Spurensuche im Gulag

  • Häftlinge zerkleinern Steine für den Weißmeer-Ostsee-Kanal: Das 1932 entstandene Foto wird in der Ausstellung "Gulag. Spuren und Zeugnisse" gezeigt, die Ende April in Neuhardenberg eröffnet wird und Mitte August nach Weimar wechselt.  Foto: Sammlung "Memorial"    Häftlinge zerkleinern Steine für den Weißmeer-Ostsee-Kanal: Das 1932 entstandene Foto wird in der Ausstellung "Gulag. Spuren und Zeugnisse" gezeigt, die Ende April in Neuhardenberg eröffnet wird und Mitte August nach Weimar wechselt. Foto: Sammlung "Memorial"
Die Stiftung Schloss Neuhardenberg kooperiert im Jubiläumsjahr mit den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: Die Ausstellung "Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956" des Moskauer Menschenrechtszentrums "Memorial" wird auch in Weimar gezeigt.
Weimar/Neuhardenberg. Mit einem "Theater der Lüfte" wird im Mai im Schlosspark Neuhardenberg ein kleines Jubiläum angezeigt. Man feiert bis zum Sommer - mit namhaften Musikern und Ensembles, im Diskurs mit Politikern, Historikern und Philosophen. Bekannte Schauspieler wie Sophie Rois, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Sylvester Groth und Iris Berben lesen. Doch ins Zentrum ihres Jubiläums hat die vor zehn Jahren gegründete Stiftung Schloss Neuhardenberg eine Ausstellung gerückt, die eines der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts erhellt, indem sie in die unter der Sammelbezeichnung "Gulag" geführten Zwangs-, Arbeits- und Umerziehungslager der Sowjetunion hineinleuchtet.

Gulag-Ausstellung im Schillermuseum


Das ist zweifellos die Handschrift von Stiftungschef Bernd Kauffmann, der zuvor schon als Klassik-Präsident und Generalbevollmächtigter der Kulturstadt Europas die Janusköpfigkeit Weimars thematisierte, die historische Kluft zwischen Humanismus und Barbarei. Und die Kontakte an die Ilm bzw. zum Ettersberg funktionieren noch immer, denn die Ausstellung "Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956" entsteht in Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Vom 1. Mai bis 24. Juni ist sie in Neuhardenberg zu sehen, danach wandert sie nach Weimar, wo sie vom 19. August bis 21. Oktober im Schillermuseum gezeigt wird.


Erarbeitet und zusammengestellt hat diese Dokumentation, die erstmals in Deutschland gezeigt wird, das 1988 gegründete Moskauer Menschenrechtszentrum "Memorial". Die wissenschaftliche Leitung liegt in den Händen des Weimarer Gedenkstätten-Leiters Volkhard Knigge und von Irina Scherbakowa von "Memorial" Moskau. Im dreiköpfigen Kuratoren-Team wirkt der Weimarer Gedenkstätten-Mitarbeiter Rikola-Gunnar Lüttgenau mit.


Gulag, ursprünglich die russische Abkürzung für die 1930 gebildete Glawnoje Uprawlenije Lagerei (Hauptverwaltung der Lager), wurde zum Inbegriff sämtlicher Haftanstalten in der stalinistischen Sowjetunion. In aller Welt bekannt wurde das Wort nach der Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns Zyklus "Der Archipel Gulag", für den der Autor 1970 mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt wurde. Solschenizyn war einer von schätzungsweise 20 Millionen Menschen, die Jahre oder gar Jahrzehnte in sowjetischen Zwangslagern festgehalten wurden. "Es wurde mir nach und nach klar, daß die Grenze zwischen Gut und Böse nicht zwischen Staaten, Klassen oder Parteien verläuft, sondern quer durch das Herz des Menschen", schrieb er. "Es ist unmöglich, das Böse ganz aus der Welt zu schaffen, aber es ist möglich, es aus dem Innern des einzelnen Menschen zu vertreiben."


Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Erfahrungen der Opfer. Aus ihrer Perspektive wird die Geschichte des Gulag rekonstruiert. Die Exponate stammen größtenteils aus der Sammlung des "Memorial"-Zentrums, dessen erster Vorsitzender der russische Atomphysiker und Dissident Andrej Sacharow war. "Memorial" stellt für die Neuhardenberger und Weimarer Exposition bisher nicht öffentlich gezeigte Realien und Dokumente zur Verfügung. Neben einem breiten Spektrum von Zeitzeugenberichten, Fotografien, Filmen und im Gulag entstandenen Kunstwerken sind auch Sachzeugen zu sehen, die Ende der 80er Jahre an den Standorten ehemaliger Lager geborgen wurden. Im Rahmenprogramm liest Corinna Harfouch aus den "Erzählungen aus Kolyma" des Gulag-Häftlings Warlam Schalamow. Mit der "Memorial"-Mitarbeiterin Irina Scherbakowa diskutieren der TV-Journalist Fritz Pleitgen und der Dichter Durs Grünbein die Frage, ob Russland allein mit dem Verstand zu fassen ist.

Sloterdijk und die deutsche Seele


Die deutsche Seele und die Political Correctness sind weitere Schwerpunkte des Jubiläumshalbjahres, in dem Kauffmann auch in seinem Hause zum "Gespräch über den abwesenden Herrn Sloterdijk" einlädt. Wolfgang Rihm, Durs Grünbein und Sibylle Lewitscharoff diskutieren anlässlich des 65. Geburtstages des Philosophen.


"War doch gut", zitiert im Programmheft der von der Stiftung eingesetzte Schlossherr seinen Vormieter, den preußischen Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg, aus dem Jahr 1813. Dank der Segnungen durch den Deutschen Sparkassen- und Giroverband vermochte der Ex-Weimarer im Brandenburgischen viel zu bewegen. Er hat Neuhardenberg zu einem Ort gemacht, den man nicht mehr suchen muss. Zu dem man gerne fährt, weil er anspruchsvolle kulturell-geistige Begegnungen bietet. War doch, ist doch, wird doch gut, resümiert Kauffmann selbstbewusst. Wer mag ihm da widersprechen?


www.schlossneuhardenberg.de


Frank Quilitzsch / 04.04.12 / TLZ
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