Das Ensemble von Schloss und Theater Kochberg ist ab Sonntag wieder zugänglich. Foto: Dieter Urban
Nach gut einjähriger Bauzeit und Investitionen von zwei Millionen Euro lädt der ehemalige Landsitz der Familie von Stein ab Sonntag wieder zum Besuch ein. Zu Charlotte und Goethe geht es jetzt mit dem Fahrstuhl.
Bis ins hohe Alter soll Goethe gut zu Fuß gewesen sein. Den Aussichtsturm auf dem 861 Meter hohen Kickelhahn bei Ilmenau besuchte er noch ein Jahr vor seinem Tod, um sein berühmtes Gedicht "Über allen Gipfeln ist Ruh" zu lesen, das er 1780 an die Wand des dort stehenden Bretterhäuschens geschrieben hatte. Für die rund 35 Kilometer lange Strecke von Weimar nach Großkochberg, auch das ist überliefert, war er viereinhalb Stunden auf Schusters Rappen unterwegs ab 1775 unzählige Male und beflügelt von der übergroßen Sehnsucht zu seiner langjährigen Freundin Charlotte von Stein. Eine stolze Leistung, auch wenn der Geheimrat bei seinem letzten Aufenthalt im September 1788 mit knapp 40 Lenzen noch als junger Mann durchgehen kann. Das Datum seines ersten Besuches auf dem Landsitz in Großkochberg schrieb der Dichter auf die Platte von Charlottes Schreibtisch: Goethe d. 6. Dez. 75. Zwei weitere Einträge vom 4. Oktober und 5. November 1780 sind mit "Eben derselbe" vermerkt. Auch der Großherzog hinterließ einige Zeilen offensichtlich waren Schreibtische seinerzeit eine Art Gästebuch. Dieser Schreibtisch und ein weiterer, den Goethe seiner Herzensdame nach eigenen Entwürfen in Weimar fertigen ließ und ihr übereignete, sind heute die wohl bedeutsamsten historischen Zeugnisse im Museum von Schloss von Kochberg. In den Räumlichkeiten mit Festsaal, rotem und blauem Salon, Goethe- und Charlottezimmer hat sich eine der wohl schönsten Liebesgeschichten des 18. Jahrhunderts abgespielt. Ob diese Beziehung jemals die Schranken der höfischen Etikette überschritten hat, sei dahingestellt. "Kann schon sein, es war eher eine platonische Beziehung", bemerkt Dr. Kristin Knebel, im Auftrag der Klassik Stiftung verantwortlich für das ehemalige Steinsche Gut. "Bis ins letzte Detail wird man das nie ergründen können." Wie auch immer, der Dichter hatte vermutlich keine Probleme mit der Steintreppe hinauf in die erste Schlossetage. Wer weniger gut zu Fuß ist, kann ab Sonntag mit dem denkmalgerecht integrierten Fahrstuhl zu Goethe und Charlotte reisen oder auch vom Foyer nach unten in die neu entstandenen Sanitäreinrichtungen fahren. Nach gut einem Jahr Bauzeit und Investitionen von zwei Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II der Thüringer Landesregierung wird am Sonntag im Schloss und im angrenzenden Liebhabertheater Wiedereröffnung gefeiert. Der Fahrstuhl und der von Algen befreite und jetzt wunderbar türkis schimmernde Wassergraben sind die sichtbarsten Ergebnisse der aufwendigen Sanierungsarbeiten. Weniger vordergründig, aber umso notwendiger waren der Einbau einer modernen Heizung sowie der Umbau und die Erneuerung von Sanitäranlagen in Schloss und Theater, die Neuanordnung der Büro- und Mitarbeiterräume des Museums und der Museumskasse, Brandschutzmaßnahmen sowie die Ausbesserung der Fenster und Dächer auf dem Musenhof. Besonders freuen sich Klassik Stiftung und die Freunde des Liebhabertheaters Schloss Kochberg über die Renovierung einer Wohnung im Erdgeschoss des Westflügels, die künftig als museumspädagogischer Bereich und für Tagungen dienen soll. Hier finden ab 2013 nach Auskunft von Silke Gablenz-Kolakovic, Vorstandsvorsitzende der Theaterfreunde, Meisterkurse zur historischen Aufführungspraxis statt. Bereits am 12. Mai werden hier die Besucher auf die Premiere von Goethes Singspiel "Erwin und Elmire", der wichtigsten