News zur Zwickauer Terrorzelle der Jenaer Neonazis Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe
Eichsfelder Landrat: NPD soll sich nicht an der Heimat vergreifen
Porträt
Landrat Werner Henning: Heimat ist überparteilich. Foto: Sebastian Grimm
Landrat Werner Henning hat sich am Mittwoch in einer langen und höchst engagierten Rede im Kreistag gegen den Missbrauch der Begriffe Eichsfeld, Heimat und Heimattag durch die rechtsextreme Partei NPD verwahrt. Gerichtet war seine auf den für den 5. Mai in Leinefelde angekündigten zweiten "Eichsfelder Heimattag" bezogene Erklärung an NPD-Kreistagsmitglied Thorsten Heise.
Eichsfeld. Von diesem verlangte er, sich als Kreistagsmitglied seines Ehrenamtes im Landkreis bewusst zu sein, und ein solches Verhalten an den Tag zu legen, das dessen Normen nicht widerspreche. Und er forderte ihn auf, diese Veranstaltung abzusagen "und unsere Empfindungen [...] nicht so mit Füßen zu treten." Am Ende seiner Rede, die auf dem mit dem Glauben verbundenen Eichsfelder Heimatbegriff aufbaute, wiederholte Henning, der am 22. April erneut zur Landratswahl antritt, die Aufforderung, den Antrag zurückzunehmen. Und er meinte, dass seine Argumentation "im Zusammenhang des gerade auf Bundesebene in Gang gekommenen NPD-Verbotsverfahrens eine keineswegs uninteressante sein dürfte". Zu bedenken sei auch, dass er gegebenenfalls auf der Grundlage der Artikel 1 und 4 des Grundgesetzes "einen Eingriff in unsere Gewissensfreiheit rechtlich geltend machen würde". Ob das Eichsfeld dafür ein Anwendungsbeispiel abgeben würde, läge ganz bei Heise, und ein solcher Fortgang wäre dessen Reputation in der NPD "gewiss auch nicht dienlich".Noch nie, auch nicht im "Dritten Reich" und in der DDR habe eine hier etablierte Partei einen Heimattag oder Eichsfelder Heimattag ausgerufen und damit auf den Heimatbegriff zugegriffen beziehungsweise ihn missbraucht. Nun versuche aber die NPD, in ein Gebiet, das sie nicht verstehe, "einzudringen, um sich dieses selbst gefügig zu machen". Leider sei eine Schwäche des Rechtssystems, "dass die derzeitige Gesetzeslage gewachsene landschaftliche Prägungen zu wenig vor solchen Zudringlichkeiten schützt, in deren Umfeld auch manch andere schillernde Erscheinungen - mitsamt des hiermit einhergehenden martialischen Sicherheitsaufwandes - erduldet werden müssen", sagte Werner Henning
.Weil hier der Heimatbegriff mit dem Glauben verwoben sei, seien wirkliche Eichsfeldtage wie die des Heimat- und Verkehrsverbandes nie ohne Gottesdienst zu denken. Überdeutlich geworden sei dies im vergangenen Jahr, als Papst Benedikt den "Eichsfeldtag" in Etzelsbach mit 92.000 Menschen geradezu geheiligt habe. Henning: "Der gemeinsame Gesang des Eichsfeldliedes, in seinem Beisein, war deshalb das tausendfach bekundete Einssein mit dem, was wir Heimat nennen, woran Sie, Herr Heise, nie wieder wagen sollten, sich zu vergreifen." Denn der Zugriff auf dieses Format habe schon den Charakter eines Sakrilegs.
Gerade wegen der barbarischen Erfahrungen in der Nazizeit sei der direkte Bezug auf den Gott der abendländischen Kulturgeschichte ins Grundgesetz geschrieben worden, als das Bekenntnis zu einer Sittlichkeit vor aller Politik. Ein Missbrauch eines davon geprägten Heimatbegriffs sei durch nichts zu tolerieren, und eine solche Frage würde er auch höchstrichterlich aushandeln lassen.Dem aus Niedersachsen zugezogenen NPD-Mann im Kreistag hielt Henning auch vor, nie sachdienliche Beiträge geleistet zu haben. Und er forderte von ihm, Fretterode nicht weiter mit den aus seiner Gesinnung resultierenden Kalamitäten, die er "mit dem Umzugswagen mit zu uns verfrachtet" habe, zu behelligen. Heise solle dankbar sein für die Ruhe, die er und seine bedauernswerte Familie hier erführen, "und uns nicht mit der Unruhe Ihres Umfeldes abstrafen". Zudem kündigte Henning an, künftig mehr darauf aufzupassen, dass nicht junge Menschen von braunem Gedankengut verführt werden, eventuell auch mit Hausbesuchen. Für den Fall, dass die NPD-Veranstaltung am 5. Mai stattfindet, gab Henning die Einladung der Leinefelder Pfarrer zu einer zeitgleichen Maiandacht in der St. Bonifatius-Kirche weiter. Eine in der Region gewachsene religiöse Ausdrucksform halte er eher geeignet, sich wirksam und tiefgründig zur Wehr zu setzen, als politische Gegendemonstrationen. Diese seien mit Risiken verbunden und könnten anderen Extremen eine Plattform bieten. Die eigentlichen Adressaten solcher Signale müssten aber Gesetzgeber und Rechtssprechung sein. Sie sollten das Eichsfeld davor schützen, "dass nicht unter dem Deckmantel des Versammlungsrechtes eine Zerstörung unserer eigenen Kultur erfolgt".