Variationen zu Liebe, Macht und Einsamkeit: Eisenacher Ballett tanzt zu Werken von Franz Schubert
Porträt
Ballett "Der Tod und das Mädchen" im Eisenacher Landestheater Foto: Meißner
Ein Ballettabend auf die Musik Franz Schuberts ist Andris Plucis neueste Choreographiearbeit am Landestheater Eisenach.
Eisenach. Das Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" in Mahlers Bearbeitung für Streichorchester und das Klavierwerk "Die Wanderer-Fantasie" bilden die musikalische Inspirationsquelle für seine mit Gefühlsspannung aufgeladenen Bilder. Doch schenkt er den, ohnehin von der Rezeption hinzugefügten, Titeln kaum Beachtung. So geht es im ersten Teil des Abends eher um Macht, Kontrolle, Unterdrückung.Nicht nur Papiervorhänge als tragbare Trennwände begrenzten den Raum, die Tänzer schränkten sich auch gegenseitig in ihrer Bewegungsfreiheit ein. Verliebte Spiele der Zurückweisung, die tatsächliche Vereinsamung bis hin zur Fremdbeherrschung, Beklemmung und Angst inszenierte Plucis mit dem 16-köpfigen Ballettensemble Eisenach. Dabei fand er adäquat zu Themen des Werkes tänzerisch wiederkehrende Bewegungen und choreographierte vor allem im Variationensatz nah am musikalischen Akzent und Ausdrucksgehalt. Die durchdachte Lichtchoreographie schärfte zudem die Wahrnehmung des getanzten Körpers. Vor allem Ramona Seeck faszinierte mit Hilfe ihres Partners Nikolay Korobko durch ihre intensive Körpersprache, die den Drang zum Helfen weckte.Kommt im weißen Hemdchen die Hoffnung daher, und sind die Christussymbole eine Antwort auf die Suppression? Die aufgeworfenen Fragen muss sich der Zuschauer selbst beantworten, denn Plucis liefert keine leichte Kost. Er gibt Nuancen der Andeutung, die sich zu Bildern zusammensetzen. Stets wird der innere Drang des Zuschauers durch häufige Frontstellung der Tänzer und energischen Blick angeregt, die Bilder zu erklären. Während der 3. Satz eine witzige Einlage ist, bei der Tine Schmidt endlich die Bewegungsmöglichkeiten ihrer Arme ausnutzen konnte und nur ein einzelner Vorhang noch als Begrenzung diente, nutzte Plucis im Finale die freie Bühne. Doch nun erfolgte die Einschränkung durch die Formensprache des klassischen Balletts in einem ausdauernden Quartett (Nikolay Korobko, Lea Hladka, Sofia Romano, Ramona Seeck).Weniger überzeugen konnte die Landeskapelle Eisenach unter Chefdirigent Carlos Domínguez-Nieto, der es an Klangbalance und Durchsichtigkeit, gerade im Variationensatz, fehlte.
Nach der Pause beschäftigte sich Plucis zur Wanderer-Fantasie mit der Liebe und ihrer gesellschaftlichen Konvention. Mit dem gesamten Ensemble in blau-violetten Kostümen (Danielle Jost) schuf er mit Lichtröhren ausdrucksstarke Massenszenen. Diesen stellte er ein Männerduett (Adrián Pla Cerdán, Habid Badillo) gegenüber, was exaltierte Reaktionen der Masse hervorrief, wohingegen sie einen Lichtkreis um ein männlich-weibliches Paar in größtem Balanceakt bildete. Doch wer in der Liebe allzu wählerisch ist, verpasst viele schöne Momente (Sarah Hochster, Sven Gettkant) und bleibt vielleicht allein, wie Plucis in einer Simultanszene zeigte.Den Klavierpart übernahm kein Konzertpianist, sondern der Ballettrepetitor des Theaters, Georg von Einsiedel, der den hohen Anforderungen des kühnen Werks und seines emotionalen Tiefgangs kaum gewachsen war.Weitere Vorstellungen: 15. Mai, 19.30 Uhr, und 24. Mai, 15 Uhr