Produktion des Theaters in dieser Saison, eingestimmt. Insgesamt präsentieren die Theaterfreunde unter dem Motto "Wo die Freundschaft Früchte trägt" vom Osterspaziergang am 7. April bis zum traditionellen Nikolausmarkt im Dezember 35 Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen und Events. Publikum und Künstler gleichermaßen finden nach der Sanierung im um 1800 von Charlottes ältestem Sohn Carl erbauten Liebhabertheater moderne Bedingungen. Neben den bereits 2010 restaurierten marmorierten Tapeten und den erneuerten Sanitäranlagen wurden Fußböden und Fenster aufgearbeitet, Künstlergarderoben und die zauberhaften kleinen Räume im oberen Stock mit neuem Mobiliar eingerichtet, das die Klassik Stiftung dem Theater zur Verfügung stellte. Im nach Büsten benannten Königin-Luise-, Goethe- oder Lizstzimmer können sich jetzt Künstler vor den Aufführungen einsingen oder kleine Beratungen stattfinden, erläutert Silke Gablenz-Kolakovic. Und sie hat mit dem bisher noch unsanierten Säulenportikus vor dem klassizistischen Theater der Goethezeit schon das nächste Vorhaben im Blick. Auch für das Schloss sind mit dem Abschluss des ersten Bauabschnittes noch längst nicht alle Blütenträume aufgegangen. Laut Prof. Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, gehört das Ensemble von Schloss, Park und Liebhabertheater Kochberg neben dem neuen Bauhausmuseum und dem Goethe-Nationalmuseum in Weimar in den kommenden Jahren zu den vordringlichsten Aufgaben der Stiftung. "Bis 2015 soll ein neues Konzept für das Museum auf dem ehemaligen Landsitz der Frau von Stein umgesetzt sein, das mit moderner Vermittlungstechnik am authentischen Ort die Geschichte des Anwesens und der weltberühmten Beziehung zwischen Goethe und Charlotte erzählt", blickt Prof. Holler voraus. Was man bei den anstehenden Sanierungsarbeiten an Befunden vorfinden werde, sei heute noch nicht absehbar. Zudem gebe es Rückübertragungsansprüche der Stein-Familie die Erben leben in Dänemark , die in den kommenden Monaten verhandelt werden. Was die Stiftung erwerben muss oder an Leihgaben behalten darf, sei offen. Die berühmten Schreibtische werden wohl in Kochberg bleiben, sie stehen auf der Thüringer Denkmalliste.
Noch Zukunftsmusik ist auch der Ausbau von Räumen für Übernachtungen, die es bis Ende der 1980er-Jahre im Schloss gab. Dafür fehlen derzeit ein tragbares Konzept und vor allem die finanziellen Mittel. Klassik Stiftung und Freundeskreis wollen das Vorhaben unbedingt im Blick behalten, damit Schloss, Park und Liebhabertheater als Gesamtkunstwerk, als Ort der Freude und der Freundschaft neu aufblühen kann. "Allerdings dürften sich die Besucher kaum mit einem tragbaren Reisebett zufrieden geben, wie es Goethe vermutlich bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Kochberg im Gepäck hatte", ist Prof. Holler sicher. Mehr über Goethe, Dichterfreund Schiller, Charlotte von Stein und andere Gäste können Besucher am Sonntag ab 10 Uhr erfahren, wenn der reizvolle Musenhof mit dem wunderschönen Park nahe Rudolstadt mit einem klassischen Lesevergnügen wieder eröffnet wird. Eröffnung, Sonntag, 1. April, 10 bis 14 Uhr: Im Liebhabertheater: Mitarbeiter der Klassik Stiftung Weimar und des Liebhabertheaters Schloss Kochberg lesen aus dem Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller; im Museum: aus Goethes Briefen an Charlotte von Stein. Das Museum ist vom 1. April bis 15. Oktober dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das Schlossrestaurant empfängt die Gäste von April bis Oktober dienstags bis donnerstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr; freitags und samstags von 10 bis 21 Uhr. Karten an der Theaterkasse: 036743-22532