Wie man Fußballexperte wird

  • Der Ball ist rund und jeder Fan ein Experte - auch zur Fußball-WM. Foto: Lukas Barth
Vor Jahren, als der FC Karl-Marx-Stadt deutscher Fußballmeister wurde, reiste ich als unmündiger Bürger zum entscheidenden Spiel gegen Leipzig an. Sie merken, bereits im ersten Satz stecken Fehler und Unklarheiten drin. Ganz schlecht, wenn man Experte (umgangssprachlich auch: "Netzer") sein will.
Erfurt. Dass Chemnitz mit dem korrekten Zusatz im ehemaligen, damaligen, einstigen usw. Karl-Marx-Stadt versehen werden muss, ist klar, zumal die überwiegend jugendlichen oder zumindest von Sozialkunde gebildeten Leser dieser Zeitung zwar wissen, dass ein gewisser Marx Bischof von Trier war, aber dass eine Stadt nach ihm benannt worden sein soll, ist vielen neu.

Der schlimmere Fehler: deutscher Fußballmeister. Wenn Sie in den ewigen Weltfußballannalen nachlesen, finden Sie weder Vorwärts Berlin noch Dynamo Dresden und schon gar nicht Karl-Marx-Stadt als deutschen Fußballmeister. Vielleicht steht irgendwo als Fußnote, dass es sog. Fußballmeisterschaften auch in einer besonderen politischen Einheit namens "DDR" gab. Ungeachtet dessen sangen die Fans - also die Ballsportanhänger - damals "Erler, Vogel, Feister / Ja so heißt er / unser deutscher Fußballmeister!".

Denn die Nichtanerkennung der Realitäten war keine Spezialität der Adenauer-Regierung und jener Leute, die Willy Brandt einen vaterlandslosen Gesellen nannten, sondern auch eine der harten, politikfernen Ballspielanhänger in der besonderen politischen Einheit. Jeder Gesang hätte denen als unkorrekt gegolten, wenn sie statt "deutsch" das Stolperwort DäDäerR hätten singen sollen. Andernorts schlachtrief man "Nur ein Leutzscher ist ein Deutzscher!", was sich auf einen Leipziger Ortsteil bezog. Es gab aber in der ganzen DDR keinen Ortsteil, der sich auf DDR reimte.

Am schlimmsten aber in meinem Eingangssatz - sie merken, als Experte muss man erst mal viel Qualm drumrum reden - ist das Eingeständnis, dass man als unmündiger Bürger zu einem Spiel reiste. Ein Experte ist immer mündig. Jeder Neunjährige macht heutzutage mit der kompletten Aufstellung des FC Bayern den Experten. Er kennt die Freundinnen von Schweini und die Platzverweise von Rooney. Denn der Schlachtruf lautet: Keiner zu klein, ein Fußballexperte zu sein! Die Grundlage des Expertentums schafft man mit Erinnerungen an eigenes Erleben: "Als der FC Karl-Marx-Stadt deutscher Fußballmeister wurde, reiste ich zum entscheidenden Spiel an..." Das wirkt. Im Klassenzimmer, am Biertisch, gern auch beim öffentlichen Fußballgucken, hält man zudem kurze Leichenreden. "Wieso hat der nicht abgegeben? Nur durch rechtzeitiges Abgeben ist diese Welt - bzw. dieses Spiel - noch zu retten!". Leichenreden pasen gut zum Public Viewing, welches bekanntlich auf Deutsch öffentliche Aufbahrung, Leichenschau bedeutet.

Lang zurückliegende Fußballtreffen sind einfach gut für den Expertenstatus. Wie jenes Quasi-Endspiel des FCK (Karl-Marx-Stadt) gegen Lok Leipzig im Jahre 1967 oder das unglückliche Ausscheiden der Karlchemnitzer gegen Juventus Turin im UEFA-Achtelfinalspiel 1989. Besonders Siebzehnjährige sollten mit derlei Kenntnissen punkten, denn ein Experte bekommt nicht für eindeutige Ergebnisse Anerkennung, sondern für die Exotik der Argumente und Eleganz der Formulierung, wie diese: "Den Ball hätt' ich doch noch mit der Zunge reingeleckt!".

Ein Fußballexperte muss selbstbewusst an- und auftreten, da ist er Literatur- und Theaterkritikern ähnlich. "Ein ganz schlechtes Buch!" oder "Ein ganz schlechtes Spiel!" sind Sätze, die man dem Gegner einfach hinwirft. Der Feingeist formuliert sowohl zum vergeigten Fußballspiel wie zur misslungenen Theaterinszenierung: "Die Besucher, die an dem Ereignis nicht teilnahmen, waren so schlecht beraten nicht."

Den Höhepunkt im Expertenleben aber erreicht man mit einer Prognose, die aufhorchen lässt. Von einer Lokalzeitung nach meinem Weltmeistertipp gefragt, gab ich an: GGG! (Gewiss gewinnt Ghana). Zunächst wurde ich mitleidig belächelt - das ist doch bewusste Ignoranz! Wie kann man so an den Realitäten vorbei tippen! Nach dem Vordringen der Ghanaer als einzige afrikanische Mannschaft ins Achtelfinale wurde ich in meiner Stammkneipe wieder gegrüßt. Als Ghana die USA wegputzte, mit einer lässig genutzten Verlängerung, tuschelte man anerkennend, wenn ich auftauchte, und ich hörte deutlich das Wort "Experte" heraus.

Das Viertelfinale in Südafrika hat mein Expertendasein nur unwesentlich beschädigt. Auf jeden Fall merkt man auf. Man merkt auf, wenn ich, der Mann mit den scheinbar abseitigen, aber eigentlich doch todsicheren Tipps, beiläufig ansetze und ein wenig aus meinem Fußballkennerleben gucken lasse: "Vor sehr vielen Jahren, als der FC Karl-Marx-Stadt deutscher Fußballmeister wurde und ich meine ersten zaghaften Schritte in ein heute durchaus anerkanntes Fußballexpertenleben tat . . ."


Matthias Biskupek / 03.07.10 / TA
Z81A72F510183
Canonical URL
Twitter Icon Facebook Icon del.icio.us Icon Google Bookmarks Icon StumbleUpon Icon MySpace Icon StudiVZ Icon MisterWong Icon Y!GG Icon
Lernen Sie unsere Zeitung kennen.

Jetzt 6 Wochen TLZ zum Vorzugspreis testen – mit tollem Geschenk als Dankeschön. Hier bestellen >>>

zum Thema
weitere Meldungen
Linktipps
weitere Videos
weitere Fotoserien