"Sacre" in Eisenach: Dem unbekannten Gott ein düsteres Opferritual
Porträt
Ferne Erinnerung an Zivilisation: Zu Arnold Schönbergs "Verklärter Nacht" tanzen Sofia Romano und Sven Gettkant sowie Frederic Schötschel (hinten) nach einer Choreografie von Andris Plucis. Foto: Hölting
Frenetischen Jubel und Standing Ovations gab es am Landestheater Eisenach bei der Premiere des Ballettabends Verklärte Nacht / Le Sacre du Printemps, und Kulturminister Christoph Matschie (SPD) versicherte: Ich setze meine Kraft dafür ein, dass das Theater weiterarbeiten kann.
Eisenach. Doch eine Lösung für die Finanzierung des kommunalen Eigenanteils muss erst noch gefunden werden. Neben allen Politika dieser Premiere bewiesen Choreograph Andris Plucis und seine Ballettkompanie sowie die Landeskapelle Eisenach unter Leitung Oleg Ptashnikovs hohen Kunstanspruch: Zu den spätromantischen Klängen von Arnold Schönbergs Opus 4 zog sich das 16-köpfige Ballett-Ensemble auf eine Insel zurück, während in Strawinskys Skandalwerk ein Sektenritual in einem Amoklauf endete: Zeit, Leere, Mensch, Opfer, Gott - mal abstrakt, dann symbolisch und pantomimisch vertanzt . Blaue Wasserprojektionen an den Wänden, Sand auf dem Bühnenboden - ein Gärtner zieht rechend seine Bahnen (Bühne: Beatrix Sassen). In pastellfarbenen, knappen Kostümen (Danielle Jost) erscheinen Tänzer, wirbeln Sand auf, hinterlassen ihre Spuren, mal als Formation, dann in Paaren und Trios. Die Körper biegen sich zu den timbrereichen Kantilenen. Eng an den musikalischen Akzenten choreographiert, entstehen Bilder gegenseitiger Unterdrückung, der Umarmung und des Abstoßens, auch Kampfszenen, manchmal spielerisch. Befreiung? Erleuchtung? Einfach Zustand. Eine halbe Gesichtsskulptur ragt aus dem Sand, eine ferne Erinnerung an Zivilisation. Der Sand der Zeit wird aufgewirbelt, doch am Ende verwischt der Gärtner alle Spuren. Einsam blicken sich zwei Tänzer an, umarmen sich selbst - verklärte Nacht. Während das Tanzen auf Sand manche Herausforderung darstellte, zum Teil zu beträchtlicher Asynchronität führte, schwelgte die Landeskapelle in Klangintensität. Spannungsvoller Phrasenbau und feine Balance durchzogen das einsätzige, in einer Kammerorchesterfassung gegebene Werk. Voll archaischer Brutalität und Energie strotzte dagegen der zweite Teil des Abends: In einem speziellen Arrangement für das Landestheater Eisenach meisterte das kleine Orchester Igor Strawinskys Meisterwerk. Hämmernde Ostinati, auftrumpfende Themen und rhythmische Ekstase tönten voll Kraft, marternd und ungehemmt aus dem Orchestergraben.
Menschlichkeit ist nicht gestattet
Nach abstrakter Schwebe in "Verklärte Nacht" folgte im "Sacre" die Überhäufung mit Symbolik; zu Nietzsches "Dem unbekannten Gott" zeigt Plucis ein schwarzes Opferritual: Mit einer Axt werden ein Kelch und eine Schale ausgegraben. Ein Mann wird geopfert, sein Blut aufgefangen, sein Herz herausgeschnitten, Opfermahl. Mit gestreckten Armen, mechanisch wie Puppen spulen die Männer und Frauen ihren Ritus ab. Menschliche Regung ist nicht erlaubt. Doch, einer bricht aus - und wird erschlagen. Auch zwei Paare, Ramona Savu-Seeck und Habid Badillo sowie Emi Kuzuoka und Nicolay Korobko, wagen spannungsvoll Trost in der Zweisamkeit zu suchen - ihr Todesurteil. Zwang des Kollektivs, Tanz in Formation. Aber der Blutdurst des Anführers steigt, sein Gotteskult fordert mehr und mehr Opfer. Er mordet seine Anhänger, fällt kannibalisch über ihre Leichen her. Er martert sich, kettet sich selbst ans Kreuz - starr verharrt die einzige Überlebende. Mit großer Präzision in Formationen, vielen Sprüngen und hohen Beinschwüngen zeigte das Ensemble die Mechanismen der Sekte. Dafür griff Plucis über weite Strecken auf Pantomime zurück, die gerade den dramaturgischen Einbruch der Musik in der Mitte des Werkes noch forcierte. Weitere Vorstellungen: 6., 20. und 22. April