Tanztheater "Babel" war Höhepunkt beim Kunstfest in Weimar
Porträt
Mit "Babel" am Nabel der Welt: Szene aus dem furiosen Tanztheater von Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet. Foto: ap
In einer durch zahllose Nationalsprachen verwirrten globalen Wirklichkeit könnte die kleine Geste wie auch der gemeinsame Gesang die Völker einander näherbringen - die Tänzer von Sidi Larbi Cherkaoui machten es beim Weimarer Kunstfest vor.
Weimar. Im Anfang war nicht, wie die Bibel weismachen will, das Wort, auch nicht, wie Goethe meinte, die faustische Tat, sondern schlicht - Tanztheater. Daran gibt es nach dem fulminanten Auftritt der vom marokkanisch-flämischen Bewegungsmagier Sidi Larbi Cherkaoui aus allen Herren Ländern zusammengetrommelten Tänzer keinen Zweifel. Deren einmaliges Kunstfest-Gastspiel mit "Babel (Words)" wurde am Samstagabend im Deutschen Nationaltheater Weimar frenetisch gefeiert. Was für eine Kraft und Dynamik! Was für berührende visionäre Bilder - im Großen wie im Kleinen! Sie bauen den Turm zu Babel aus ineinander verschiebbaren viereckigen Stahlgerippen, doch er stürzt sogleich wieder ein, und die einzelnen über die Bühne wandernden Segmente bilden abwechselnd Zeitschneisen, Wohncontainer, Gefängnis, Obdachlosenasyl und sogar eine Flughafen-Sicherheitsschleuse. In erster Linie jedoch dienen sie als Rahmen (ersonnen vom britischen Bildhauer AntonyGormley) für individuell getanzte Geschichten und globale Demonstrationen. Der Abend beginnt still in jener grauen Vorzeit, als Körper und Geist noch nicht getrennt waren. Mit Gesten beschreiben die aufgereihten Tänzer eine Art Urformel des Menschseins, später mit "Forgive me!" (Verzeih mir!) in Lautsprache übersetzt: demonstrativ nach oben gekehrte offene Hände. Die Gebärde eint sie, bis jeder Tänzer in seiner heutigen Landessprache das Wort "Erde" ausruft und sich, sein eigenes Territorium umfassend, vom anderen isoliert. Schon tritt ein farbiger Anzugträger in den Mittelpunkt und will uns mit tausend winkenden Händen scheibchenweise die Welt verkaufen. Immer wieder wischt dieser dominante Mister Englishman andere Nationalitäten von der Bildfläche. Später wird man ihm als Bettler wiederbegegnen, jetzt auf unser Mitgefühl angewiesen, und er streckt abermals die Hand aus - diesmal seine geöffnete Hand.
Alles Unbeständige ist mir ein Gleichnis, könnte das Credo von Cherkaoui sein, der mit "Babel (Words)" 2010 seine universelle, den Zustand unserer Welt auslotende Tanztrilogie abgeschlossen hat. TV-Aufzeichnungen der beiden anderen Teile, "Foi" (2003) und "Myths" (2008), wurden am Freitag während der Arte-Filmnacht im Weimarer Lichthaus-Kino gezeigt. An der Choreografie zu "Babel" hat Damien Jalet mitgearbeitet - sie wirkt wie ein überbordender gestischer Kommentar zu den sozialen, wirtschaftlichen und Religionskonflikten der Nationen und Völker, bei dem Not und Hoffnung, Witz und Tragik ineinander fließen.
Nur die Haut trennt uns voneinander
Eine Putzfrau und eine weibliche Puppe als sexy Werbeträger beschwören in einer Umgebung der Angepasstheit und Austauschbarkeit surreal-komische Situationen herauf. Wortgefechte eskalieren zu Kung-Fu-Kämpfen, und immer wieder schleudern, kippen und drehen sich die Stahlkäfige aus- und ineinander - bizarres, Schatten werfendes Skulpturentheater. Sprachverwirrung bedeutet hier Ab- und Ausgrenzung, Diskriminierung und Krieg, unglaublich virtuos in Bewegung und Tanz übersetzt, wobei Cherkaoui und Jalet klassische, fernöstliche und moderne Tanzstile verwenden oder parodieren, vom Ballett bis zum Breakdance. Wie die Musik beschreiben, die live auf der Bühne entsteht und alles in Bewegung hält? Eine Art Weltmusik aus Trommel, Flöte, Harfe, Solo- und reinem A-capella-Gesang. Wenn es überhaupt etwas zu bekritteln gibt, dann dies: Es wird zu viel gesprochen. Der Wortschwall zeugt manchmal - etwa bei der Sprachverwirrung der 13 Tänzer, als jeder jeden in seiner Mundart zu missionieren sucht - einen kurzzeitigen Effekt, ermüdet jedoch auf die Dauer. Mit ihrer musikalischen und Körpersprache vermögen sie mehr. Man schottet sich in "Babel" vom Nachbarn ab, sehnt sich aber zugleich nach Nähe. Nur die Haut trennt uns voneinander, sagt Cherkaoui. Apropos Haut: Die bewegendste Szene ist jenes Duett, bei dem eine barbusige Frau mit einem halbnackten Mann tanzt, ohne dass sie den Boden berührt. Atemberaubend, diese Mischung aus Akrobatik, Erotik und Eleganz, die jedes Wort in den Wind schlägt. Einen Abend lang war Weimar mit "Babel" der Nabel der Welt.