Theaterkrise: Große Sorge um Altenburg/Gera und Eisenach

  • Beliebtes Musical: Jan Dvoráks "20.000 Meilen unter dem Meer" feierte im vergangenen Jahr Premiere am Landestheater Eisenach. Drohen nun die kleinen Bühnen im Osten und Westen des Landes unterzutauchen wie die "Nautilus" in unserem Bild? Archiv-Foto: Norman Meißner Beliebtes Musical: Jan Dvoráks "20.000 Meilen unter dem Meer" feierte im vergangenen Jahr Premiere am Landestheater Eisenach. Drohen nun die kleinen Bühnen im Osten und Westen des Landes unterzutauchen wie die "Nautilus" in unserem Bild? Archiv-Foto: Norman Meißner
Der langsame Abschied von den kleinen Bühnen Thüringens: Ohne ein Wunder gehen in Eisenach und Altenburg 2013 die Lichter aus.
Eisenach/Altenburg. In Altenburg/Gera gehen die Theaterleute auf die Barrikaden. 2,1 Millionen Euro fehlen dem Intendanten Kay Kuntze von 2013 an pro Jahr in seinem Budget. Den Theaterträgern fällt nichts anderes ein, als einen massiven Gehaltsverzicht von den 300 Beschäftigten zu fordern, um die Finanzierungslücke auf deren Kosten zu schließen. Noch prekärer stellt sich die Situation für Eisenach dar. Die Wartburgstadt ist so klamm, dass sie ihren 1,87 Millionen Euro schweren Finanzierungsanteil - zumindest vorerst - nicht tragen kann. Eine Überbrückung aus dem Landesausgleichsstock lehnt Finanzminister Wolfgang Voß (CDU) beharrlich ab. Und damit stecken zwei SPD-Leute - Eisenachs Oberbürgermeister Matthias Doht ebenso wie Kulturminister Christoph Matschie - gehörig in der Klemme.

"Im Prinzip ist es 5 vor 12", sagte gestern ein Sprecher Matschies unserer Zeitung zur Lage in Eisenach. Bis zum Sommer müsste dort Intendant Ansgar Haag den meisten seiner 92 Mitarbeitern die Kündigung aussprechen, damit diese ab Sommer nächsten Jahres wirksam wird. Für Haag eine furchtbare Aussicht. Er schimpft auf die Politiker und auf jene Journalisten, die durch missverständliche Formulierungen die Situation dramatisieren. Aber sein Grundvertrauen hat der gebürtige Schwabe nicht eingebüßt: "Wegen des Theaters Eisenach werden die doch nicht allen Ernstes den Koalitionsvertrag brechen?!", fragt er rhetorisch.

In der Tat haben sich CDU und SPD zu Beginn der Legislatur im Lande darauf verständigt, dass alle Theaterstandorte erhalten bleiben. Selbstverständlich auch der in Eisenach. Oder zumindest das, was davon noch übrig ist. Gerade einmal 4,9 Millionen Euro Budget hat Haag dort zur Verfügung. Die Hälfte davon trägt der Freistaat, ein weiteres Achtel der Wartburgkreis. Als letztes Theater in Thüringen haben die Eisenacher bislang keinen Finanzierungsvertrag für 2013-2016. Weil sie unter Kuratel stehen.

Polit-Farce vor den OB-Wahlen

Seit September 2010 bemühe sich eine von Finanz- und Innenressort geführte Arbeitsgruppe, die Eisenacher Malaise zu lösen, schildert Matschies Sprecher. Und das Ergebnis? - Fehlanzeige, meldet er kleinlaut. Er erwähnt nur, dass für die Kommune Oberhof zum Ausbau des Tourismusstandorts der Landesausgleichsstock durchaus zur Verfügung gestanden habe. Warum nicht für Eisenach? Das weiß er nicht. Klar, da ist die Landesmutter am Zuge, Christine Lieberknecht muss ihr Wort halten. Aber die CDU-Politikerin wird dem Streit erstmal noch eine Weile genüsslich zusehen. Schließlich werden am 22. April Oberbürgermeister und Landräte gewählt.

Das weiß auch Haag - und weigert sich deshalb, sich jetzt schon die Haare zu raufen. "Wir spielen!", sagt er fest. "Bis Dezember 2013 ist die Finanzierung für Eisenach gesichert." Bloß fürchtet er, dass seine Abonnenten verunsichert werden. Dazu bestehe kein Grund, betont er. Denn tapfer spielt die Landeskapelle weiter, auch wenn sie nur noch 25 Musiker zählt. Und das Ballett mit 16 Tänzern ist der Stolz des Hauses. "104 Vorstellungen pro Jahr", lobt Haag. Darauf würde er auch in Meiningen, wo das Ensemble regelmäßig gastiert, ungern verzichten. Die verbliebenen sieben Schauspieler leisten vor allem Basisarbeit im Kinder- und Jugendbereich. Der Rest des Programms - Oper und großes Schauspiel - kommt aus Meiningen in die Wartburgstadt. Was will, was kann man da in Eisenach überhaupt noch sparen? "Man könnte höchstens einen Gastierbetrieb aus dem Theater machen", sagt Haag. Aber wer will das schon. Der Ertrag des Theaters ist nicht das Einspielergebnis an der Kasse, sondern die Kunst. Und wie wacker sich die Eisenacher da schlagen, etwa mit der Musical-Uraufführung von Jan Dvoráks "20.000 Meilen unter dem Meer", oder mit ihren Mittagskonzerten innovative Wege gehen: Das nötigt den Fachleuten bundesweit allen Respekt ab.

Ähnlich in Altenburg/Gera. Wenn die Träger mit der Sparkeule zuschlagen, 20 Orchesterstellen streichen und das Schauspiel samt Puppentheater schließen, ist es vorbei mit der Kulturstadt-Tradition. Darüber wogte gestern Abend die Debatte bei einer vom Theaterverein organisierten Podiumsdiskussion im Landestheater heftig. Dabei ist - wie in Eisenach - die Situation, die jetzt eintritt, seit langem bekannt. Schon vor zwei Jahren hat der damalige Intendant Matthias Oldag sie exakt beschrieben und eindringlich gewarnt.

So nimmt der schleichende Abschied der Kultur aus den kleinen Thüringer Städten seinen Lauf. Gotha, Nordhausen, Sondershausen, Suhl, Eisenach, Rudolstadt: Wie wurden ihre Theater und Orchester über die Jahre immer weiter gestutzt! Thüringen verliert, wenn kein Wunder geschieht, ein wichtiges Stück seiner Identität.


Wolfgang Hirsch / 29.03.12 / TLZ
Z81C3TG110200
Canonical URL
Kommentare
 
zum Thema
weitere Meldungen
aktuelle Videos
Fotoserien aus Thüringen
Linktipps