Weimarer Reden 2012: Regeltreue führt zur Integration (I/VI)
Porträt
Ist schon der ein schlechterer Europäer, der auf Gefahren einer weiteren Zentralisierung hinweist, lautete die Frage Otmar Issings an sein Weimarer Publikum. Wer "mehr Europa" fordert, müsse zunächst darauf eine Antwort finden. Foto: Maik Schuck
Wohin geht Europa? Welche Wege führen aus der europäischen Krise? Diesen Fragen widmet sich die diesjährige Auflage der Weimarer Reden an vier Sonntagen im Deutschen Nationaltheater. Am 11. März hinterfragte der Ökonom Otmar Issing, bis 2006 Direktoriumsmitglied der EZB, unser Verhältnis zu Europa.
Meine Damen und Herren, es ist eine große Ehre, hier an diesem geschichtsträchtigen Ort einen Beitrag zu den hochangesehenen Weimarer Reden zu leisten. Bei Herrn Oberbürgermeister Wolf bedanke ich mich für die Einladung, bei Magnifizenz Dicke für die freundliche Begrüßung.Als ich vorhin an den beiden da draußen vorbeiging, schienen sie mir verwundert, dass Sie einen Ökonomen eingeladen haben. Nun, dem einen der beiden war nichts Ökonomisches fremd. Im Sommer wird im Goethe-Haus in Frankfurt eine Ausstellung unter dem Titel stattfinden: "Goethe und das Geld. Der Dichter als Ökonom." Dazu haben wir große Unterstützung aus Weimar erhalten. Für den Katalog der Ausstellung habe ich den Beitrag "Inflation - Teufelswerk?" geschrieben.Dem anderen der beiden hätte ich mich lieber als Kollege aus der Wissenschaft vorgestellt. Als Notenbanker - eine Kategorie von Mensch, die zu seinen Lebzeiten in dieser Form noch gar nicht existierte - oder Ökonom wäre ich in seinem Kosmos des Idealismus wohl kaum als sympathische oder auch nur respektable Erscheinung vorgekommen.Das Thema "Europa" hätte beide interessiert. Sie sind mit dieser Beziehung weit besser vertraut, ich muss daher keine Literaturbelege nach Weimar tragen. Schiller würde es wohl für selbstverständlich halten, dass seinen idealistischen Vorstellungen von "Europa" die Wahl seiner "Ode An die Freude" als gemeinsamer Hymne entspricht. Und kommt das Europa von Heute nicht diesem Wunschbild nahe - zumal wenn man bedenkt, welch schreckliche Ereignisse noch auf den Kontinent warteten bevor eine bis dato unbekannte Zeit anhaltenden Friedens anbrach?Doch welcher Kontrast. Wo auch immer in der Welt momentan über "Europa" gesprochen wird, steht wie ein düsterer Begleiter die Drohkulisse "Krise" mit auf der Bühne. Die Verwirrung steigert sich noch in der völlig gegensätzlichen Reaktion: Für die einen stecken wir in der Krise, weil der Prozess der europäischen Integration - vor allem durch die Einführung einer gemeinsamen Währung - eindeutig zu weit gegangen ist. Im anderen Lager lautet der Schlachtruf: Die Krise beweist - wir brauchen mehr Europa!
Was ist mit "Europa" gemeint?
Alle Welt spricht von Europa - und im Zweifel hat dabei jeder etwas anderes im Sinne. Kein Wunder, verbinden sich mit dem Begriff doch verschiedene Dimensionen, die - wenn überhaupt - nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind.Der Ursprung des Begriffes "Europa" liegt in den Tiefen der griechischen Mythologie. Er ist rein geographischer Natur. Der hellenistische Dichter Moschos nennt Europa "den anderen Erdteil", das Ziel des Stiers mit der schönen Prinzessin aus Tyros auf dem Rücken. Damit ist freilich nicht viel gewonnen außer der Erkenntnis, dass der heutige Libanon danach nicht zu Europa zählt. (Nur eine Randnotiz: Die israelische Fußballnationalmannschaft oder die Kasachstans waren einer der Qualifikationsgruppen für die Europameisterschaft zugeordnet und der israelische Meister spielt in der europäischen Champions-League.)
