Mehr als die Hälfte der Deutschen fühlen sich auf Arbeit gestresst
Porträt
In Thüringen liegt die Zahl derer, die sich auf arbeit "gehetzt" fühlen sogar noch über dem Bundesdurchschnitt. Etwa 60 Prozent fühlen sich im Freistaat gestresst. Dieses Thema bedarf viel Vorsicht und Einfühlungsvermögen des Umfeldes. Foto: OTZ
Dass laut DGB-Umfrage noch immer 40 Prozent der Thüringer Arbeitnehmer gute Gründe zur Abwanderung sehen, sollte nicht nur den Wirtschaftsminister beunruhigen. Es greift Unzufriedenheit mit Niedriglohnland und mangelnder Mitbestimmung um sich.
Erfurt. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Beschäftigten in Deutschland fühlt sich auf Arbeit gehetzt und gestresst. Das berichtete OTZ gestern mit Bezug auf eine Umfrage des Gewerkschaftsbundes. "In Thüringen beklagen Arbeitshetze sogar 60 Prozent", präzisiert Wirtschaftsminister Matthias Machnig
(SPD). Woher er das weiß? Er hat im Rahmen der DGB-Hauptstudie zusätzlich 903 repräsentativ ausgewählte Beschäftigte aus Thüringen befragen lassen. Mit den Schwerpunkten Identifikation, Arbeitsbelastung, Einkommen, Neigung zum Abwandern. Die Ergebnisse sind zum Teil überraschend. Die Thüringer fühlen sich im Ländervergleich nicht nur am stärksten belastet. Sie identifizieren sich gleichzeitig stark mit ihrer Arbeit (94 Prozent der Befragten) und mit ihrem Betrieb (79 Prozent). Man lobt die Kollegialität am Arbeitsplatz (95 Prozent) und fühlt sich vom unmittelbaren Vorgesetzten wertgeschätzt (79 Prozent). Aber das war es dann auch. Nur jeder dritte Befragte gibt an, tatsächlich so lange zu arbeiten, wie es im Arbeitsvertrag steht. Alle anderen schrubben Überstunden. Und das insgesamt zu Löhnen, die nur 44 Prozent für angemessen halten. Tatsächlich liegt das Thüringer Lohnniveau im Ländervergleich an vorletzter Stelle. Nur in Mecklenburg-Vorpommern ist Arbeit noch weniger wert. 45 Prozent der Thüringer Beschäftigten verdienen maximal 1500 Euro. Und nur 57 Prozent sind bei Arbeitgebern beschäftigt, die Sonderzahlungen wie Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Boni oder ein 13. Monatsgehalt für angemessen halten. In Westdeutschland sind Sonderzahlungen für 75 Prozent der Beschäftigten normal.
Kein Wunder, wenn 84 Prozent der Thüringer sagen, ihr Einkommen liege deutlich unter dem, was sie im Westen verdienen würden. Bessere Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten nennen noch immer 40 Prozent als Hauptgründe, aus Thüringen abzuwandern. "Eine erschütternde Zahl", findet Minister Machnig. Zumal die größte Abwanderungsbereitschaft unter den Hochqualifizierten und jungen Frauen ohne Kind auszumachen sei: "Ausgerechnet diejenigen, die wir am dringendsten brauchen." Machnig hat die Zahlen gestern in Erfurt bei einer Betriebs- und Personalrätekonferenz vorgestellt. Es gab 250 Anmeldungen, 280 Interessenvertreter der Arbeitnehmer sind gekommen. Stefan Körzell, der DGB-Chef für Hessen und Thüringen, stellt eine wachsende Zahl von Betriebsratsgründungen fest. "Die Zeit, in der wir in Thüringen am Katzentisch saßen, ist vorbei", glaubt er. Der Wunsch nach Mitbestimmung im Arbeitsalltag wächst, bestätigt die DGB-Studie. Aber gut bestückt mit Personalräten ist im Freistaat nur die öffentliche Verwaltung (87 Prozent). Lediglich 22 Prozent der Firmen am Bau haben Betriebsräte. Im schlecht bezahlten Gastgewerbe sind es nur elf Prozent. Körzell: "Im Thüringer Bereich Handel, Nahrung und Genuss reden wir noch immer nicht über Flächentarife. Da ist jeder Abschluss Häuserkampf." Es gehe nicht um ein Lohnniveau wie in Hamburg oder Düsseldorf, bleibt Machnig auf dem Thüringer Teppich. Aber die DGB-Umfrage zeige deutlich: Wenn morgen keiner mehr hier ist, der zu Thüringer Bedingungen arbeiten will, dann sei das "das Ende jedes Geschäftsmodells".