Weimarer Reden 2012: Über die Freude an Europa (V/V)

  • Nur wenn die Bürger Verantwortung übernehmen, könne Europa in der Globalisierung ein wirtlicher Ort für unsere Kinder und Kindeskinder werden und bleiben, sagt Gesine Schwan. "Zur Zeit sind Europa und die Welt es in vielen Teilen nicht." Foto: Maik Schuck Nur wenn die Bürger Verantwortung übernehmen, könne Europa in der Globalisierung ein wirtlicher Ort für unsere Kinder und Kindeskinder werden und bleiben, sagt Gesine Schwan. "Zur Zeit sind Europa und die Welt es in vielen Teilen nicht." Foto: Maik Schuck
Wohin geht Europa? Welche Wege führen aus der europäischen Krise? Diesen Fragen widmete sich die diesjährige Auflage der Weimarer Reden an vier Sonntagen im Deutschen Nationaltheater. Am 25. März hinterfragte die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin, unser Verhältnis zu Europa.
Wenn wir Freude an Europa gewinnen und stärken wollen, müssen wir Europa deshalb aus der Bürgergesellschaft heraus neu gestalten, von uns Bürgern kann Freude ausgehen und wir können sie empfinden.

Das bringt mich auf einen Aspekt der Freude, den wir bisher nicht beachtet haben. Denn Freude kann kurzfristig oder andauernd sein. Ebenso wie die Liebe uns als starkes Gefühl des Augenblicks ganz in Bann ziehen kann, geschieht das auch mit der Freude. Wir empfinden eine helle Freude, wenn plötzlich die Person vor uns steht, auf die wir so lange gewartet haben. Ich erinnere mich an Situationen in meiner Kindheit, wenn ich stundenlang an der Straßenbahnhaltestelle auf meine Mutter wartete. Wenn sie dann endlich aus der Bahn stieg und ich ihr entgegenlaufen konnte, war ich nichts als Freude. Dann gingen wir gemeinsam nach Hause und Normalität zog ein.

Anders ist es, wenn wir uns für eine Aufgabe engagieren, an einem größeren Werk arbeiten, einen mehrsprachigen Kindergarten in einem Migrantenviertel aufbauen, mit dem wir zur Integration in diesem Viertel beitragen wollen. Jeder Schritt, der gelingt, jeder Erfolg, den wir mit anderen begehen können, bereitet uns große Freude, die anhält in dem Maße, wie unser Werk wächst und wir es als greifbares Ergebnis, Beweis und Anerkennung unserer Bemühungen genießen können. Zumal dann, wenn obendrein durch das gemeinsame Werk und die Identifikation mit ihm eine Gemeinschaft entsteht, die andauert. Natürlich ist letztlich alles endlich in unserem Leben, auch unsere Werke, aber die Freude am gemeinsamen Schaffen hält doch länger an als eine momentane Erregung.

Diese Freude, die uns im Werk zugleich mit anderen verbindet, kommt nicht nur als einmaliges Gefühl auf, sondern wird zu einer tragenden Haltung, zu einem Habitus, der uns auch durch Enttäuschungen trägt. Indem wir uns nicht in erster Linie um uns selbst kümmern, sondern um uns herum schauen und zupacken, wo Hilfe gebraucht wird, mitarbeiten, wo unser Wissen, unsere Fähigkeiten weiter führen können, uns das Leid und die Freude anderer angelegen sein lassen, eröffnet unser Weg viele Chancen, uns in den Dienst der Freude zu stellen und sie dabei zugleich zu erfahren.

Das gilt ganz allgemein und eben auch für die Freude an Europa. In dem Maße wie wir uns in Europa engagieren, wie wir versuchen Brücken zu schlagen zwischen Städten, Chören, Sportvereinen, Kommunalverwaltungen, Feuerwehren, Universitäten, Handwerkskammern, Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbänden, in dem Maße wie wir die Sprachen, die Perspektiven, die Erfahrungen, die Freuden und Enttäuschungen unserer europäischen Nachbarn teilen, wird unsere Freude an Europa wachsen.

