"Schwarze Katze" in Erfurt: Klassischer Tanz mit Breakdance und BMX-Rad kombiniert
Porträt
So schwer, so leicht: Ob Breakdancer oder klassischer Tänzer jede Bewegung geht scheinbar nahtlos in die nächste über. Auf der kargen Erfurter Bühne, zwischen drei Säulen aus Europaletten, tanzten "Renegade" beim 3. Internationalen Tanztheaterfestival. Foto: Holger John
Schon die rasende Eröffnungsszene des Tanz-Gastspiels "Schwarze Katze" im Rahmen des 3. Internationalen Tanztheaterfestivals in Erfurt verweigert sich einer linearen Erzählstruktur und lässt mehrere Deutungen zu. In ihrer Choreographie bringt Malou Airaudos, einst selbst Mitglied im Ensemble von Pina Bausch, klassischen Tanz mit Breakdance und BMX-Rad zusammen.
Erfurt. Die Stadt hat ihre Bewohner gelehrt, in schützende Hüllen zu schlüpfen und bloß nicht stehen zu bleiben. Folglich hetzt ein jeder umher und bremst nur ab, um einen privaten Kokon zu finden. Unscheinbar, aber scheinbar gleich liegen sie auf dem Boden ausgebreitet: lange schwarze Mäntel, die der Reihe nach anprobiert werden müssen. Für die wenigsten findet sich eine passgenaue Hülle, weshalb der Sprint fortgesetzt werden muss.Schon die rasende Eröffnungsszene des Tanz-Gastspiels "Schwarze Katze" im Rahmen des 3. Internationalen Tanztheaterfestivals in Erfurt verweigert sich einer linearen Erzählstruktur und lässt mehrere Deutungen zu. Malou Airaudos Choreographie ist eine so harte wie feinsinnige Erzählung über (ein) urbanes Lebensgefühl, ohne dass sich die einzelnen Szenen zu einer Geschichte mit Anfang und Ende zusammensetzen ließen.Nun mag diese Nicht-Erzählbarkeit auf einen Großteil der zeitgenössischen Tanz- und Tanztheaterproduktionen zutreffen, im Grunde ist sie längst zum Standard geworden. Stilistisch aber sticht "Schwarze Katze" hervor: Ganz im Sinne der produzierenden Company "Renegade" aus Herne hat Airaudo klassischen Tanz, Breakdance und BMX-Fahren auf eine Weise miteinander verbunden, die die Herkunft einzelner Elemente noch erkennen lässt, sie aber nicht gegeneinander setzt. Es ist, als hätten diese Stile schon immer zusammengehört. Schönstes Bild dieses Ineinandergleitens sind die Ensemble-Kombinationen: die synchronen Choreographien der Breakdancer, üblicherweise Einzelkämpfer, und die Reaktionen der klassischen Tänzer Elena Friso und Paul Hess auf BMX und Freestyle-Posen.Was hingegen an diesem Samstagabend in der Erfurter Oper gänzlich fehlt, ist das vermeintliche Markenzeichen von Breakdance, der Hip Hop. Stattdessen tönen energische Violinen und ein vom Tango wippendes Akkordeon aus den Boxen, Cello und Klavier finden in einem sanften Duett zueinander, und ein paar krachende Metal Songs pressen die Zuschauer in ihre Sessel. Der Soundtrack spiegelt nicht zuletzt die jeweiligen Vorlieben der Tänzer, erzählen diese nach der Vorstellung. Gerade im Überlappen der ästhetischen Stile entstehen mit die berückendsten Szenen dieses Abends.
Ein Trick namens TailwhipSo entspinnt sich zu Cello und Klavier zwischen BMX-Fahrer Pascal Nanko und Elena Friso ein leises, nicht ausschließlich großstädtisches Drama vom Suchen und Finden der Liebe. Sie windet sich in raumgreifenden Schritten, rennt davon und findet sich im Pas de Deux mit einem Anderen. Nankos Kür zwischen Nabe und Lenker ist ein Tanz mit dem Rad und erzählt vom Versuch, sie endlich auf sich aufmerksam zu machen. "Die Szene" kennt die Freestyle-Tricks unter Namen wie Nohand, Tailwhip oder Bunny Hop - was der Laie sieht, sind verblüffende Drehungen in der Luft und hochkonzentrierte Balance-Akte auf den "Pegs" genannten Achsenstangen am Vorder- und Hinterrad.Nicht weniger ringt das Publikum um Atem bei den Bewegungen und Posen der Breakdancer, auch B-Boys genannt; mancher Zuschauer schüttelt ungläubig immer wieder den Kopf. Mit Spins genannten Drehungen um die eigene Achse, einhändigem Handstand mit waagerecht abgewinkeltem Körper oder mit einem nicht enden wollenden Rotieren auf dem Kopf zelebrieren Peter Sowinski, Eugen Ulrich und Denis Kuhnert die Artistik und Ästhetik ihres Repertoires. Letzterer war 2009 bereits bei einem Gastspiel in Jena zu sehen, in Samir Akikas Choreographie "E.T.E" im Rahmen des Festivals "Theater in Bewegung". Alle drei sind in ihrer Szene wiederum hoch geschätzt.Gemessen an den Jubelausbrüchen, bildeten die B-Boy-Fans im Erfurter Theater den größten Anteil der rund 600 Zuschauer. Demnach könnte "Breakdance in der Oper" eine neue, gut besuchte Vorstellungsreihe werden.