Wo fängt Europa an, wo hört es auf? Liest man die Landkarte einmal nicht mit westlichen Augen, wirkt Europa geographisch als Anhängsel an den mächtigen asiatischen Block. Wo die Grenze ziehen - etwa am Ural? Der Versuch der geographischen Bestimmung endet in der Sackgasse. Er ist für weitergehende Orientierung nicht geeignet. Das zeigt sich eindrücklich am Fall der Türkei. Niemand wird ernsthaft eine mögliche Zugehörigkeit des Landes zu Europa mit dem kleinen geographisch zugeordneten Territorium begründen. Die Befürworter einer Aufnahme der Türkei in die EU bringen denn auch politisch-strategische Argumente ins Spiel. Und die Gegner berufen sich auf die Unterschiede in Religion, Geschichte und Kultur.Europa gründet in vielen Schichten. "Europa war eigentlich von Anfang an und besonders in der Neuzeit immer eine Einheit in Vielfalt. Seine Kultur war aus griechischen, römischen, jüdisch-christlichen und islamischen Wurzeln gewachsen. Immer ging es um die zentralen Ideen der Freiheit, der Menschenwürde und der Verantwortung, die mehr und mehr von den Institutionen der Demokratie geschützt wurden."In diesem Sinne hat der Eiserne Vorhang die diktatorisch regierten Staaten im Osten politisch aus "Europa" ausgeschlossen. Weite Teile der Bevölkerung, voran die geistigen Eliten, haben jedoch diese Abtrennung für sich niemals gelten lassen.Der Westen hat nach 1945 den Begriff "Europa" usurpiert und für seine Einflusssphäre beansprucht. Schon für die ersten Schritte der Integration mit anfangs nur sechs Mitgliedstaaten scheute man nicht davor zurück, von der "Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl" zu sprechen. Diese Wahl der Terminologie setzte sich u.a. fort in der "Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft", dem "Europäischen Währungssystem" und schließlich der "Europäischen Währungsunion". Die Offenheit für neue Länder mildert diesen Anspruch nur bedingt, schließlich bestimmen die Mitglieder, wer beitreten darf und wer nicht. Es wird sich herausstellen, über welchem Haus am Ende die Bezeichnung "Europa" stehen wird.Es wäre ebenso verlockend wie am Ende vermutlich wenig fruchtbar, weiter über die terminologischen Aspekte und deren sachlichen Inhalt zu spekulieren, etwa auch darüber, was es bedeutet, dass die Engländer, ich sage ausdrücklich nicht die Briten, bis heute von "Europa" als einem Gebilde sprechen, von dem sie durch den Kanal getrennt sind. Winston Churchill hat in seiner berühmten Rede vom September 1946 in Zürich diese Haltung vorgezeichnet, als er von Europa als einer "Familie" sprach, der sich Großbritannien mit dem Schwerpunkt seiner Interessen im Commonwealth nicht zugehörig fühlte. Fragt sich, wo heute seine besondere Rolle jenseits der Beziehungen zu den USA zu finden ist. Nach dem Gipfel im Dezember letzten Jahres konnte man den Eindruck gewinnen, als wüssten die Engländer selbst nicht, wo sie eigentlich hingehören, außer zu sich selbst.Der Prozess der europäischen Integration in den letzten 60 Jahren ist durch eine Abfolge von Krisen gekennzeichnet. Manche Beobachter gehen sogar so weit zu behaupten, nur über die mit krisenhaften Zuspitzungen verbundenen Herausforderungen seien die Fortschritte überhaupt erst möglich geworden. Sollte also die Dimension der aktuellen Gefährdungen Anlass zu den schönsten Hoffnungen geben? Für die erfolgreiche Fortsetzung der Methode Forschritt durch Krisen gibt es freilich keine Garantie, bewusst sollte man gewiss nicht auf diese Karte setzen.Um die nun schon Jahre anhaltende Krise gänzlich zu verstehen und die richtigen Schlüsse zur Gestaltung der Zukunft zu ziehen, ist ein Blick in die Vergangenheit unerlässlich.