Nun sind Sie vielleicht enttäuscht. Jedenfalls wenn Sie erwartet haben, dass ich Ihnen ein Sortiment von Gründen vortrage, weswegen Sie doch, trotz aller Skepsis, ohne weitere Aufforderungen zu Handeln, Freude an Europa empfinden können. Ich hätte Ihnen natürlich von der Vielfalt der Landschaften, der Bauwerke, der Literaturen, der Musik, der Philosophien, der Wissenschaften und der bildenden Kunst vorschwärmen können, die Sie sich in Erinnerung rufen sollten, um sich den Reichtum Europas vor Augen zu führen und sich daran zu freuen. Das alles ist wahr und wird auch immer wieder in Filmen und Reiseberichten präsentiert und sie erleben das auf Ihren Reisen.

Ich bin selbst in dieser Freude an den Nachbarkulturen in Berlin aufgewachsen, am Französischen Gymnasium. Ohne Zweifel hat dies meine Begeisterung für Europa und das fast sinnliche Vergnügen an anderen Sprachen oder Kunstwerken begründet und die Freude des Wiedererkennens immer erneut geweckt, wenn ich etwa auf vertraute Verse von Racine oder Molière treffe oder in der Kathedrale von Chartres meine ersten Erinnerungen wachrufe, die von einer Klassenreise aus dem Jahre 1960 stammen - vor mehr als 50 Jahren! Dazu gehört auch ein herrlicher Sommer in Aix-en-Provence, wo die Jeunesses Musicales Chöre aus ganz Europa versammelt hatten und wir eines Tages das Amphitheater von Vaison la Romaine besuchten, uns in den Rängen verteilten und uns einfach in verschiedenen Sprachen unser Repertoire gegenseitig vorsangen. Wir genossen nicht nur den gemeinsamen Gesang, sondern auch die Freude dieser Gemeinsamkeit - nach so viel Mord und Elend im Zweiten Weltkrieg, der erst zwanzig Jahre vorbei war.

Freilich werden diese kulturellen Schätze erst dann ein Grund zur Freude, wenn man sie früh, möglichst als Kind oder Jugendlicher kennenlernen kann, wenn Bildung nicht - wie in den letzten zwanzig Jahren zunehmend geschehen - auf ökonomisch Rentables reduziert wird und damit die Sinne für den Reichtum der europäischen Kulturen und Traditionen, aber auch der großen politischen Streitpunkte in der Geschichte Europa verdorren lässt.

Und ein Zweites ist wichtig: Das "Andere" muss uns interessieren, Neugier muss uns treiben auf Dinge und Menschen, die sich von uns unterscheiden. Wenn es so wäre, wie Sigmund Freud einmal in einem Brief an Albert Einstein behauptete, dass Menschen gegenüber dem "Anderen" immer - also gleich einer anthropologischen Konstanten - eine Abwehr empfinden werden, weil es sie als Anderes in ihrem eigenen Sosein infragestellt und deshalb in ihrem Selbstwert beunruhigt, dann hätte die Freude an der kulturellen Vielfalt Europas wenig Chancen.

Aber ich glaube, Freud hatte hier Unrecht. Wenn wir mit einer Bildung aufwachsen, die uns stärkt, indem sie uns für das Andere öffnet, das Andere zum Teil unserer selbst macht und uns befähigt, im Unterschiedenen das Gemeinsame zu suchen und den verbleibenden Unterschied, den wir vielleicht auf Anhieb nicht verstehen können doch anzuerkennen, dann kann daraus Freude an Europa erwachsen. Dann entstehen in unserem Inneren Brücken, die uns erlauben, solche Brücken auch nach außen zu schlagen. Die jüngeren Generationen sind dafür sicher offener als die älteren, aber nur, wenn sie nicht sozial marginalisiert und damit ängstlich werden gegenüber dem Anderen.

