Der "ehemalige Herr Lenz"

  • Albrecht Schröter forderte schnellstmöglich eine Hauptversammlung der kommunalen AG. Aufsichtsratschef Brandt sagte sie "innerhalb von sechs Monaten" zu. Nein, unverzüglich, hieß es. Foto: OTZ Albrecht Schröter forderte schnellstmöglich eine Hauptversammlung der kommunalen AG. Aufsichtsratschef Brandt sagte sie "innerhalb von sechs Monaten" zu. Nein, unverzüglich, hieß es. Foto: OTZ
Über die unschöne Entsorgung ihres Vorstands für Energiefragen zerstreitet sich die Familie der Thüringer Städte und Gemeinden. Nun ist eine Hitzige Debatte um "rollende Köpfe" entbrannt. Jenas OB Schröter droht mit einer Abspaltung der größeren Städte.
Erfurt. "Informationsveranstaltung" klingt harmlos. Die KEBT Aktiengesellschaft, sie bildet den Energiepool von über 800 Thüringer Gemeinden, hatte gestern Vormittag in Erfurts Messe eingeladen. Rund 200 Bürgermeister erlebten einen so handfesten Streit, dass er noch Folgen haben könnte.

Zum Beispiel diese: Der Gemeinde- und Städtebund Thüringen zerfällt. Er schrumpft zum Gemeindebund. Denn die größeren Städte scheren aus und gründen einen eigenen Interessenverband. Möglich wäre das.

Albrecht Schröter deutete gestern so etwas an. Er gehe extra vor ans Rednerpult, um Gesicht zu zeigen, sagte der Jenaer Oberbürgermeister. Und dann: Man verliere mit Thomas Lenz einen hervorragenden, stets integren Vorstand. Das würden die kreisfreien Städte, für die Schröter hier spreche, nicht hinnehmen. Es werde bereits ernsthaft überlegt, ob die größeren Thüringer Städte nicht ein eigenes Konstrukt fänden, um den Herausforderungen der Energiewende zu begegnen.

Das saß. Die offene Drohung mit dem Bruch machte den KEBT-Aufsichtsrat vorn im Podium zunächst mal sprachlos. Die fünf Herren mit Dame hatten geglaubt, mit ihrer Entsorgung von Lenz am 15. März einen Monate lodernden Streit vom Tisch zu haben. Frank Rostek , Bürgermeister von Bleicherode, stellte sich gestern schon mal als Nachfolger des einzigen KEBT-Vorstands vor und dankte dem "ehemaligen Herrn Lenz" für dessen geleistete Arbeit. So viel zum Tagesordnungspunkt Personalfragen.

Ein Teil der Anwesenden glaubte wohl tatsächlich, auf so kaltschnäuzige Tour einen Hahnenkampf zwischen Lenz und dessen früherem Weggefährten beim Gemeinde- und Städtebund, Jürgen Gnauck, ad acta gelegt zu haben. Wenn die Streit haben, sollen sie ihn doch im stillen Kämmerlein weiter austragen, gab sich Reimund Gotzel versöhnlich. Man darf dem Vorstandschef der Eon Thüringer Energie zutrauen, dass er sehr wohl weiß, worum es wirklich ging.

Nämlich um Macht und Einfluss im Unternehmen, heute und vor allem in der Zukunft. Eon Thüringen gehört nur zu 53 Prozent dem Energiekonzern. Die restlichen 47 Prozent sind in Händen der Gemeinden, die entsprechend mitreden wollen. Das stört die private Seite gelegentlich.

Vor allem Jürgen Gnauck. Ausgerechnet ihn, den die Kommunen 2005 als ihren Mann in die Vorstandsetage von Eon Thüringen geschickt haben. Als der Energieversorger im November 2010 meinte, die Netzbetreibung besser in eine neue, hundertprozentige Tochtergesellschaft Thüringer Energienetze (TEN) auszulagern, war es Gnauck, der darauf bestand, die Kommunen hätten in den Entscheidungsgremien der TEN nichts zu suchen. Warum auch. Die TEN, es gibt sie inzwischen, übernahm ja "nur" das Eigentum an den Netzen, sämtliche Konzessionsverträge und ein paar mehr als 800 Mitarbeiter. Lenz sperrte sich und informierte die kommunalen Aktionäre im Mai 2011, was da gerade läuft. "Wir waren uns damals einig, dass der Gnauck uns verarscht", rief gestern einer aus Gotha.

