TLZ-Analyse zur Theaterkrise: Die Wutbürger machen mobil

  • Thüringer Theater stecken derzeit in einer finanziellen Krise. Archiv-Foto: Peter Michaelis Thüringer Theater stecken derzeit in einer finanziellen Krise. Archiv-Foto: Peter Michaelis
TLZ-Kolumnist Wolfgang Hirsch betrachtet die Krisen der Theater Eisenach und Altenburg/Gera.
Wir alle sind Griechen. Wahlweise auch Spanier. Vor allem jene von uns, die in Eisenach oder Altenburg leben und gern ins Theater gehen. Denn so wie die Wutbürger in Athen oder Madrid gegen die drastischen Sparpläne ihrer Regierungen protestieren, so gehen die Kulturbürger in Eisenach auf die Straße, um sich gegen den - aus parteitaktischen wie fiskalischen Gründen - drohenden Untergang ihres Stadttheaters zu wehren. Für morgigen Samstag, 10 Uhr, laden die Eisenacher Theaterfreunde zu "Großem Lärmumzug und stiller Fürbitte" auf den Theaterplatz. Drei Wochen vor den Oberbürgermeister- und Landratswahlen wollen sie ihren Politikern eine hörbare Schelle für die Ohren verpassen.

In Altenburg trifft man sich vorerst "nur" zur Diskussion im Theater. Auf dem Podium saßen am Mittwoch u. a. der Oberbürgermeister und der Landrat. Beide haben vor ein paar Wochen einen Finanzierungsvertrag für unser Theater mit der Landesregierung geschlossen, der vorn und hinten nicht ausreicht. Und dies in dem Wissen, dass es so ist. Da rumort es im Saal, da machen sich nicht nur erboste Schauspieler Luft, sondern auch die Theaterfreunde artikulieren sich lautstark und heftig.Volksvertreter, hört die Signale!

Strukturell unterfinanziert

"Es gibt keine Theaterkrise", sagt da der Altenburg/Geraer Intendant Kay Kuntze. "Es gibt nur eine Finanzierungskrise." Recht hat er. Und diese Finanzierungskrise ist nach Jahren, Jahrzehnten so tiefgreifend, dass selbst 2,1 Millionen Euro, die von 2013 an nötig sind, um die Theaterleute gerecht zu bezahlen, nicht ausreichen. Sondern das Theater ist strukturell derart unterfinanziert, dass man nochmal zwei Millionen Euro pro Jahr drauflegen müsste, damit wieder Handlungsspielräume entstehen. Damit die wenigen Sänger mit dem zweifelhaften Glück eines Festengagements sich nicht kaputtsingen müssen. Damit wieder geregelte, nicht improvisierte Produktionsabläufe entstehen.

Holk Freytag, dieser alte, erfahrene Theaterhaudegen, der die Lage republikweit im Blick hat, kritisiert die Finanzpolitik des Bundes und auch der Länder, die die Kommunen abschnürt und zu Mangelverwaltern degradiert. Einen Rettungsschirm für die Theater fordert er zwar nicht explizit, erzählt aber von der Idee, die deutschen Bühnen unter den Unesco-Welterbeschutz zu stellen.

Da will in Altenburg niemand mehr über Strukturveränderungen - sprich: Spartenabbau - diskutieren. Denn wie rasch diese Schraube sich abwärts dreht, das sieht man ja gerade in Eisenach. Ehe man sich's versieht, ist das Theater ruiniert. Mag sein, dass in Gera/Altenburg die akute Not mit einem Kompromiss überwunden wird. Vertreter der Träger - der Städte Altenburg und Gera sowie des Kreises Altenburger Land - erwägen zumindest haushalterische Möglichkeiten, ihre Zuschüsse noch ein wenig aufzustocken, sofern ihnen die Theaterleute mit einem - halbwegs erträglichen - Haustarifvertrag entgegenkommen.

In der Mitte des Gemeinwesens

Das würde zwar die Probleme, die letztlich auf einer kommunalen Unterfinanzierung beruhen, nicht lösen, nur abermals vertagen, wäre aber auch schon ein Gewinn. Dennoch: Es geht ums Grundsätzliche. Unsere Politiker müssen verstehen lernen, dass die "Kunst des Machbaren" - Dürrenmatt nannte es die "Wurstelei des 20. Jahrhunderts" - nicht mehr gefragt ist. Die Basis verlangt Erklärung, Engagement und Teilhabe - ganz demokratisch. Ehrliche Kommunikation, Klartext! Wer das "Stimmvieh" mit rhetorischem Geklingel abspeist, schürt den Protest - auch an der Wahlurne.

Während die Parlamente mehr und mehr an den Rand rücken, stehen unsere Theater im Mittelpunkt des Gemeinwesens. Sie sind moderne Diskursorte, die eine Verständigung über aktuelle Themen - Demografie, Migration, Globalisierung - inspirieren und moderieren. Dort findet Kommunikation statt, wovon sich Strategen wie Landrat Sieghardt Rydzewski , der Anstalten macht, einen Keil in die Altenburg/Geraer Theaterträger zu treiben, und Thüringens Finanzminister Wolfgang Voß , der die Zukunft des Eisenacher Theater-Torsos rüde blockiert, gern mal selbst überzeugen dürfen. Bei der Stückauswahl sind wir behilflich: vielleicht einen "Fliegenden Holländer"? - Im Kino gäbe es stattdessen ein anderes Programm: "Piraten!"

Samstag, 10 Uhr, Theaterplatz Eisenach


Wolfgang Hirsch / 29.03.12 / TLZ
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Kommentare
30.03.12 - 10:35
Isenächer
Wutbürger ist ein für mich seit den militanten Ausschreitungen der Stuttgart21 -Protestierer negativ besetzter Begriff. Ich finde Parteipolitik- oder besser Parteigezänkverdrossene viel besser!
29.03.12 - 22:33
Uwe S.
Leider sind die Theaterhäuser immer nur dann Diskursorte, wenn es den Angestellten selbst an den Kragen geht. Solidarität darf keine Einbahnstrasse sein! Ich wünsche euch in Eisenach trotzdem viel Kraft und für die Zukunft eine weniger elitäre Theaterlandschaft in Thüringen. Grüße aus Weimar!
 
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