Jenaer Groß-Studie über Schmerzen nach der OP

  • Angst vorm "Tag danach": Schmerzbehandlung nach der OP gewinnt mehr Aufmerksamkeit. Foto: dapd Angst vorm "Tag danach": Schmerzbehandlung nach der OP gewinnt mehr Aufmerksamkeit. Foto: dapd
Mit einer Multi-Center-Studie, die 16 Partner in neun Ländern beteiligt, versuchen Ärzte des Jenaer Universitätsklinikums, die Therapie-Standards nach Operationen zu verbessern.
Jena. Ein mulmiges Gefühl haben alle Patienten, je näher der OP-Termin rückt. Die meisten vertrauen ihren Ärzten und hoffen, dass der Eingriff gelingt. Nur die Angst vor den Schmerzen plagt sie alle - und dies nicht zu Unrecht. "Wir propagieren nicht das schmerzfreie Krankenhaus", sagt Privatdozent Dr. Winfried Meißner vom Universitätsklinikum Jena (UKJ). "Das gibt es nämlich nicht." Aber um die Nöte der Patienten "am Tag danach" zu lindern, betreibt der erfahrene Jenaer Schmerztherapeut gemeinsam mit Kollegen eine große, europaweite Multi-Center-Studie unter dem Namen "Pain-Out".

Drei Millionen Euro hat die EU 2009 für das auf vier Jahre angelegte Vorhaben bewilligt. Es ist eines der größten EU-Projekte, die Jenas Mediziner je an Land ziehen konnten; die positive Nachricht aus Brüssel hat damals bei Meißner & Co. das Gegenteil dessen bewirkt, womit sie sich tagtäglich befassen. "Wir waren sehr glücklich", gesteht der Leiter der UKJ-Schmerzambulanz, der zudem als Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie arbeitet.

Zu Meißners Zielen zählt nicht nur, die Standards seiner Zunft zu erforschen, sondern vor allem, die Schmerztherapie - je nach Eingriff - systematisch verbessern zu helfen. Dazu wurden nun in neun Ländern knapp 30 000 stationär aufgenommene Patienten nach ihrer OP befragt - der größte Datenquerschnitt zu diesem Thema auf internationalem Sektor bisher. Sie geben Auskunft über ihr Befinden, schätzen die Stärke ihrer Schmerzen ein, nennen aber auch eventuelle Nebenwirkungen der Schmerztherapie - egal ob "nur" die Mandeln entfernt wurden oder ein Organ transplantiert wurde.

Zusammen mit ärztlichen Angaben über Art der Behandlung und postoperativer Therapie fließen die Angaben anonymisiert in eine Datenbank ein; ein Schmerzregister entsteht. Um die Daten vergleichbar zu halten, sind die Fragebögen standardisiert.

Unmittelbare Rückkopplung

Meißner liegt es am Herzen, dass "Pain-Out" nicht als Einbahnstraße funktioniert. Noch vor der abschließenden Auswertung des gesamten Datenpakets erhalten die Partnerkliniken Rückmeldungen aus Jena. Im Zweifelsfall auch den Alarmruf: "Bei euch leiden die Patienten überdurchschnittlich stark nach einer OP!" So dient der "patient reported outcome", wie es im Fachlatein der Medizinstatistiker heißt, ebenso der unmittelbaren Qualitätssicherung. Beteiligt am Projekt sind 16 Partnerkliniken in Frankreich, Großbritannien, Schweden, Spanien, Italien, Rumänien, der Schweiz und in Israel.

Wie groß der Bedarf ist, weiß man längst: Rund 40 Millionen Operationen werden Jahr für Jahr europaweit durchgeführt. "Fast die Hälfte der Patienten leidet im Anschluss an starken Schmerzen", sagt Meißner. Ein wichtiges Argument für die Brüsseler Forschungsadministratoren, den Zuschlag nach Jena zu geben, war die dortige Erfahrung aus einem langjährigen Schwester-Projekt, das sich allerdings auf Deutschland beschränkt. Für "Quips" wurden 250 000 Patienten befragt.

Obschon das Schmerzempfinden so individuell unterschiedlich sein mag wie die Resonanz auf die Therapie, kann Winfried Meißner bereits erste Ergebnisse vorweisen. "Es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass eine Wundrandinfiltration mit örtlichen Betäubungsmitteln auch vor größeren OPs sinnvoll sein kann", sagt er. Bisher setzt man solche Verfahren vornehmlich für ambulante Eingriffe ein - etwa beim Zahnarzt. Außerdem haben Meißner und seine Kollegen herausgefunden, dass es nach einer vermeintlich leichten Mandelentfernung mehr wehtun kann als nach einer großen Bauch-OP.

Lange Zeit galt Deutschland als ein Entwicklungsland in Sachen Schmerzmedizin. Diesen Status sieht Meißner zwar lange überwunden; trotzdem ist er nicht mit allen Usancen einverstanden. So werden nach seinem Dafürhalten hierzulande zu viele Chroniker mit opiatartigen Mitteln versorgt. "In anderen Ländern existieren dagegen Aktionspläne und gebündelte Programme für multimodale Therapien."

Auch alternative Therapiekonzepte

Was damit gemeint ist: Auch andere Fachdisziplinen gehören laut Meißner in die Therapie miteinbezogen. Deshalb hat er am Jenaer Klinikum gemeinsam mit Psychologen, Neurologen und Physiotherapeuten bereits ein kleines Programm aufgelegt. Demnächst verhandle man mit den Krankenkassen, es auch teilstationär in einer Tagesklinik anbieten zu dürfen. "Wir versuchen, dem Patienten zu helfen, dass er stressärmer und entspannter mit dem Schmerz umgeht", erklärt der Jenaer Spezialist. Der Vorteil liegt auf der Hand: Anders als Medikamente haben solche Therapieansätze selbst auf Dauer keinerlei unliebsame Nebenwirkungen.

Schließlich berücksichtigt man weitere alternative Konzepte. Zur Akupunktur etwa hat Meißner bereits eigene Studien betrieben. "Sie hat mehr als eine Placebo-Wirkung, ist aber auch kein Wundermittel", sagt er. Im klinischen Alltag kommen die "chinesischen Nadeln" indes meist zu kurz, weil das Fachpersonal fehlt. So setzen etwa die Jenaer nach Operationen gern auf die sogenannte TENS, die transkutane elektrische Nervenstimulation, die mittels elektrischer Reize im Umfeld der Wunde den Schmerz lindert.

Am morgigen "Aktionstag gegen den Schmerz" (5. Juni) bietet die Deutsche Schmerzgesellschaft von 9 bis 18 Uhr Beratung unter der kostenlosen Hotline 0800/1818120 an.


Wolfgang Hirsch / 04.06.12 / TLZ
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