Sarrazin-Lesung in Erfurt: Bündnis diskutiert mit Veranstalter

  • Ein Plakat im Schaufenster des DASDIE Live für die umstrittene Lesung von Thilo Sarrazin, für die auch die NPD die Werbetrommel rührt. Foto: Marco Schmidt Ein Plakat im Schaufenster des DASDIE Live für die umstrittene Lesung von Thilo Sarrazin, für die auch die NPD die Werbetrommel rührt. Foto: Marco Schmidt
Sarrazin absagen: Das fordert ein Bündnis von mehr als 200 Einzelpersonen und Organisatoren in einem offenen Brief an Veranstalter Wolfgang Staub.
Erfurt. Der sieht sich in der Zwickmühle: Er hat seit mehr als einem Jahr die Lesung für den 9. Mai geplant, ursprünglich im Wechsel mit Joachim Gauck , der vom gleichen Verlag präsentiert wird wie Sarrazin. Er hat Karten verkauft und sieht sich gegenüber dem Publikum in der Pflicht. "Soll ich mir von einer Interessen-Gruppe vorschreiben lassen, wer an meinen Veranstaltungsorten auftreten darf und wer nicht? Wo fängt das an, wo hört das auf?", fragt er sich.

Stellvertretend für das Bündnis trafen sich jetzt Anja Zuchow (Naturfreunde Thüringen) und Melanie Pohner (DGB Bildungswerk) mit Veranstalter Staub - diese Zeitung war beim Austausch der Argumente dabei. Gegenseitig überzeugen konnten sie sich nicht.

Gauck ist derweil Bundespräsident geworden, seine Lesung entfällt. Geblieben ist der Sarrazin-Termin. Geblieben ist auch die Verärgerung vieler, dass dem umstrittenen Autor ein Podium geboten wird für seine "menschenverachtenden", "rassistischen" und "sozialchauvinistischen" Thesen, wie das Bündnis beklagt und zu Protesten aufruft. Mit fataler Wirkung: Nur "peinliche" 80 Karten sei er vor dem Offenen Brief losgeworden. "Ich dachte, das Thema sei durch, nach all den öffentlichen Diskussionen", so Staub. Mit den Protesten stieg das Interesse: Danach habe er nun 700 Karten für die Alte Oper verkauft, es gebe nur noch Restplätze.

Ein Umstand, der das Bündnis nicht fröhlich macht. "Das ausgrenzende Weltbild Sarrazins spaltet die Gesellschaft, verletzt Migranten!", sagt Anja Zuchov. Gleichzeitig sei Sarrazin gar nicht an einer Diskussion über seine Thesen interessiert, sondern allein am "Buchverkauf auf Kosten einer ganzen Bevölkerungsgruppe". Als Veranstalter trage er auch moralische Verantwortung, appellierte Melanie Pohner an Staub, die Lesung abzusagen. Ob er denn auch den NPD-Vorsitzenden auf seine Bühnen lasse, wollte sie wissen. Staub verneinte: Mit Extremisten, rechts wie links, werde er keine Veranstaltungen machen, gern aber zur "guten Sache Integration". Dafür böte er gern seine Bühne. "Wo aber fängt Extremismus für Sie an?", hakte Melanie Pohner nach. Sarrazin lege schließlich die Grundlage für rechtsextremes Gedankengut, die NPD habe zum Besuch der Alten Oper aufgerufen.

Er wisse wohl um die polarisierende Wirkung des Autors, dem Publikum sei aber das freie Recht zuzubilligen, die Thesen Sarrazins anzuhören, sie zu werten, ihn gar zur Rede zu stellen, meint Staub. Proteste habe es auch nicht gegen die vielen TV-Sender gegeben, die Diskussionen mit und über Sarrazin einem Millionenpublikum präsentierten und ebenfalls eine Bühne boten, so Staub. Banal bis wirr, so ordne er die Thesen des "an sich ungefährlichen Menschen" Sarrazin ein, für den er "keine Partei ergreifen" wolle. Eine Rubrik, die sich nach Staubs Auffassung der umstrittene Autor mit Erich von Däniken teile, der mit seinen Thesen über Außerirdische Veranstaltungsorte fülle und seinerseits keine Proteste erwirke...

