Archivbild: Sozialarbeiter, Erzieherinnen und Erzieher der Städtischen Kindertagesstätten demonstrieren, am 15. Juni 2009 in Jena für besseren Gesundheitsschutz und höhere Löhne. Foto AP
Prof. Mechthild Seithe in ihrem "Schwarzbuch soziale Arbeit": Wie die Sozialarbeit unter dem Druck ihrer Ökonomisierung zunehmend Schaden nimmt.
Prof. Mechthild Seithe. Foto Constanze Alt
Jena. Als die Schulsozialarbeiterin Anja Z* kündigt, ist sie mit den Nerven am Ende. Zu hoch die Belastung, zu unkollegial das Klima, zu niedrig das qualitative Niveau zu wenig hat ihr Arbeitsalltag inhaltlich mit dem im Studium Erlernten zu tun. Mittlerweile hat Z., die über einen Hochschulabschluss und diverse Zusatzqualifikationen verfügt, Thüringen verlassen; ist in einem anderen Bundesland erneut in der Schulsozialarbeit tätig. Verbessert hat sie sich nicht im Gegenteil. "Die erwarten Wunder", sagt Sozialarbeiterin Z., die für ein mageres Gehalt regelmäßig unbezahlte Überstunden schiebt. Dass sich die Mittdreißigerin trotz ihres Bildungsniveaus nicht mehr zum Mittelstand, sondern zur sozialen Unterschicht zählt, mag am meisten erschrecken. Auch Sozialpädagogin Jana M* steht voll unter Stress, kann sich ihre Arbeit aber relativ selbstbestimmt einteilen und ist daher weitaus zufriedener als Frau Z. Auch sie hat einen Uni-Abschluss. Auch sie verdient weit unter ihrem Niveau. Obwohl sie ein bescheidenes Leben führt mit über dreißig immer noch das eines Studenten , steckt sie knietief im Dispo. Selbst wenn das Gehalt gerade überwiesen ist im Plus ist ihr Konto nie. Mechthild Seithe, Professorin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Jena, kennt diese Problematik nur zu gut. Schicksale wie das von Frau Z. und Frau M. würde sie auch ihren Studenten gern ersparen. Doch die Desillusionierung beginnt bei den meisten schon mit dem ersten Praktikum. "Das ist ja alles ganz schön und gut, was wir hier lernen, aber in der Praxis weht ein ganz anderer Wind", so der übereinstimmende Tenor. Dass es in der sozialarbeiterischen Wirklichkeit scheinbar "nur noch um Geld, um Kostenreduzierung oder um das Beschaffen von finanziellen Ressourcen" gehe, sieht Seithe als Übel an. Entsprechend nimmt ihr kürzlich erschienenes "Schwarzbuch soziale Arbeit" die radikale Ökonomisierung ihrer Zunft unter Beschuss. Was die Professorin umtreibt, sind die Folgen neoliberaler Sozialpolitik für die soziale Arbeit. Ihrer Überzeugung nach stehen die Sparzwänge einer professionellen Arbeit mehr und mehr im Wege. Soziale Arbeit wird nach Ansicht der Autorin "in ein standardisiertes Industrieprodukt verwandelt", dessen Anwendung nur mehr auf unterem Niveau angelernter Kräfte bedürfe. Starker Tobak. Doch Seithes Kritik kommt nicht von ungefähr. Exemplarisch verweist sie auf die gemeinsame Magisterarbeit von drei ihrer Studentinnen. "Soziale Arbeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit unter den Herausforderungen der Zweiten Moderne" haben Katja Job, Sophie Ortmann und Miriam Pommer ihr Projekt genannt. Unter der Fragestellung "Kritik oder Anpassung?" untersuchten die jungen Frauen anhand mehrerer Interviews mit Sozialarbeitern, die bereits einige Jahre im Berufsleben stehen, wie diese mit den veränderten Rahmenbedingungen umgehen. Befragt wurden Mitarbeiter des Fallmanagements aus dem Bereich Arge und Mitarbeiter eines Thüringer Jugendamtes.
Das ernüchternde Ergebnis: Wirklich zur Wehr gegen Mittelkürzungen, Personalabbau oder qualitative Verflachung setzte sich niemand. Ebensowenig waren die Befragten in der Lage, ihre konkrete Situation in die Zusammenhänge einer gesamtgesellschaftlichen Schieflage zu ordnen. Anstelle die Fehler im System zu erkennen, wurden Probleme personalisiert, also an konkreten Vorgesetzten oder Kollegen festgemacht. Auffällig war, dass die Gruppe der Fallmanager sich durch ein positives Umdeuten der Gegebenheiten mit ihrer Lage arrangierten und laut Seithe "ganz bewusst auf Abstand zum sozialpädagogischen Ethos" gingen. Ein Fallmanager hatte sogar gesagt, endlich hätte er mit einer Klientel zu tun, die auf ihn hören müsse. Die völlig gestressten Jugendamt-Mitarbeiter hingegen seien ständig bestrebt gewesen irgendwie durchzuhalten. Anstatt sich über Personalkürzungen zu beschweren, taten sie alles, um ihre Jobs irgendwie auf die Reihe zu bekommen. Zwar erhebt die Magisterarbeit nicht den Anspruch einer repräsentativen Studie. Doch sieht Seithe in der kritiklosen Anpassung ein weit verbreitetes Phänomen. Sei diese doch ein Symptom der Veränderung der gesamten Philosophie sozialer Arbeit. Anstatt etwa Langzeitarbeitslosen durch intensive Betreuung die Chance zu geben, sich selbst nachhaltig zu ändern, sei im Bereich Fallmanagement eine Tendenz zur qualitativen Verflachung zu beobachten. "Es geht nur noch darum, die Leute schnell in irgendeine Beschäftigung zu vermitteln" ohne Berücksichtigung der Person. Insgesamt sei eine sich vergrößernde Diskrepanz zwischen der Theorie sozialer Arbeit und der Praxis erkennbar. Die mangelnde Kritikfähigkeit liege nicht zuletzt darin begründet, dass das Gros der Sozialarbeiter einen Typ Mensch repräsentiere, der sich zwar in hohem Maße für Andere aufopfere, nicht aber in der Lage sei, seine eigenen Interessen zu vertreten. "Die bringen sich für die Klienten um, können sich aber nicht selbst verteidigen." Was vor allem im Osten erschwerend hinzu käme, sei die Angst um den Job. Mechthild Seithe: Schwarzbuch Soziale Arbeit. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, 280 S., 22.95 Euro.