Schwankende Aussicht für Weimarer Kunstfest

  • Lichtinstallation zur Eröffnung des Weimarer Kunstfestes 2010 im Weimarhallenpark. Foto: Maik Schuck Lichtinstallation zur Eröffnung des Weimarer Kunstfestes 2010 im Weimarhallenpark. Foto: Maik Schuck
Im Prinzip gilt es als abgemacht, dass Nike Wagner das Weimarer Kunstfest "pèlerinages" bis 2013 gestaltet. Aber spruchreif ist das noch nicht. Weimar muss spätestens im März entscheiden, ob es 2013 ein Wagner-Jahr mit Wagner will.
Weimar. Dem Stadtrat obliegt - spätestens im März - die Entscheidung darüber, ob man den Vertrag mit der Intendantin wie auch den städtischen Finanzierungsanteil für das Vorzeige-Festival der Klassikstadt prolongiert.

  • Eine Frage der Perspektive: Mit der gewohnten innerlichen wie äußeren Stabilität eröffnete Nike Wagner im Vorjahr das Weimarer Kunstfest. Ob sie dieses Jahr dazu letztmalig Gelegenheit hat, muss sich jetzt entscheiden. Foto: Maik Schuck Eine Frage der Perspektive: Mit der gewohnten innerlichen wie äußeren Stabilität eröffnete Nike Wagner im Vorjahr das Weimarer Kunstfest. Ob sie dieses Jahr dazu letztmalig Gelegenheit hat, muss sich jetzt entscheiden. Foto: Maik Schuck
Bereits Anfang kommender Woche stellt Wagner im Kulturausschuss ihre Pläne vor, drei Tage darauf tritt der Aufsichtsrat der städtischen Kunstfest GmbH zusammen. Wenn es nach dessen Vorsitzendem, dem Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD) ginge, wäre alles nur Formsache. "Ich würde es so belassen wollen, wie es ist", sagte er gestern. Ein Vertragsende 2011 halte er für "grundverkehrt". Denn im Wagner-Jahr 2013, wenn weltweit der 200. Geburtstag des Komponisten gefeiert wird, besäße ein von dessen Urenkelin verantwortetes Festival außerordentliche Attraktion.

Der Reiz liegt im Namen Wagner

"Der Reiz liegt im Namen Nike Wagner und dem, was man in aller Welt mit ihr verbindet", erklärt Wolf sibyllinisch. Natürlich weiß der Klassik-Fan um die Rivalität Frau Nikes mit ihren beiden Cousinen, die als ungeliebte "Kolleginnen" die Wagner-Festspiele auf dem Grünen Hügel koordinieren. Dagegen könnte Weimar sich als eine Art Anti-Bayreuth profilieren. Oder mindestens etwas anderes bieten als bloß einen Reigen der großen Opern. Mit viel kleinerem Etat zwar, sicher jedoch mit ungewöhnlichen, scharfgeistigen Ideen.

Für die "pèlerinages" 2013 hat Nike Wagner, dem Brauch gemäß, aus dem Oeuvre Franz Liszts bereits einen vielsagenden Titel als Motto gewählt: "R. W. Venezia". Dieses Klavierstück komponierte Liszt 1883 in memoriam seines überraschend in der Lagunenstadt gestorbenen Schwiegersohns. Konkretes ließ Frau Nike sich noch nicht entlocken. Klar jedoch ist, dass sie das Wirken des Urgroßvaters "durch die Brille seiner Gegner, des Kontextes und unserer Zeitgenossen" betrachten möchte. Auch das eine oder andere vergessene Wagner-Werk könnte in Weimar - unter entsprechender künstlerischer Kommentierung - erklingen. Zum Beispiel eines seiner herzhaften Stücke für Männerchor, der 1869 vertonte "Wahlspruch für die deutsche Feuerwehr".

40 Prozent der Gäste von auswärts

So erwiese Wagner sich zum Ausklang ihrer 2004 begonnenen, dann zur Dekade geründeten Ägide als überaus volkstümlich. Gerade die programmatische Strenge ihres Konzept-Festivals und ihr eisern umgesetzter Anspruch, wie dereinst Ururgroßvater Franz Liszt aufregend Neues in der Klassikstadt zu bieten, hat ihr - wie seinerzeit ihm - nicht nur Freunde gemacht. Und so manchem Stadtrat ist die Hochkulturförderung angesichts der Schieflagen im Sozialen ohnedies ein Dorn im Auge.

  • Internationale Ausrichtung beim Kunstfest: Emanuel Gat Dance (Frankreich/Israel) zeigte 2010 in Weimar Winter Variations und Silent Ballet. Foto: Maik Schuck Internationale Ausrichtung beim Kunstfest: Emanuel Gat Dance (Frankreich/Israel) zeigte 2010 in Weimar Winter Variations und Silent Ballet. Foto: Maik Schuck
Zudem mag der eine oder andere insgeheim auch persönliche Interessen hegen. Weimarwerker Martin Kranz etwa, selbst mit dem "Köstritzer Spiegelzelt" ein Festival-Veranstalter vor Ort, würde womöglich lieber heute als morgen das Kunstfest gleich mit übernehmen. Nur den Familiennamen Wagner und die Raffinesse im Programm hat er nicht zu bieten. Beides wäre fürs städtische Marketing 2013 jedoch unverzichtbar.