"Wo Menschen diffamiert und ausgegrenzt werden, kann ich dies nicht bühnenreif finden", hielt Melanie Pohler dagegen. Sarrazin sei ein Demagoge, sein Werk kein Sachbuch, nur weil es Zahlen enthalte. Eine inhaltliche Diskussion, so habe die Erfahrung andernorts gezeigt, komme gar nicht erst zustande.

In Sorge, was die Proteste für die Veranstaltung in der Alten Oper und die Besucher bedeuten, zeigte sich Staub, fragte nach möglicher Zahl der Protestierer und der Gefahr einer gewaltsamen Auseinandersetzung. Und er blieb dabei: Absagen, stellte er gestern klar, werde er die Sarrazin-Lesung nicht.


Frank Karmeyer / 31.03.12 / TLZ
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Kommentare
13.04.12 - 23:16
Mario
Die Tatsache, daß lediglich ca. 200 Leute die Veranstaltung des Herrn Sarrazin verhindern wollen, spricht wohl für sich. Immer wird es einige geben, die sich gegen den Strom stellen und erst mal dagegen sind. Haben diese Gegner denn überhaupt das leider umstrittene Buch des Herrn Sarrazin gelesen ? Wenn ja, haben sie auch begriffen was da steht ? Ein Buch voller Fakten und Zahlen. Zahlen lügen ja bekanntlich nicht ! Kaum versucht ein Mensch die Wahrheit zu sagen, wird ihm in althergebrachter Manier versucht den Mund zu verbieten. Wahrheit tut eben manchmal weh ! Aber warum die Wahrheit unterdrücken ?? Für einige Mitmenschen ist die Erde wohl immer noch eine Scheibe ...
13.04.12 - 22:44
Erbse
Rassismus entsteht vor allem dort, wo man die negativen Begleiterscheinungen der Migration tabuisiert und verschwiegt. Darüber sollten die Leute dieses Bündnisses gegen Sarrazin mal nachdenken.
12.04.12 - 13:13
Frank M.
Sarrazin ist kein Nazi, auch dann nicht, wenn Nazis eine Reihe seiner umstrittenen Thesen willkommen sind. Wollten wir alles, was Nazis für sich in Anspruch genommen haben und sicher auch noch nehmen werden, aus dem öffentlichen Leben verbannen, dann müssten wir Liszt, Wagner u. a. und unsere germanische Herkunft einschließlich aller noch gepflegten Bräuche (wie z. B. das gerade vergangene Osterfest) aus unserem Bewusstsein streichen. Wir haben als Deutsche eine besondere historische Verantwortung zu Themen wie Rassismus und staatlich organisiertem Massenmord aber die heute noch lebenden, mit sehr sehr wenigen Ausnahmen, tragen dafür keine Verantwortung mehr. Daher muss die zum Teil von außen und vor allem von extrem links aufgezwungene Schuldkultur endlich einer gesunden Erinnerungskultur, die nichts verharmlost, weichen. Solange sich jedoch die extreme Linke mit Stalin- und anderen Mördersymbolen schmückt und Antifaschismus als Rechtfertigung für eigene politische Pläne missbraucht, werden wir mit derartigen Auswüchsen leben müssen. Verbieten ist kein Weg, Gehirnwäsche gehört zu den Exerzitien eben dieser Extremisten, also bleibt nur die offensive sowie sachlich kritische Auseinandersetzung. Und genau das ist Wesenszug der Demokratie und genau dieser Wesenszug liegt allen Extremisten besonders im Magen. Manchmal tut es schon gut, ihnen einfach den Rücken zuzudrehen
11.04.12 - 08:00
falcao16
