Filigrane Rätsel aus Utopia: Wolfsburger Retrospektive widmet sich dem Visionär Frank Stella

  • Wilder Ritt durch fünf Jahrzehnte Kunstschaffen: Blick in die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg, mit " Bene come il sale" (1987, l.) und "Isfahan" (1969) im Vordergrund. © VG Bild-Kunst Bonn Wilder Ritt durch fünf Jahrzehnte Kunstschaffen: Blick in die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg, mit " Bene come il sale" (1987, l.) und "Isfahan" (1969) im Vordergrund. © VG Bild-Kunst Bonn
Für die Ausstellung "Frank Stella - Die Retrospektive" im Kunstmuseum Wolfsburg hat der 75-jährige Visionär und Meister 62 seiner gigantischen Exponaten selbst in Szene gesetzt. Es ist weltweit seine größte Werkschau seit 1995.
Wolfsburg. Ein ausgedienter Sonnenhut, weggeworfen an der Copacabana. Dem einen ist er ein ärgerliches Stück Abfall im Sand, dem anderen eine Offenbarung. Der Künstler Frank Stella, einer der bedeutendsten lebenden amerikanischen Maler und Plastiker der Abstraktion, klaubt den Schaumstoff auf und zerschneidet die Kappe spiralförmig. Die Form inspiriert ihn 2007 zu einer fünf Meter hohen begehbaren Skulptur aus Bootsbau- und Sperrholz, die er in Anlehnung an Heinrich von Kleists Drama "The broken jug"/"Der zerbrochene Krug" nennt.

Dieser licht gewundene kuppelartige Koloss zieht wie ein Magnet den Besucher der Wolfsburger Ausstellung "Frank Stella - Die Retrospektive" in seinen Bann. Man kann ihm ebenso wenig entkommen wie der aktiven Auseinandersetzung mit den 62 anderen gigantischen Exponaten, die der Visionär und Meister im Kunstmuseum selbst in Szene gesetzt hat. Es ist weltweit seine größte Werkschau seit 1995.

Von Abstraktion zu Ornamentik

Rückschau zu halten ist dem 75-Jährigen eigentlich zuwider. Seine Schaffenskraft ist bis heute ungebrochen. Als passionierter Rennwagenfahrer schaut er nach vorne. Wie er in Interviews flink sein Gegenüber fixiert, so ordnete er auch sein uvre sicher mit scheinbar leichter Hand, indem er dem Kunstinteressierten einen freien Blick in die verschiedenen Stadien seines Lebenswerkes gewährt. So vollzieht sich im Schlenderschritt ein wilder Ritt durch fünf Jahrzehnte produktiven Schaffens und Wandels. Ein zarter Ansatz chronologischer Ordnung findet sich noch am Einlass. Dort sind jene großformatigen Black Paintings anzutreffen, die dem 23-jährigen Stella 1959 zum Durchbruch in der New Yorker Kunstszene verhalfen.

Der Ordnungsaspekt ist Direktor Markus Brüderlins Einfall. Mit der großzügigen Präsentation will er die verrätselte Werkentwicklung erhellen, Stellas Stellenwert innerhalb der Kunstgeschichte bestimmen, dessen Brückenfunktion für das 21. Jahrhundert ansprechen und darüber hinaus nach dem Zusammenhang von Abstraktion und Ornamentik fragen.

Wenn Frank Stella spricht, hören sich die von angelsächsischem Humor grundierten Aussagen wenig akademisch überhöht, selbstverständlich und menschenfreundlich an. Nicht, dass es leicht sei, Kunst zu machen, sagt er lapidar. Das sieht man seinen zupackenden Händen an, die er in zerbeulter Hose versteckt hält, so gut es geht.

Verloren posiert er vor dem etwa 15 Meter langen in Acryl gemalten "Damascus Gate", ein etwa 13 Meter langes Knotengemälde (1969/70), das noch nicht aus dem Rahmen fällt. Wer sich linker Hand hält, den treibt es auf die Serie "Polish Village" (1973) zu, auf ein frühes Relief aus geschichteten kartonierten Materialien, dessen gezackte Umrisse mit "Tuftonboro I" (1966) korrespondieren, jenen in signalfarbenem Streit liegenden geometrischen Figuren: Dreieck versus Rechteck. Einen paralysierend einladenden Effekt besitzen zwei Objekte der Bali Series (2007), die sich längst aus der Fläche gelöst haben und in den stellaren 2,7 Meter hohen statt dreidimensionalen Raum aufgebrochen sind.

"Djinat" und "Djoget" verfügen über ferrarirot lackierte, sattelartige Sitze auf wie zur DNA-Helix gewundenen Strängen aus Edelstahl. Sie legen eine Segelreise der Phantasie in weit entfernte Gefilde nahe, sobald die Passage durch die Moby Dick Serie (1988) absolviert ist. Walblaue Farbe und unverkennbar Haifischzähne bebildern den sprechenden Titel "The Shark Massacre" (1988)".

Wie verletzliche Riesen-Insekten

Derart übertragbar auf den Bildungs- und Erfahrungshorizont des Betrachters ist die Auswahl der Beschriftungen sonst nicht. Das zeigt sich im weiteren Rundgang durch phantastisch kolorierte, utopische Gebilde vor strahlend weißen Wänden sehr augenfällig anhand der Serie "Scarlatti Sonata Kirkpatrick", deren einzelne Objekte vergleichsweise filigran wirken wie überdimensionierte verletzliche Insekten. Der sirrende Klang des Cembalos scheint verborgen. Frank Stella schreibt dazu: "Wenn man es schaffen würde, eine Kante nachzufahren, bis ans Ende, und schnell, bekäme man denselben Eindruck von Rhythmus und Bewegung wie bei Musik."

Der Katalog zur Ausstellung versteht sich als Standardwerk zu Stella und dessen erstaunlichem Weg vom Minimalismus zum Maximalismus. Im Obergeschoss finden sich Stellas unrealisierte Architekturmodelle, darunter ein "Guest house" (2006). Die wohnliche Raumkapsel ist ihrer Zeit noch voraus, ebenso das Modell für das Constantini Museum Buenos Aires (1999) mit schwungvoller Dachkon­struktion, die an jene aufgeschlitzte Kappe erinnert.

Bis 20. Januar 2013, Mi-So 11-18 Uhr, Di 11-20 Uhr, Kunstmuseum Wolfsburg


Evi Baumeister / 08.09.12 / TLZ
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