TV-Mediacenter: Kaffeefahrt-Anbieter in Jena auf Dummenfang
Porträt
Nicht totzukriegen: Kaffeefahrt-Anbieter wie "TV-Mediacenter Deutschland". Foto: Jördis Bachmann
Juhu! Gewonnen! Einen tollen großen Fernsehapparat und eine Busfahrt in Richtung Abzocke. Kaffeefahrtunternehmen sind einfach nicht totzukriegen: Vor wenigen Tagen brachte ein Leser einen Brief von "TV-Mediacenter Deutschland" in die Redaktion.
Jena. "Vertrauen und Ehrlichkeit setzen sich durch" ist in der Überschrift zu lesen und kleingedruckt: "Bei dieser Jubiläumsfahrt handelt es sich nicht um eine Kaffeefahrt." Lüge!Das Schreiben besagt, dass unser Leser ausgewählt worden sei, einen Fernsehapparat zu erhalten und zwar anlässlich des 50. Firmenjubiläums von TV-Mediacenter. An vier verschiedenen Bushaltestellen in Jena sollen die "Gewinner" am Morgen des 22. Februars abgeholt werden. Wohin die Fahrt genau geht, wird aus dem Schreiben nicht ersichtlich - nur, dass es ein kostenloses Mittagessen gibt und ein "hochwertiges Reiseradio" gratis. So viele tolle Geschenke!"Die Firma TV-Mediacenter existiert nicht. Die angegebene Mail-Adresse ist erfunden. Wer die Handynummer wählt, wird nur die Mailbox erreichen. Ausschließlich das Postfach existiert", weiß Frank Schuster vom Fachdienst Ordnungs- und Gewerberecht des Lahn-Dill-Kreises in Hessen. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren mit den unseriösen und rechtswidrigen Kaffeefahrtunternehmen.Das Ordnungsamt des Lahn-Dill-Kreises hat als einzige Behörde Deutschlands eine Warnliste mit konkreten Einladungsschreiben veröffentlicht. Seitdem kommen täglich Anfragen von Betroffenen. "Ich hatte den Ansturm völlig unterschätzt", sagt Frank Schuster heute. Als Kreisverwaltung sei die Behörde mit den vielen Anfragen überfordert. "Aber ich hatte das Glück, dass meine Vorgesetzten mir den Freiraum einräumten, mich diesem Thema zuzuwenden." So ist Frank Schuster in den vergangenen Jahren zu einem Experten geworden und kennt die Tricks der Kaffeefahrtunternehmen genau.
Immer neue clevere Tricks
"Ich hatte vermutet, dass die TV-Mediacenter-Welle durch sei", sagt er auf das aktuelle Einladungsschreiben des Lesers angesprochen. Im vergangenen Jahr flatterten diese Briefe bei uns im Kreis in die Briefkästen. Den versprochenen Fernseher gibt es natürlich nicht für alle", sagt er. "Allein mit den Einladungen beziehungsweise Gewinnmitteilungen verletzen diese Leute schon das Wettbewerbsrecht. Versprechungen von irgendwelchen Geschenken sind verboten", erklärt Schuster.
Wer teilnimmt, muss sich darauf gefasst machen, viel Geld für Dinge zu bezahlen, die ihren Preis nicht wert sind. Vor allem Technik, Magnetfeldmatratzen und Nahrungsergänzungsmittel werden von diesen Kaffeefahrtorganisationen vertrieben. "Bei so einer Fahrt kosten die Sachen im Vergleich zum normalen Handel das 20- bis 60-Fache.", sagt Schuster. Um ihre Produkte an den Mann zu bringen, ziehen die Verkäufer alle Register. "Das Verkaufspersonal ist gut geschult und es lügt. Es kitzelt die menschliche Gier heraus und wendet clevere Tricks an", sagt Schuster.Dazu gehört beispielsweise der sogenannte Apotheker-Trick, den Schuster erklärt: Wenn die Verkäufer beispielsweise Trink-Kuren anbieten, empfehlen sie dem Kaffeefahrtteilnehmer: "Rufen Sie ruhig mal in Ihrer Apotheke an, Sie werden selbst sehen, dass ich Ihnen das hier preiswerter gebe." Und tatsächlich: In der offiziellen Preisliste der Apotheken steht ein deutlich höherer Preis. Und das kommt so: Das Produkt ist in diesen Preislisten mit einem unverbindlichen Preis gelistet. Dieser wurde vom Anbieter selbst gemeldet. Das Produkt wird aber an Apotheken normalerweise gar nicht ausgeliefert. In der Liste steht ein "Mondpreis". Das sei erlaubt. Auf den Kaffeefahrten kann der Verkäufer dann diesen Preis weit unterbieten. Gemessen am Inhalt ist der jedoch immer noch viel zu hoch. "Mehr als 1000 Euro zahlen Leute für nutzlose Vitaminmischungen.""Außerdem", erklärt Schuster weiter, "dauern die meisten solcher Veranstaltungen zig Stunden, irgendwann lässt die physische Widerstandskraft nach. Die Leute werden schlicht schwindlig geredet." Doch weshalb lassen sich die Leute eigentlich auf solche Fahrten ein? "Meist werden Senioren angeschrieben, die sich leichter von den Gratisangeboten locken lassen. Es gibt 'Hardcore-Kaffeefahrer', die jede Fahrt mitmachen und versuchen, ein kostenloses Mittag mitzunehmen und mal unter Leute zu kommen. Darum geht es sicher den meisten, einfach mal raus kommen und was anderes sehen. Andere reagieren auch auf die Einladungsschreiben."Wie gut die Taktik funktioniert zeigt sich an den Zahlen: Im Jahr 2010 gab es etwa 4,5 Millionen Kaffeefahrt-Teilnehmer. Etwa 400 Busse sind täglich in Deutschland unterwegs. Wer sich als Teilnehmer betrogen fühlt, kann eigentlich klagen: "Doch die meisten Leute schämen sich oder sie bemerken gar nicht, dass sie abgezockt wurden."Wer ein Anschreiben von "TV-Mediacenter Deutschland" im Briefkasten hat, sollte das beim zuständigen Ordnungsamt melden und sich nicht auf die Fahrt einlassen. Auch wer glaubt, die Tricks zu kennen und nur das kostenlose Essen mitnehmen will, könnte hinterher sagen: "Ich wollte doch gar nichts kaufen."