Denn mit Fug und Recht kann Weimar sich - so wie Leipzig, Dresden, Königsberg oder München - durchaus als Wagnerstadt bezeichnen. Hier leitete Franz Liszt immerhin die Uraufführung des "Lohengrin", für Weimar konzipierte Wagner ursprünglich gar eine Oper "Siegfrieds Tod", die ihm unter den Händen dann zur "Ring"-Tetralogie wuchs. Allzu gern hätte Liszt den fast Gleichaltrigen auf Dauer an die Gestade der Ilm gelotst; nur galt in der großherzoglichen Residenz ein Asyl für den Dresdner Vormärz-Revoluzzer politisch als völlig inopportun.

Für Urenkelin Nike hingegen sind die Vorzeichen anders gestellt: Sie genießt volle Anerkennung und Respekt bei der Landesregierung. Die Zukunft des Kunstfests sei mit der seiner Intendantin eng verknüpft, erklärte gestern ein Sprecher des Kultusministers Christoph Matschie (SPD). Das Land stehe bereit, seinen derzeitigen Beitrag zur Finanzierung weiter zu leisten, sagte er. Nur von Seiten der Stadt fehle bisher das Signal.

Somit geht es für die Weimarer Stadträte einerseits darum, kraft einer 250.000 Euro schweren Eigenbeteiligung den Nimbus und die kulturtouristische Attraktivität der Klassikstadt zu wahren. Gern verweist Kunstfest-Geschäftsführer Ulrich Hauschild darauf, dass nur 60 Prozent der 20.000 Gäste aus Stadt und Umgebung kämen, die anderen aber von auswärts, ein Achtel davon aus dem Ausland. Andererseits stünden mindestens 650.000 Euro an Landesförderung in Frage, sofern man sich von Nike Wagner vor der Zeit trennte. Auch die allmählich ausrinnenden Bundesmittel, die Wagner und Hauschild durch Projektanträge bei der Bundeskulturstiftung kompensieren wollen, nähmen wohl schlagartig ein Ende.

Für 2012 konzipiert Nike Wagner ein Festival unter dem Motto "Invocation", um einen Akzent auf dem religösen Werk Liszts zu setzen. Die TanzMedienAkademie soll - wie überhaupt der Programmschwerpunkt Tanz - fortgesetzt werden. Vergangene Woche wurde der berühmte Choreograph William Forsythe in Weimar gesehen.

"Eine Brücke von 2011 bis 2013 zu schlagen, das ist mein Vorschlag", sagte Wagner gestern. Und dann? - "Ich bin dann weg", erklärte sie trocken zur ferneren Zukunft des Kunstfests. "Wenn es jemand in meinem Geiste weiterführen kann, wäre ich glücklich. Aber man kann es auch ganz anders definieren." Bloß die internationale Ausrichtung dürfe auf keinen Fall verlorengehen.

Noch keine ausgegorenen Ideen

  • Weimar muss spätestens im März entscheiden, ob es 2013 ein Wagner-Jahr mit Wagner will. Foto: Maik Schuck Weimar muss spätestens im März entscheiden, ob es 2013 ein Wagner-Jahr mit Wagner will. Foto: Maik Schuck
Weimars OB Wolf meinte gestern, es gäbe schon viele Ideen - beispielsweise an die Meisterkurse der Musikhochschule anzuknüpfen. Nur ausgegoren scheint da noch gar nichts. Und von Bundes- oder Landesförderung für neue Konzepte noch keine Rede. So stünde es den Weimarer Stadträten bei ihren derzeitigen Überlegungen - wie stets - gut an, das Wohl der Stadt in den Fokus zu rücken. Vielleicht hilft ja just Richard Wagners Feuerwehr-Wahlspruch dabei. Die erste Textzeile lautet: "Treue sei unsre Zier, Liebe sei das Panier!"


Wolfgang Hirsch / 08.02.11 / TLZ
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Kommentare
08.02.11 - 08:42
zebra
problem ist doch, dass es dem WEIMARER mittlerweile herzlich egal ist, ob nike da ist oder nicht. das kunstfest als weimarer institution (unter kaufmann) hat sie seit 2004 gründlich abgeschafft. das leigt nihct an der hochkultur, sondern am langweiligen unsichtbaren marketing und am AUSSCHLUSS der bevölkerung (insbesondere der bis 2004 obligatorisch von den weimarern besuchte eröffnungsabend) - hier können nur neue impulse wieder lokales interesse wecken...und dieses ist extrem wichtig in einer solchen stadt. letztich ist es lokales geld, was zugunsten von wenigen zugereisten "nikerianern" ausgegeben wird. die entsprechende globale reputation weimars durch dieses fest ist aber nicht erkennbar...
 
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