Jena: Stehende Ovationen für Premiere im Theaterhaus
Porträt
Szenenfoto My heart will go on, Premiere am Theaterhaus Jena am 29. März 2012 Foto: Joachim Dette
Das couragierte Rechercheprojekt My heart will go on feierte eine umjubelte Premiere am Theaterhaus Jena. Es gibt einen ernüchternden Blick auf den Status Quo von Flüchtlingen in Deutschland.
Am Ende der Aufführung gab es "Standing Ovations". Respekt und Anerkennung für das gemischte Ensemble, das mit dem hochpolitischen und couragierten Stück "My heart will go on" ein heikles und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema aufgriff: Das entwürdigende Dasein von Flüchtlingen in Deutschland. Es gab wohl kaum jemanden im Publikum, den die dargestellten Schicksale unberührt ließen. Am Donnerstag feierte das Rechercheprojekt aus der Feder von Claudia Grehn unter der Regie von Moritz Schönecker im ausverkauften großen Saal im Theaterhaus Jena Premiere. Noch während die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, betreten die Darsteller die Bühne. Im Scheinwerferlicht, auf einer Drehscheibe stehend, untermalt vom markanten Klang eines stürmischen Windes, der irgendwo im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und dem Iran bläst. Unruhig irren die Protagonisten umher, nicht wissend, wohin es sie verschlagen wird. Am Anfang steht die Geschichte von Maiwan Nori, der aus Afghanistan flüchtete.1000 Dollar zahlte er einem Schleußer. Er berichtet, wie es sich anfühlt, wenn 200 Menschen in einem Kuhstahl zusammengepfercht werden und auf eine "Reise" mit ungewissem Ausgang aufbrechen. Gevatter Tod lauert an jeder Ecke, wird zum permanenten Begleiter. An jener Stelle nimmt das Stück Fahrt auf. Jeder rennt um sein Leben, es fallen Schüsse. Durch Lichteffekte wird eine mitreißende Atmosphäre erzeugt, die den Betrachter bannt. Wer aber jetzt glaubt, das Schlimmste überstanden zu haben, wird schnell eines Besseren belehrt, denn der wahre Albtraum beginnt erst: die Auseinandersetzung mit den deutschen Behörden. Typische Situationen und Begleiterscheinungen des Flüchtlings-Daseins wie Anhörungen, Arztbesuche, Ausweiskontrollen und eingeschränkte Bewegungsfreiheit werden im Folgenden dargestellt. Abgerundet wird dies alles mit jenem erschreckenden Bürokraten-Deutsch hinter dem der Mensch geradezu verschwindet. An anderer Stelle bleibt einem dafür das Lachen im Halse stecken, wenn es plötzlich heißt: Lets go shopping. So werden die Lebensmittelgutscheine für diverse Billig-Discounter präsentiert und an das Publikum verteilt. Schließlich werden katastrophale Zustände in den "Flüchtlingslagern" der Terminus wird verwendet thematisiert, in denen die Gestrandeten auf engstem Raum vor sich hin vegetieren. Dargestellt durch Matratzen, ohne Privatsphäre, zur Untätigkeit verdammt, überwacht vom Hausmeister genial besetzt mit Thomas Ndindah vom The VOICE Refugee Forum Jena, der in feinster Untertanen-Manier den kleinbürgerlichen Geist gibt.
Die Angst vor der Abschiebung ist allgegenwärtig und schwebt wie ein Damoklesschwert über den Flüchtlingen. Am besten, man geht von alleine, so der Tenor eines Beamten, schließlich würde man 700 Euro dafür erhalten. Natürlich darf bei diesem Diskurs eine Berufsgruppe nicht fehlen: der Politiker. Den mimt Yves Wüthrich wunderbar, indem er das wieselartige Wesen einer besonderen Spezies in ihren Gesten perfekt charakterisiert, jene ewige Gier nach Blitzlicht und Kamera, gepaart mit rhetorischen Floskeln, Inkompetenz und Desinteresse. Letztlich verwundert es nicht, dass so manch Ausgelieferter an Depressionen erkrankt oder gar versucht, sich das Leben zu nehmen. So erzählt Hamza Barakat aus Palästina, dass er seit neun Jahren durch diese bürokratische Hölle wandelt. Sein Resümee: "Wie sind Menschen ohne Hoffnung". In diesem Zusammenhang bekommen die im Stück vorgetragenen Worte von Heinrich Heine eine völlig neue Bedeutung, denn Deutschland samt Bürokratie und Politik bringt die Flüchtlinge im wahrsten Sinne des Wortes um ihren Schlaf. "My heart will go on" ist ein wichtiges Stück, das die Zerrissenheit und Ausweglosigkeit jener Heimatlosen darstellt und ein hohes Maß an Authentizität besitzt. Dieses entsteht, da die Betroffenen selbst auf der Bühne agieren und teilweise in ihrer Muttersprache reden. Sie sind die tragenden Elemente der bewegenden Inszenierung und werden durch Schauspieler des Theaterhauses Jena souverän ergänzt. Diese Mischung aus Laien und Profis gibt dem Gesehenen seine besondere Note. Als vermittelnde Instanz zwischen diesen Parteien fungiert Aktivist Hassan Siami, der auf der Bühne dolmetscht und nach dem Beifallssturm des Publikums noch deutliche Worte findet. So prangert er die Diskriminierung von Flüchtlingen seitens der Politik in Deutschland an sowie die Ausbeutung der Dritten Welt für ökonomische Interessen durch den Westen. Letztlich führe auch die dazu, dass Menschen sich in solch verzweifelten Situationen wiederfinden würden, wie etwa in den Flüchtlingsheimen in Thüringen. ! Nächste Vorstellungen: 11. April, 9., 10., 11., 12., 25. und 26. Mai