@Meister Eder: Bevor man beschimpft, richtig lesen. Siehe Beitrag weiter unter "Erfurter Ossi". Vielen Dank trotzdem, jetzt weiß ich, dass ich auf solche Situationen achten muss, dass nicht alle Kommentare gelesen werden. Ich hätte ähnlich wie jetzt "@Erfurter Ossi" schreiben sollen.
10.04.12 - 22:20
Meister Eder
@Falcao16, Sehr armseliger Beitrag!Von Fremdenfeindlichkeit reden, aber uns Erfurter, abfällig als "Ossis" bezeichnen!?Sicher kann der Chef der alten Oper, auf Sie & Co. verzichten!!!Und um Ihrer Bildung etwas zuträglich zu sein, Erfurt hat nicht 150.000 Einwohner, sondern 202.270!
08.04.12 - 21:47
Karl Meyerbeer
Der Extremismus der Mitte fängt auf jeden Fall genau da an, wo der Bürgermob mit Schaum vor dem Mund darauf besteht, dass der Rassimus von Sarrazin nicht nur beim Stammtisch, sondern auch in der Alten Oper breitgetreten werden muss. Ach ja: Das Statement "wirr und banal" kam vom Sarrazin-Befürworter Staub, der damit beweist, dass es ihm bei der Veranstaltung allein um eines geht, nämlich um das Eintrittsgeld.
08.04.12 - 20:37
Falcao16
Hoffentlich hat der "Erfurter Ossi" kein Recht mit den 150 000 Erfurtern. Ist schon lustig, der Ossi befürchtet eine Überfremdung der westlichen Welt. Es zeigt aber leider auch, dass Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wie Untersuchungen ja auch bestätigen. Ich bin jedenfalls von dem Chef der Alten Oper enttäuscht und werde diese Alte Oper aus meinem persönlichen Verantsaltungsortkalender streichen. Auch das ist Demokratie, dass man aussuchen kann, welche Kulturorte man besucht und da gibt es Gott sei Dank in Erfurt viele andere gute.
05.04.12 - 19:53
Hans Meiser
Andersherum wird ein Schuh draus: Sarrazins Gegner sind diejenigen, die eine sachliche und ausgewogene Diskussion über Sarrazins Thesen nicht zulassen wollen. Wer das Buch von Sarrazin gelesen hat, der weiß, dass seine Thesen weder "wirr" noch "banal" sind. Wirr und banal fallen hingegen mit schöner Regelmäßigkeit diejenigen auf, die sich offenbar über das Buch und seine "Thesen" äußern ohne den Buchinhalt zu kennen. Und Extremismus fängt genau da an, wo von der politischen Korrektheit abweichende Meinungen vom öffentlichen Diskurs mit dem Vorwurf der "Spaltung" und "Extremismus" ausgeschlossen werden sollen.
05.04.12 - 14:50
Demokrat
Wer sind denn diese "Damen" vom Bündnis? Was haben sie schon für die Gesellschaft getan als nur rumzupöpeln? Eine streitbare Demokratie muss auch die Meinung andersdenkender aushalten und akzeptieren.Die Masse der Menschen in der Bundesrepublik denken wie Herr Sarrazin. Wer hier lebt muss sich ein- und unterordnen. Das ist überall in der Welt so, nur nicht in den Köpfen der Bündnisanhänger!
04.04.12 - 00:14
sardanapal
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03.04.12 - 19:48
Erfurter Ossi
Soweit ich mich erinnere hat Sarazin beim Thema Migration die muslimischen Migranten als integrationsunwillig hervorgehoben.Andere Gruppen,wie Asiatische, slawische oder afrikanische werden in diesem Kontext von ihm nicht negativ belegt.Wo also ist Herr Sarazin rechtspopulistisch oder gar nazistisch veranlagt.Er spricht nur das aus und an was Millionen deutsche Bürger schon seit Jahren beobachten und mit Recht fürchten.Nämlich eine islamische Überfremdung der westlichen Welt.Wenn Frau Pohner und Frau Zuchow meinen,das eine Kultur, die noch mittela­lterliches Kulturgut als alleingültig betrachtet,erstrebenswert ist, so mögen sie doch mit Schleier bzw.Kopftuch oder gar Burka bekleidet vor der Alten Oper gegen Sarazin demonstrieren. Vielleicht gefällt ihnen ja auch, diese Tracht ständig zu tragen. Herr Staub, lassen Sie sich nicht beirren.Hundertfünfzigtausend Erfurter stehen hinter Ihnen.
