedoch deren Aufführung auch nur halbwegs gut gelingt, sollten sie Warnhinweise auf die Programmhefte drucken: "Vorsicht, Bellini-Musik macht schnell süchtig! Um Abhilfe fragen Sie Ihren Intendanten oder Generalmusikdirektor."

So in Gera. Dort spielt man "I Capuleti e i Montecchi", eine relativ frühe Belcanto-Orgie des jung verstorbenen Starkomponisten, in halbszenischer Façon. Es mag verschmerzbar sein, dass man an der arg unterfinanzierten Ostthüringer Bühne aus Kostengründen auf ein Bühnenbild (Ausstattung: Hilke Förster) weitestgehend verzichtet; im Hintergrund prangen zwei Leinwände mit Computeranimationen der Capulet-Villa, allerdings auf dem Niveau von Bildschirmschonern der Jahrhundertwende. Auch darüber, dass Regisseur Oliver Kloeter die Handlung recht lieblos in Szene setzt, kann man hinwegsehen. Denn Bellini hat ja einfach und eilig den allseits bekannten "Romeo und Julia"-Stoff - recht gerafft und ohne Shakespeare - vertont.

Fatale Dialektik

Allerdings leidet unter diesen Voraussetzungen jene nicht auszuhaltende Dialektik zwischen Schöngesang und tragischem Geschehen. Der Bellini-Fan Alexander Kluge, ein Adorno-Schüler, beschreibt dieses Verhältnis so: "Die Musik besiegt die Gewalt, aber die Gewalt beherrscht die Handlung und vernichtet die Liebenden." Insofern muss der Zuschauer seine Fantasie bemühen.

Musikalisch kommt er, den fünf Solisten sei Dank, allemal auf seine Kosten. Marie-Luise Dreßen, bis vor kurzem noch Geraer Ensemblemitglied und jetzt in Luzern zuhause, liefert eine ungemein reife Ausdeutung ihrer Mezzo-Partie als Romeo: herrlich, wie sie deren lyrische Qualitäten mit gediegenen Portamenti beseelt, ihr Lamento in der Gruft rührt schier zu Tränen.

Die junge Kim Sheehan, eine gebürtige Irin, glüht als Julia vor juveniler Leidenschaft und investiert ein Erhebliches an Kraft - was auf Dauer ihrer schönen Sopranstimme schaden wird. Eric Laporte protzt als Tebaldo mit seinem beträchtlichen Volumen, das in höchsten Höhenregionen so zu funkeln vermag wie eine Degenklinge, allerdings an Beweglichkeit schon etwas eingebüßt hat. Teruhiko Komori schlägt sich als Oberhaupt der Capulets achtbar, und Kai Wefer gibt souverän die kleine Partie des Pater Lorenzo.

Da stört eigentlich nur Kapellmeister Jens Troester am Pult der örtlichen Philharmoniker. Ganz ohne Frage kann er effektsicher dirigieren, was bereits in der Ouvertüre die ausgewogen röschen Tempi und das kompakte, opake Klangbild bewiesen. Rücksichtslos jedoch spornte er das Orchester weiter zu dröhnendem Fortissimo und deckte so die delikaten Gesangsstimmen zu. Das Begleiten, das im-Geiste-Mitsingen, die musikalische Gesamtverantwortung für eine Aufführung zu tragen: Das will halt gelernt sein. Ein erfahrener GMD als Vorbild täte diesem Kapellmeister wohl.

Dennoch - und zu Recht - zollte das Geraer Publikum langen, frenetischen Beifall und stimmte dem zum Schluss verlesenen Appell, dass das Altenburg/Geraer Fünfsparten-Theater nicht allein durch prekären Lohnverzicht der Mitarbeiter zu retten ist, ostentativ zu.

Weitere Vorstellungen: 7. April, 27. Mai, 6. Juli


Wolfgang Hirsch / 01.04.12 / TLZ
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