Streit um den modernen Protestantismus

  • Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits als Buch erschienen. Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits als Buch erschienen.
Den theologischen Disput, der sich Mitte des 17. Jahrhunderts zwischen dem liberalen Johannes Meissner und dem orthodoxen Lutheraner Abraham Calov entspann, beleuchtet Prof. Detlef Jena in dieser Woche in seinen Marginalien zur Geschichte.
Martin Luther genießt auch deshalb den Ruf des streitbaren und kämpferischen Reformators, weil er sein Leben lang konsequent Theologe und geistlicher Gelehrter geblieben und nicht dem Lockruf höfischer Würden erlegen ist. Ähnlich hielt es der am 4. April 1615 in Torgau geborene Johannes Meissner, der 1681 als lutherischer Theologe in Wittenberg gestorben ist.

Die akademische Ausbildung erhielt er an der Universität Wittenberg in der Philosophie und in den "freien Künsten". Der Magister Meissner lehrte Latein und Griechisch, bis ihn die Philosophische Fakultät 1642 als Adjunkt einstellte und er sich der Theologie widmen durfte.

In dieser Dienststellung konnte er bei Studienreisen nach Frankreich Erfahrungen als theologischer Netzwerkknüpfer sammeln. Die Mühen lohnten zunächst nur bedingt: Kursachsen hatte nach Meissners Rückkehr aus Straßburg keine Stelle frei, und er rochierte nicht ganz freiwillig auf den Rektorenposten der Stadtschule in Torgau.

Die Mühen eines Schullehrers waren nichts für ihn. Er erwarb in Wittenberg das Lizentiat der Theologie und traf bei seinen Vorlesungen auf ein positives studentisches Echo, das ihn im Einklang mit seinen wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten über die außerordentliche zur ordentlichen Professur führte. Außerdem erhielt er die Stelle des Propstes an der Schlosskirche in Wittenberg, die ihn berechtigte, als Assessor im Wittenberger Konsistorium zu sitzen. Aber die formale Struktur der Hierarchie war noch das geringste Problem: Meissner stieg in Wittenberg zu einer akademischen Höhe auf, die der theologische Konkurrent Abraham Calov (1612-1696), der seit 1650 als Professor der Theologie in Wittenberg lehrte, für sich beanspruchte.

Calov besaß den unguten Ruf eines "lutherischen Papstes", eines "Mathematikers der Religion", der sich als streng gläubiger orthodoxer Lutheraner notwendiger Modernisierungen des Protestantismus verschloss. Calovs Bibelauslegungen prägten den damaligen Geist der Wittenberger Theologischen Fakultät als Glaubenstribunal des orthodoxen Luthertums.

Meissner passte in dieses fundamentalistische Schema nicht hinein. Dem Geist der Irenik verbunden, verfocht er den Glauben an das gemeinsame Fundament aller christlichen Religionen und suchte im Dialog, ohne Polemik oder Inquisition, die Unterschiede der Glaubensrichtungen zu ergründen. Ein derart liberaler Modernismus, der im Prinzip nach Fundamentalisten und Nichtfundamentalisten unterschied, war für Calov gleichsam eine Gotteslästerung.

Misstrauisch beobachtete er den bei Studenten erfolgreichen Kollegen. Als Meissner dann im Jahre 1669 sein wichtigstes Werk, "Examen Catechismi Palatini", herausgab, sah Calov die Stunde gekommen, ein weithin sichtbares Zeichen auf das Banner der lutherischen Orthodoxie zu malen und einen emsig drängenden Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen.

Wie bei allen derartigen zeitlosen Glaubenskämpfen ging Calov an die Substanz, denunzierte Meissner als Verräter am Luthertum und zwang ihn dank der eigenen Autorität zur öffentlichen Disputation. Der Irrgläubige sollte öffentliche Reue zeigen und sich demütig unterwerfen. Doch Meissner widersetzte sich und brachte Gutachten bei, die seine Positionen stützten. Der Streit zog sich über Jahre hin. 1675 spitzte er sich auf die Abendmahlslehre zu. Calov stellte eine Liste mit Zitaten Meissners über die christliche Bedeutung des Abendmahls zusammen und beschuldigte ihn der Häresie - nicht geeignet für ein akademisches Amt.

Die Sache ging weder für Meissner noch für die Universität Wittenberg gut aus, denn der theologische Streit wuchs sich zu einem allgemeinen ärgerlichen Politikum aus. Nicht einmal der Kurfürst konnte vermitteln. Ein Forum der Universitäten Leipzig, Gießen und Straßburg konnte oder wollte keine eindeutige Stellung beziehen. Also musste die zuständige Kirchenbehörde, das Oberkonsistorium in Dresden, entscheiden. Derartige Behörden entscheiden oft lieber im Sinne des Bewahrens denn der Reform, und so setzte das Oberkonsistorium ein Glaubensbekenntnis auf, das so recht nach dem Herzen und dem Sinn des orthodoxen Calov geriet. Die ehrwürdigen Theologen in Wittenberg sollten alle das Papier unterschreiben. Während Calov unverzüglich zur Feder griff, besaß Meissner Vorbehalte. Aber das Konsistorium wusste um Mittel, Meissner 1680 mit gütigem Nachdruck zur Unterschrift zu bewegen.

Immerhin - Meissner übernahm fünf Mal das Rektorat der Universität Wittenberg. Calov hätte es gerne wenigstens ein einziges Mal innegehabt. Aber er war zu streitsüchtig und inquisitorisch, das mochten die Akademiker nicht.


Prof. Dr. Detlef Jena / 03.04.12 / TLZ
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