Diese Freude an Europas Kultur, die viele auf ihren Reisen empfinden, habe ich nicht in den Mittelpunkt gestellt, weil sie schon sonst vielfach behandelt worden ist und weil mir darüber hinaus die Freude an der politischen Vereinigung Europas besonders am Herzen liegt. Wie wichtig das für uns alle ist in einer Welt, in der wir immer mehr voneinander abhängen und in der zugleich die Gefahr von Konflikten und Kriegen durchaus nicht abgenommen hat, muss ich wohl nicht unterstreichen. Dabei will ich nicht die gängige Begründung wiederholen, dass wir uns in einem globalen Wettbewerb als Europäer behaupten müssen. Denn diese Selbstbehauptungslogik steht der Freude psychologisch gerade entgegen. Vielmehr geht es mir um die Öffnung Europas nach innen und nach außen für die Welt, darum, dass wir als Bürger Verantwortung übernehmen dafür, dass Europa in der Globalisierung ein wirtlicher Ort für unsere Kinder und Kindeskinder wird und bleibt. Zur Zeit sind Europa und die Welt es in vielen Teilen nicht.

Das Europa, an dem wir Freude haben können, verschließt sich nicht als Bollwerk nach außen, schachert auch nicht um die Aufnahme von Flüchtlingen, deren Kampf in Nordafrika wir in den Medien feiern. Es fängt nicht an, zur Abwehr von Fremden die Mauern innerhalb unseres Kontinents gegen das Schengener Abkommen wieder aufzurichten, sondern geht im wohlverstandenen langfristigen Interesse und mit dem Reichtum seiner historischen Erfahrungen nach draußen, um vorbeugend bei der Bewältigung von Konflikten und Übermächtigungen zu helfen. Dies wäre wieder eine Bürgertätigkeit im Dienste kluger Solidarität, die uns verbindet, indem sie den anderen ihre Aufmerksamkeit und ihre Hilfe schenkt.

In den Worten des französischen Schriftstellers Jean Giono: "... Wenn aber das Elend uns umlagert, wenn das Leid der Menschen uns verfolgt, dürfen wir uns nicht beruhigen, indem wir einander zuflüstern, daß wir glücklich, genial oder schön sind. Meine Freude wird dauern, nur wenn sie zur Freude aller Menschen wird. Ich will nicht durch die Schlachten gehen mit einer Rose in der Hand" (Jean Giono, Les vraies richesses, Paris 1936, Préface 1992, 18-20, zit. nach Johannes B. Torelló, erziehungstrends.de, Psychologie des Alltags 26).

Die Freude an Europa wird nicht einfach über uns kommen. Aber eigentlich ist es viel besser: Wir haben es selbst in der Hand, sie für uns und für andere zu schaffen, indem wir uns als Bürger über die nationalen Grenzen hinweg aufmachen, ohne auf die Regierungen zu warten, die noch zu oft in ihrem Eigeninteresse verhakt sind, aber vielleicht mit Unternehmen und mit vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Vereinen und Kommunen, die in Sachen Europa nicht so eng denken, wie die professionellen Wahlstrategen es ihnen oft unterstellen. Wir haben das am Anfang den Umfragen des Eurobarometers entnehmen können.

Vielleicht klingen die Worte der Europahymne in unseren Ohren ein wenig zu pathetisch. Und nichts ist peinlicher, auch destruktiver als hohles Pathos. Aber Pathos muss ja nicht hohl bleiben. Ohne Leidenschaft, das wussten schon die Alten, kommt nichts in Gang. Wenn wir sie, Platons Metapher folgend, wie Pferde vor unsere Vernunft spannen, die die Zügel hält und einen besonnenen Weg bahnt, dann haben wir die Chance, ein Europa zu erreichen, an dem wir uns mit unseren Nachbarn freuen können. Machen wir uns also auf den Weg!


Gesine Schwan / 31.03.12 / TLZ
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