Thüringer Studenten kämpfen gegen Schreibblockade

  • Das Schreibzentrum der Jenaer Universität beteiligt sich an der "Langen Nacht der Hausarbeiten". Foto: Jens-Ulrich Koch/dapd Das Schreibzentrum der Jenaer Universität beteiligt sich an der "Langen Nacht der Hausarbeiten". Foto: Jens-Ulrich Koch/dapd
In der "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" wurde nicht nur geschrieben, sondern auch Schreib- und Arbeitstechniken vermittelt. Einer, der in Jena Hilfe gegen Schreibblockaden, -hemmungen und -frust sucht, ist Marcel Müller.
Jena. "Eine schöne Einleitung", steht in grüner Schrift ganz oben auf dem weißen Blatt. Daneben teilen sich eine zunehmende Anzahl an Stichpunkten und Facebook den Notebook-Bildschirm.

Auf einem Notizzettel steht der Gesangstext vom kleinen Hänschen. "Hauptsache irgendwas", bemüht sich der Autor um Erklärung. Ein Saal voller Studenten tippt und schreibt über ihre Erwartungen an die Veranstaltung und erfüllt damit die erste Therapieaufgabe des Abends.

"Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" nennt sich die Veranstaltung, die in der Nacht auf Freitag Hunderte Studenten in Deutschland in ihrem Schicksal vereinte. Einer, der in Jena Hilfe gegen Schreibblockaden, -hemmungen und -frust sucht, ist Marcel Müller.

Der 30-Jährige wollte längst Gymnasiallehrer für Englisch und Sozialkunde sein. "Was mir im Weg steht sind 80 Seiten", sagt er im ersten Workshop des Abends. Es geht darum, wie man eine Einleitung schreibt und Fußnoten setzt. Aber es reiche auch schon zu sehen, dass auch andere die gleichen Probleme haben.

Hilfe finden Leute wie er bei Leuten wie Karsten Hertrich. Er ist Tutor am Jenaer Schreibzentrum "Schreiben Lernen". Die Idee hinter der Veranstaltung sei, Studenten zu zeigen, dass jeder besser schreiben könne. Dies geschehe am besten, "wenn man Menschen mit den gleichen Problemen zusammenführe", sagt er. Ähnlich sieht das auch sein Chef Peter Braun. Das Schreiben, so klagt er, komme an deutschen Unis immer noch zu kurz: "Wir sind weit von einer Kultur des Schreibens entfernt."

Daran etwas zu ändern, war Brauns Ziel, als er vor drei Jahren das Jenaer Schreibzentrum gründete. Heute bietet es verzweifelten Studenten tägliche Sprechstunden und Workshops vom Schreiben eines Gedichtes bis hin zur Dissertation an.

Workshop mitten in der Nacht

Einige dieser Workshops finden in dieser Nacht auch im Haus auf der Mauer statt, dem Schauplatz der Schreibberatung. Im umfunktionierten Seminarraum findet das Motivations- und Entspannungstraining statt: Einige Dutzend Brustkörbe und Arme heben und senken sich. Die beiden Frauen der psychosozialen Beratungsstelle des Thüringer Studentenwerkes geben den Takt vor.

"Wir hätten nicht gedacht, welche große Resonanz das auslöst", sagt Braun über die mittlerweile 60 anwesenden Studenten. 200 sind es unterdessen in Tübingen, 100 in Hannover, Hunderte weitere in 13 deutschen Universitätsstädten, darunter auch in der Geburtsstadt der Schreibberatung: Frankfurt (Oder).

An der Europauniversität Viadrina gründete Katrin Girgensohn 2007 das erste deutsche Schreibzentrum. Sie schwärmt über die Bedeutung, die dem Schreiben an amerikanischen Unis beigemessen wird. 110 Mitarbeiter habe das Schreibzentrum ihrer momentanen Gastuniversität Madison/Wisconsin.

Sechs sind es in Jena. Kurz vor zwei Uhr nachts üben sich diese sechs unterdessen in Yoga, bieten einen letzten Kurs zum kreativen Schreiben oder helfen beim Setzen der letzten Fußnoten. Im Arbeitsraum sitzen unterdessen einige wenige verbliebene Studenten. Auf ihren Monitoren sind nun keine Kinderlieder und Listen mehr zu sehen. Stattdessen: Kapitel von Hausarbeiten.

Hintergrund zur "Langen Nacht der Hausarbeiten"

  • Die "Nacht" fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt.
  • Bundesweit machten13 Uni-Schreibzentren mit.
  • Veranstaltungen gab es in Jena, Göttingen, Frankfurt (Main), Frankfurt (Oder), Hannover, Tübingen, Bochum, Hildesheim, Bielefeld, Darmstadt, Hamburg, Marburg und Dortmund.
  • Mit der Grand Valley State University und der University of Puget Sound beteiligten sich erstmals auch zwei US-Universitäten.
  • Die Teilnehmer konnten sich mittels Skype auch über Stadtgrenzen hinweg beraten und austauschen.
  • Das erste deutsche Schreibzentrum war das der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
  • Das Modell der Schreibzentren stammt aus den USA, wo Schreibausbildung selbstverständlicher Teil des akademischen Lehrplans ist.

Fabian Köhler / 03.03.12 / dapd
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