Kunstfest: Akram Khan Company entführte in exotische Welten
Porträt
Meditation in Bewegung: Akram Khan blickt seinen Armen nach - scheinbar sind sie losgelöst vom Körper - und vermittelt einen Eindruck von fernöstlicher Spiritualität. Foto: Laurent Ziegler
"Ich glaube, die Bühne ist ein Tempel", schreibt der britisch-bengalische Choreograph Akram Khan im Programmheft zu seinem Tanztheater "Gnosis" für das Kunstfest "pèlerinages". Er verbindet indischen Kathak mit zeitgenössischem Ausdruckstanz, indem er das "Gefängnis der klassischen Form" schrittweise überwindet.
Weimar. Im ersten Teil des Abends zeigte er in Choreographien Gauri Sharma Tripathis und Sri Pratap Pawars sowie eigenen Improvisationen indische Tanzkunst, bevor er in "Gnosis" die altindischen Legende "Mahabharata" tänzerisch interpretierte. Dunkelheit. Erspüren der Schwärze durch die tiefen Töne des Cellos. Wie ein Lichtblick erscheint ein helles Klingeln. Aus dem Schwarz hebt sich plötzlich ein Körper ab, gebetsartige Worte - so der atmosphärische Beginn von Khans Suche nach Erkenntnis, die die "pèlerinages" 2012 prägt. Mit "Invocation" - Anrufung - nach dem ersten Klavierstück von Liszts "Harmonies poétiques et religieuses" stellte Intendantin Nike Wagner dem Kunstfest ein spirituelles Motto vor, dem auch im Tanz nachgegangen wird. Khans Kunst ist von dem Kontrast zwischen Momenten der Emphase und des Innehaltens geprägt. Der Tänzer sucht, angetrieben von den Rhythmen, die er durch am Körper befestigte Schellen selbst mitgestalten kann, in seinen Armbewegungen und Drehungen einen Geschwindigkeitsrausch, ohne jedoch in Taumel zu verfallen. Musikalische Akzente prägen maßgeblich den Tanz, der gerade in "Polaroid Feet" mit häufigen Gesten der Verbeugung, des Händefaltens, des Wasserschöpfens und der Suche nach einer inneren Mitte spirituelle Durchdringung ausstrahlte. Fünf Musiker begleiteten die Choreographien mit glissando- und emotionsreichem Gesang (Faheem Mazhar) zu Perkussionsinstrumenten (Bernhard Schimpelsberger) und zur traditionellen Tabla (Sanju Sahai), sowie mit Violine (Kartik Raghunathan) und Cello (Lucy Railton).
Sehen und Fühlen
Die Improvisationen leitete Khan durch Sprechsilben an, deren Rhythmus die Instrumentalisten aufnahmen, verdichteten und mit Pizzicati und Orgelpunkten oder Tonrepetitionen anreicherten, so dass sich die Energie in Khans schellendem Tanz entladen konnte.
Licht und Schatten, Schwarz und Weiß, Sehen und Fühlen - in "Gnosis" ergründete der Choreograph mit der taiwanesischen Tänzerin Fang-Yi Sheu die Erfahrungswelt einer außergewöhnlichen Frau aus der indischen Mahabharata: Königin Gandhari, die mit einem Blinden verheiratet ist, legt aus freien Zügen für immer eine Augenbinde an. Stille, gleichsam Schwärze umgibt sie. In einem schmalen, von Nebelschwaden durchzogenen Lichtkegel zeichnet die Tänzerin mit ihrem Körper und einem Stab, gleichsam Hilfe des Blinden und Waffe des Kämpfers, horizontale und vertikale Linien. Mit einer ihrer kraftvollen Armbewegung ertönt ein Schlag, als ob die Tänzerin inmitten des Lichtkegels Trommeln schlagen würde. Der Lichtkegel wird breiter, ihr Trommelspiel verdichtet sich, wie von der Geburt ihrer 101 Kinder kündend. Auf den Blindenstab gestützt, richtet die Königin den Kronprinz auf, schult seine Sinne in einem spielerisch-kämpferischen Parcours mit dem Blindenstab: Er duckt sich unter ihrem Schlag hinweg, weicht aus, nimmt ihre Bewegungen auf und reift zum Mann. Ehrfürchtig unterwirft er sich der starken Frau, säumt den Weg ihrer Füße. Doch Machtgelüste lassen ihn zu einer Bestie werden, die den Krieg sucht. Die Mutter wendet sich ab, jede seiner Berührungen wird zum Schlag. Zum Marsch der kleinen Trommel erstrahlt die Bühne in rotem Licht und symbolisiert den Taumel des blutigen Krieges und das Feuer, in dem Gandhari sterben muss. Am Ende will der Sohn die Hand triumphal zum Sieg erheben, doch sein Körper droht zu zerreißen.