03.04.12 - 14:34
Uwe Biermann
Wem das Buch nicht gefällt der muss es weder kaufen noch lesen. Wenn die Damen glauben dass sie müssen können sie Herrn Sarrazin ja wegen Volksverhetzung anzeigen. Ich wünsche schon jetzt viel Spaß dabei. Ansonsten hätte ich gern gewußt was solchen Leuten einfällt, Meinungen die Ihnen nicht passen (und die zu widerlegen sie intellektuell nicht in der Lage sind) verbieten zu wollen.
01.04.12 - 13:31
Erfurter
Man sollte endlich eine ehrliche und sachliche Diskussion über das Buch führen (im Internet passiert das bereits!). Zur Zeit lese ich das "rote Buch", bin zur Hälfte durch. Warum? Zuerst habe ich Herrn Sarrazin im Geiste pauschal verurteilt, ohne das Buch zu kennen. Ohne seine politische Richtung zu kennen. Über eine Million Buch-Verkäufe aber nur ca. 10% haben es gelesen. Beim Lesen des Buches fällt auf, dass die vom Autor verwendeten Statistiken zu einseitig sind. Andere Daten, die "seine" Argumente konterkarrieren, werden nicht erwähnt. Zugleich muss ich darauf hinweisen, dass Herr Sarrazin nur ein Vertreter (und Provokateur?) des sog. rechtspopulistischen Flügels der SPD und der Gesellschaft ist. Hier verstehe ich nicht, warum dieses Problem ignoriert und "aus den Augen verboten" werden soll. Rechtspopulismus entstand aus den Ängsten vor der EU, vor der Zuwanderung, der Globalisierung, kurz nach der Ölkrise 1973. Warum wird nicht eine Veranstaltung vorher organisiert, die besser aufklärt und nicht einseitig manipuliert? Auf komplexe Probleme gibt es keine einfachen Antworten und beide Seiten machen es sich zu einfach.
31.03.12 - 12:03
Erbse
In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Das Buch von Herrn Sarrazin steht nicht auf dem Index. Es war frei im Handel erhältlich. Somit steht es jedem Bürger frei, sich damit zu beschäftigen. Wer das nicht will, der soll es lassen. Niemand zwingt die beiden Damen und die restlichen Mitglieder dieses Bündnisses dazu, an der Veranstaltung teilzunehmen. Genauso sollten die über 700 Leute, die die Karten gekauft haben, diese Veranstaltung in Ruhe, ohne Störungen besuchen dürfen.
31.03.12 - 10:17
sardanapal
""Wo aber fängt Extremismus für Sie an?", hakte Melanie Pohner nach." -- Wo man die a­lternative Meinung gar nicht hören will, wo man diese Lesung verbieten will, statt frei diskutieren. Wo die zwei seltsame Damen Anja Zuchow und Melanie Pohner für alle Bürger entscheiden wollen, was wir hören, sagen, lesen, denken dürfen und was wir nicht dürfen. Das ist Extremismus, ohne Zweifel. Ob Exrtemismus beim Sarazin anfängt, weiß man nicht - eher nicht, weil er nichts verbietet, er stellt nur das Problem (ob er Recht hat, ist ganz andere Frage, die mit Extremismus nichts zu tun hat) und durchaus für eine Diskussion offen ist. Was wollen diese arme Frauen..?
 
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