Richtig, das war man. Es folgte die Aufforderung, Gnauck von seinem Vorstandsposten bei der Eon Thüringen abzuberufen. In Abstimmung mit dem KEBT-Aufsichtsrat leitete Lenz die juristisch notwendigen Schritte dafür ein.

Er hätte Gnauck besser einschätzen sollen. Der einst so gewiefte Kämpfer für kommunale Interessen kämpfte ab sofort für seine eigenen. Er stellte dem KEBT-Aufsichtsrat den begehrten Gremiensitz bei der TEN in Aussicht, forderte dafür aber "den Kopf" von Lenz. Freilich nicht blutrünstig im Wortsinne. Gnauck ist ein großer Freund bildhafter Sprache und markiger Sprüche. Gemeint waren Lenz Ämter.

Das schienen einige gestern nicht ganz zu blicken. Als der Bürgermeister von Großschwabhausen, Hans-Jürgen Schaffarzyk, für die offensichtliche Intrige nun seinerseits "den Kopf" des KEBT-Aufsichtsratschefs Horst Brandt forderte, sah Kahlas Hauptamtsleiter Helmut Weiler schon Szenen einer Richtstatt vor sich. Ein Graus für einen Christenmenschen, man sei doch "hier nicht im Krieg" und sollte die Schaden stiftenden Kindereien tunlichst unterlassen.

Kindereien? Im Jahr 2007, berichtete der nur noch als "Gast" anwesende Lenz, habe der Eon-Konzern die Idee gehabt, den Vertrieb seiner insgesamt sieben Regionalgesellschaften in München zu konzentrieren. Arbeitsplatzabbau Ost, Aufbau West? Gnauck habe massiv dafür geworben, aber Lenz machte damals schon den Gegenspieler. "Die anderen sechs haben richtig viel Geld verbrannt", sagte er, die würden Thüringen jetzt echt beneiden. Bereits zu dieser Zeit zerbrach das bis dahin gute Verhältnis von Gnauck und Lenz, begründet aus einer Zeit, als der eine Geschäftsführer des Gemeinde- und Städtebundes und der andere sein Stellvertreter war.

Herr Gnauck sei nun mal ein Alphatier, befand Heidemarie Walther , Bürgermeisterin in Schleiz und KEBT-Aufsichtsratsmitglied. Wer sich von ihm unterbuttern lasse, sei selbst schuld. Die KEBT habe nun ihren Posten bei der TEN und also ihr Ziel erreicht.

Gnauck aber auch. Nur dass Lenz und mit ihm etliche Bürgermeister nicht verstehen wollten, auf welch wundersame Weise das Vertrauen der kommunalen Aktionäre in den Eon- Thüringen-Vorstand Gnauck zurückgekehrt sein soll. Barbara Rinke , Bürgermeisterin in Nordhausen, sprach von einer "bisher nie erlebten Vertrauenskrise". Obwohl sie schon seit 18 Jahren beim Gemeinde- und Städtebund im Präsidium sitze, habe sie vom Hinausdrängen des KEBT-Vorstands Lenz aus der Zeitung erfahren.

Albrecht Schröter forderte schnellstmöglich eine Hauptversammlung der kommunalen AG. Aufsichtsratschef Brandt sagte sie "innerhalb von sechs Monaten" zu. Nein, unverzüglich, hieß es. Acht Wochen Vorbereitung sollten reichen.


Volkhard Paczulla / 29.03.12 / OTZ
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Kommentare
27.03.13 - 07:03
Gutbürger
Die Dorfbürgermeister werden sich noch umgucken, wo es ohne Jena, Erfurt und Gera hingeht.
30.03.12 - 06:58
Rolf
Das übliche Gezerre unserer Volksvertreter um Macht, Ruhm und Posten!Schließlich müssen die wichtigen Dinge zuerst erledigt werden. Später kann man sich dann um das Volk kümmern (vielleicht).
 
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