Der fesselnde Reiz der Urflöten

In Weimar überraschte die Künstlerin Friederike Potengowski mit einem Konzert für das Steinzeitinstrument, das ursprünglich aus Knochen bestand und jetzt originalgetreu nachgebaut wurde.
Weimar. Anna Friederike Potengowski spielte am Freitag im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens auf originalgetreuen Nachbauten solcher Steinzeitinstrumente. Doch ist die Flötistin Künstlerin, nicht Archäologin. Der Flötennachbau, den Potengowski selbst nach altsteinzeitlichen Methoden angefertigt hat, soll nicht archäologisches Forschungsobjekt, sondern Gegenstand künstlerisch-musikalischer Auseinandersetzung sein: Inspiration aus Geschichte, ein Brückenschlag in die Steinzeit. Mit Schlagzeuger Georg Wieland Wagner bildet Potengowski das Ensemble VentOs - ein Name, der angesichts der Flötistins geblasenem Knocheninstrument Programm ist. Inspiriert von den Steinzeitklängen der Flötenfunde aus Mammutelfenbein und Singschwanknochen - ein fader, obertonarmer Klang - schufen zeitgenössische Komponisten aus Berlin und Weimar Werke für die Höhlen-Kombo.

Besonders faszinierend wirkte Caspar-René Hirschfelds Komposition "4 Höhlenzeichnungen 2010", die mit den programmatischen Titeln "Anrufung. Erscheinung. Orakel. Opfertanz" überschrieben ist. Der kultische Ritus mit dem Kratzen, Streichen und Schlagen mit Hand oder Schlegel einer gespannten Membran zu Spaltklängen, Trillern und Glissandi der Urflöten übte fesselnden Reiz aus. Des Schlagzeugers Eigenkomposition "freiheit 37x103" ging der Frage nach Kreation und Imitation nach: Mit einem synthetisch klingenden Kinderhandkeyboard imitierte er die Melodie der Schwanenknochenflöte. Schließlich unterlegte er ihr einen Metronom-Beat - Steinzeit-Disko 2010 -, bei dem sich Original und Kopie immer mehr anglichen. Wenige Impulse setzten die leisen elektroakustischen Kompositionen, was auch an den Umweltgeräuschen der Freiluftbühne lag.

Martin Daske hinterfragte in "Notensetzen II" die Schriftlichkeit der Notenschrift: Glas und Schieferfragmente im Sandkasten dienten als Partitur - eine aleatorische Komposition, bei der der ausführende homo ludens selbst schöpferisch beteiligt ist. Ermöglicht wurde das Konzert durch die Förderung des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie und des Vereins via nova - zeitgenössische Musik in Thüringen e. V.


Julia Stadter / 05.07.10 / TLZ
Z82A7BL450165
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